Das Rätsel des Jahrhundert-Diamantenraubes
Von Ignaz Staub. Aktualisiert am 09.04.2009 2 Kommentare
Leonardo Notarbartolo.
Am Ende war es einem 59-jährigen belgischen Rentner und einem dreijährigen italienischen Mädchen zu verdanken, dass der freche Einbruch in den Tresorraum des Antwerpener Diamantenzentrums nicht ein perfektes Verbrechen blieb. Beinahe wäre es den fünf Tätern am 15. Februar 2003 gelungen, mit einer geschätzten Beute von 100 Millionen Dollar unentdeckt zu entkommen. Denn sie hatten alles richtig gemacht, waren problemlos in einen Raum eingedrungen, den zehn verschiedene Sicherheitseinrichtungen schützten, hatten 109 Tresorfächer geknackt und sich unbehelligt über die Grenzen nach Italien abgesetzt.
Hintergründe dieses «Jahrhundertraubs» im Antwerpener Diamantenviertel sind erst jetzt bekannt geworden, nachdem sich Leonardo Notarbartolo im Gefängnis wiederholt mit Joshua Davis, einem Reporter des amerikanischen Magazins «Wired», unterhalten hatte. Dessen Geschichte ist nun in der April-Ausgabe der Zeitschrift erschienen. Notarbartolo selbst wurde im März vorzeitig aus der Haft entlassen; ursprünglich hätte er zehn Jahre sitzen müssen. Er, der im Alter von sechs Jahren zu stehlen begann, hatte schon vor dem Raub in Antwerpen Dutzende grösserer Einbrüche auf dem Kerbholz. Er stahl, wie er «Wired» sagte, nicht mehr des Geldes wegen. Er stahl, weil er ein geborener Dieb war.
Den Einbrechern unterlief damals im Winter 2003 nur ein kleiner, aber folgenschwerer Fehler. Am Rande der Autobahn E 19 bei Antwerpen entsorgten zwei von ihnen einen Abfallsack, der ausser einigen Überresten der Beute allerlei Müll enthielt, der vom Einbruch stammte. Weil einen der Männer plötzlich eine Panikattacke überkam, mussten sie ihren Abfall etwas überstürzt zurücklassen, wähnten sich aber angesichts der Büsche und Bäume entlang der Strasse noch immer sicher.
Die beiden Diamantendiebe hatten nicht mit der Ordnungsliebe des 59-jährigen August Van Camp gerechnet. Der Belgier besass das fragliche Waldstück an der E 19 und hatte sich wiederholt bei der Polizei beschwert über Abfall, den Automobilisten auf sein geliebtes Land warfen. Als er am 17. Februar 2003, zwei Tage nach dem Raub in Antwerpen, im Dickicht den Müll entdeckte, rief er erneut die Polizei an und berichtete empört, was er alles gefunden habe. Van Camp erwähnte weisse Briefumschläge, auf denen «Diamantenzentrum, Antwerpen» stand, und da wurden die Ermittler mit einem Schlag hellhörig. Diesmal hörten sie dem Rentner zu.
Ein aufschlussreiches Puzzle
Im Wald fanden die Detektive unter anderem Papierschnitzel, die sich wie ein Puzzle zusammenfügen liessen. Es war die Rechnung für ein Videoüberwachungssystem, das ein gewisser Leonardo Notarbartolo, der damals 51-jährige Kopf der Einbrecherbande, in Belgien gekauft hatte. Vier Tage später durchsuchten Ermittler aufgrund dieses Hinweises Notarbartolos Mietwohnung in Antwerpen und fanden weitere Indizien, die den Italiener mit dem gewagten Raub in Antwerpen in Verbindung brachten.
Das allein aber hätte noch nicht gereicht, um Leonardo Notarbartolo zu fassen. Der hatte sich gleichentags aus seinem Haus in der Nähe von Turin auf den Weg zurück nach Antwerpen gemacht, um seinen Mietwagen rechtzeitig zurückzubringen und im Diamantenzentrum, wo er seit 2000 ein kleines Büro gemietet hatte, nicht als verschwunden aufzufallen. Notarbartolo war noch im Auto unterwegs, als italienische Polizisten aufgrund eines Hinweises der belgischen Kollegen sein Turiner Domizil umstellten. Worauf Sohn Marco wiederholt versuchte, den Vater anzurufen, um ihn zu warnen.
Doch das Handy in Notarbartolos Jackentasche blieb stumm. Seine dreijährige Enkelin hatte am Vortag beim Spielen mit dem Telefon zufällig den Klingelton ausgeschaltet. Der Italiener fuhr deshalb direkt in die Arme der Antwerpener Detektive, die ihn im Diamantenzentrum festnahmen, wo er freundlich mit dem Hausverwalter am Plaudern war. Notarbartolo führte die Polizei zu seiner Wohnung, in der die Ermittler jene Indizien fanden, die es der belgischen Justiz später erlaubten, mit einer Ausnahme auch die übrigen Mitglieder der Bande zu verhaften, vor ein Gericht zu stellen und in allen Fällen zu mehrjährigen Haftstrafen zu verurteilen.
Notarbartolos Version der Ereignisse vom 15. Februar 2003 muss nicht unbedingt stimmen. Doch der Italiener ist der Einzige, der bisher geredet hat. Seine Geschichte beginnt damit, dass ihn im Sommer 2001 in Antwerpen ein geheimnisvoller jüdischer Diamantenhändler kontaktierte, dem er gelegentlich gestohlene Edelsteine verkauft hatte. «Ich möchte Sie für einen Raub anheuern», habe der Mann gesagt: «Für einen grossen Raub.» Der Händler habe ihm 100'000 Euro geboten, um eine einfache Frage zu beantworten: Kann der Tresorraum im Diamantenzentrum Antwerpens geknackt werden? In der zweitgrössten Stadt Belgiens werden 70 Prozent der weltweit hergestellten Rohdiamanten gehandelt, vor allem von jüdischen und indischen Kaufleuten. Leonardo Notarbartolo nahm die Herausforderung an und rekognoszierte, als Besitzer eines Tresorfachs getarnt, mit einer in einem Filzschreiber versteckten Minikamera die fragliche Kammer im Keller des 14-stöckigen Gebäudes. Er kam zum Schluss, dass es unmöglich sei, in den Tresorraum einzubrechen, weil sich die mehrfachen Sicherheitsinstallationen nicht überwinden liessen. Das teilte er auch seinem Auftraggeber mit.
Doch der «diamantaire» bestellte ihn zu einer verlassenen Lagerhalle ausserhalb Antwerpens, um ihn, wie er sagte, «einigen Leuten» vorzustellen. Darin stand eine exakte Kopie des Tresorraums im Diamantenzentrum, die der Händler aufgrund der Aufnahmen von Notarbartolos Minikamera hatte bauen lassen. «Es war wie im Film», sagte der Italiener, der in diesem falschen Tresorraum seine künftigen Komplizen – alles Italiener – kennen lernte.
Da war «das Genie», das jede Alarmanlage überlisten konnte. Da war «das Monster», ein sensibler Muskelprotz, der alle Tricks des Metiers beherrschte. Und da war «der König der Schlüssel», ein ruhiger, älterer Herr, der jeden Schlüssel fälschen konnte. Zum Quartett sollte sich später noch «Speedy», ein Jugendfreund Notarbartolos, gesellen – jener Mann. der eine Panikattacke hatte, als er an der E 19 mit Leonardo Abfall entsorgte. Ihn hatten die übrigen Diebe erst nicht dabeihaben wollen, weil er zu nervös schien.
Den Einbruch am Modell geübt
Am Modell in der Halle übten die Männer in der Folge jeden Handgriff, jeden Schritt und jede Bewegung. Notarbartolo selbst sollte während des Einbruchs in seinem gemieteten Peugeot 307 vor dem grauen Gebäude Schmiere stehen. Dank Aufnahmen einer winzigen Videokamera, die der Kopf der Bande unbemerkt im Vorraum des Tresors installiert hatte und die ihre Aufnahmen an einen in einem Feuerlöscher versteckten Empfänger funkte, kannten die Einbrecher aus 100 Millionen möglichen Kombination den richtigen Code des Schlosses für die Türe zum Tresorraum.
Die Minikamera schoss auch Bilder des Schlüssels, mit dem sich nach Eingabe des Codes die drei Tonnen schwere Tresortüre öffnen liess. Als Nächstes galt es, mit einer Aluminiumplatte ein Magnetfeld zu neutralisieren, das die Tür überwachte und Alarm ausgelöst hätte, wenn sie geöffnet worden wäre. «Das Genie» erledigte das. Weiter musste «das Monster» im Tresorraum selbst die Bewegungs-, Wärme- und Lichtmelder täuschen sowie die Videoüberwachung blenden. Und schliesslich waren im Dunkeln noch über 100 Tresorfächer zu knacken – mit Handbohrern.
All dies schafften die Einbrecher an jenem Samstag, dem 15. Februar 2003, ohne Probleme, wobei sie zu teilweise simplen, aber wirksamen Tricks griffen. Den kombinierten Bewegungs- und Wärmemelder im Tresorraum hatte Notarbartolo tags zuvor mit Haarspray zeitweise ausser Gefecht gesetzt. Während des Einbruchs – die Zeit drängte – legte «das Monster» die Sensoren lahm, indem er, was er im Dunkeln oft geübt hatte, zwei Drähte an der Decke kurzschloss. Den exakt kopierten Schüssel brauchten die Männer nicht: Das Original fand sich in einer Abstellkammer vor dem Tresor.
Am Sonntagmorgen gegen halb sechs verliessen die Diebe den Tresorraum des Diamantenzentrums, stiegen mit ihren Sporttaschen die Treppen hoch und verliessen das Gebäude über einen Balkon im zweiten Stock, nachdem sie am Abend zuvor auch dort den Wärmemelder ausgeschaltet hatten. Doch als die fünf Männer später in Notarbartolos Wohnung in Antwerpen die Beute inspizierten, erschraken sie. Etliche der kleinen Ledertaschen, in denen Diamanten hätten sein sollen, waren leer. Statt wie erwartet auf 100 Millionen schätzen sie den Wert ihrer Beute lediglich auf 20 Millionen Dollar. «Man hat uns reingelegt», sagt der Bandenchef.
Notarbartolo zufolge war der Einbruch Teil eines gigantischen Versicherungsbetrugs: Der Diamantenhändler, der ihm den Auftrag gab, und dessen Komplizen hätten vor dem Raub ihre Tresorfächer geleert, später aber den Inhalt der Fächer als gestohlen gemeldet. Jene Diamanten, die er und seine Männer mitgehen liessen, hätten anderen Händlern gehört, die nichts vom Coup gewusst hätten. Auf jeden Fall hatte die südafrikanische Firma De Beers noch am Donnerstag, also zwei Tage vor dem Raub, eine grössere Ladung Steine nach Antwerpen transportiert.
Steckt die Mafia dahinter?
Nach wie vor schliessen die belgischen Ermittler nicht aus, dass Notarbartolo und seine Gang im Tresorraum des Diamantenzentrums doch Ware im Wert von 100 Millionen Dollar gefunden haben. Demzufolge erfindet der italienische Profidieb nun eine Geschichte, um den wahren Wert der Beute zu vertuschen. Die italienische Polizei glaubt, Notarbartolo unterhalte Verbindungen zur sizilianischen Mafia. Einer seiner Cousins soll sogar als nächster «capo dei capi» der Organisation vorgesehen sein. «Wired» gegenüber hat Notarbartolo eine Mafia-Verbindung aber stets dementiert.
Die Beute aus dem «Jahrhundertraub» in Antwerpen von 2003 bleibt bis heute verschwunden, und zwar die ganze. Und obwohl Notarbartolo dem Reporter von «Wired» Einblick in die Operation gewährt hat, versteht die belgische Polizei nach wie vor nicht genau, wie es den vier Männern technisch möglich war, in einen zehnfach gesicherten Tresorraum einzudringen. «Der König der Schlüssel» wüsste es: Doch der wurde als Einziger der Diebe nie gefasst und ist unauffindbar.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.04.2009, 10:56 Uhr
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2 Kommentare
das macht laune! spannend sowie unterhaltsam wie in einem fiktiven hollywood-streifen à la 'oceans eleven': solche illegalen gauner haben bei mir eindeutig mehr sympathie und goodwill als die legalen und (bis anhin) hochangesehenen verursacher der jetzt globalen weltwirtschaftskrise ... Antworten

















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