Panorama

«Das Minarett-Inserat ist ein Grenzfall»

Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 23.09.2009

Politisieren nun auch die Werber? Frank Bodin hat den Gegnern der Minarett-Initiative ein Plakat entworfen – kostenlos. Im Interview rechtfertigt er das Projekt.

Gegen die Minarett-Initiative: Das Inserat von Euro RSCG.

Gegen die Minarett-Initiative: Das Inserat von Euro RSCG.

Frank Bodin ist Chef der Werbeagentur Euro RSCG und Werber des Jahres 2009.

Frank Bodin ist Chef der Werbeagentur Euro RSCG und Werber des Jahres 2009.

«Schlecht für die Schweiz»: Das Inserat der Minarett-Gegner und Befürworter der Initiative.

«Schlecht für die Schweiz»: Das Inserat der Minarett-Gegner und Befürworter der Initiative.

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Pro und Contra Minarette

Vor einem Jahr hat das Initiativkomitee «Gegen den Bau von Minaretten» über 100'000 Unterschriften eingereicht. Mit Plakaten und Inseraten wollen vorwiegend SVP-Politiker den Bau von Minaretten in der Schweiz verhindern. Nun schlagen die Initiativ-Gegner zurück: Die Gesellschaft für Minderheiten, Iras Cotis, die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus und das Zürcher Lehrhaus haben in Zusammenarbeit mit der Agentur Euro RSCG ebenfalls ein Inserat entworfen.
Über die Initiative soll Ende November 2009 abgestimmt werden.

Herr Bodin, ist Ihre Werbung gegen die Minarettverbots-initiative nicht vor allem Werbung in eigener Sache?
Nein, überhaupt nicht. Wir arbeiten schon seit über zwei Jahren mit der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft Iras Cotis zusammen. Es handelt sich also um ein längeres Engagement. In dieser Sache hat diese uns angefragt und um Unterstützung gebeten. Dass das jetzt an meiner Person aufgehängt wird, finde ich selbst unnötig.

Ist es üblich, dass für Kunden gratis Inserate entwickelt werden?
Die meisten Agenturen machen zwischendurch Aufträge kostenlos. Als Agenturchef habe ich von Beginn weg bestimmt, dass wir Institutionen unser Wissen und Engagement zukommen lassen, die sich das nicht leisten können. Quasi als eine Art Kulturprozent. Dazu gehört die Tibet-Kampagne, Werbung für das Zürcher Kammerorchester oder eben Iras Cotis.

Haben Sie derzeit so wenig Aufträge, dass Sie dafür Zeit haben?
Wie gesagt, es handelt sich um zwei, drei ausgewählte Partner. Und macht etwas mehr als ein Prozent unserer Aufträge aus. Wir machen das nicht, weil wir gerade mal eine lustige Idee haben. Dahinter steckt ein nachhaltiges Engagement. Aber wenn Sie schon fragen: Die Auftragslage ist, wie in vielen Agenturen, angespannt, ich muss scharf rechnen. Solange es dem Unternehmen einigermassen gut geht, kann ich solche Einsätze verantworten.

Werber, die politisieren – finden Sie das in Ordnung?
Wir machen keine Politwerbung. Wir sind eine Werbeagentur und wollen keine Politagentur sein. Das Minarett-Inserat ist also ein Grenzfall. Mir liegt jedoch das Thema Religionsfreiheit am Herzen, ich halte es für eine grundrechtliche Angelegenheit und bin für den interreligiösen Austausch. Auch wenn ich nicht parteipolitisch tätig, sondern politisch neutral bin, kann ich voll und ganz zu diesem Projekt stehen.

Für welche anderen politischen Themen würden Sie sonst noch Werbung machen?
Da fällt mir nichts ein. Ich habe aber einen Ethik-Kodex für die Agentur geschrieben, um Grenzen zu definieren. Was gegen gute Sitten verstösst, irreführend ist, die Menschenrechte oder den guten Geschmack verletzt, machen wir nicht.

Welche Auswirkung wird das Inserat haben?
Das müssen wir realistisch sehen, für eine mediale Verbreitung ist kein Geld vorhanden. Die Kampagne kann nicht gross geschaltet werden. Nach meinem Politverständnis hat aber die Initiative der SVP ohnehin keine Chance. Es bräuchte unsere Kampagne also gar nicht.

Warum gibt es sie trotzdem?
Es ist immer gut, wenn es Gegenstimmen gibt. Die Minarett-Initiative wird auch im Ausland thematisiert und wirft ein schiefes Licht auf unser Land. Das haben wir bereits mit der Schäfchen-Kampagne der SVP erlebt. Da galten wir plötzlich als radikales Land. Das steht im Widerspruch zur Tradition unseres Landes, die Neutralität, Offenheit und humanitäres Engagement hochhält. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.09.2009, 17:00 Uhr

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