Das Rätsel um die vier Lokführer

Gleich vier Lokführer sassen in den beiden in Oberbayern zusammengestossenen Zügen. Das macht menschliches Versagen weniger wahrscheinlich.

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Eine schreckliche Nachricht ist es für das Unternehmen. Eine Irritation aber ist es für alle, die nach der Ursache des Zugunglücks fragen: Am Zusammenprall zweier Personentriebwagen zwischen den Bahnhöfen Bad Aibling und Kolbermoor am Dienstag auf der eingleisigen Mangfalltalbahn waren nicht nur zwei, sondern gleich vier Lokführer der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) beteiligt. Damit stellt sich die Frage, ob die rasch aufgekommene These von menschlichem Versagen als Unglücksursache wirklich so wahrscheinlich ist, wie es am Mittwoch zunächst schien.

Den ersten Hinweis gab am Mittwoch Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL. In jedem Führerstand der beiden Züge vom Typ Flirt seien zwei Lokführer gewesen, sagte Weselsky. Der «Welt» bestätigte später ein Sprecher des BOB-Mutterkonzerns Transdev, dass sich nach Kenntnis des Unternehmens unter den insgesamt zehn Toten «auch einer der beiden Triebfahrzeugführer und ein Lehrlokführer der Bayerischen Oberlandbahn sowie ein weiterer Triebfahrzeugführer» befänden. Macht drei. Und schwer verletzt im Krankenhaus liege «der zweite Triebfahrzeugführer». Ob dieser Mann bereits vernommen werden konnte, ist offen.

Warum wartete 06 nicht?

Für die Frage nach der Unfallursache ist die Anwesenheit von gleich zwei Lokführern in den Führerständen jedes Zuges insofern relevant, als dadurch zweifelhaft wird, dass durch blosse Fehlentscheidungen eines Fahrdienstleiters in dem für den gesamten Streckenabschnitt zuständigen Stellwerk Bad Aibling zwei Züge in entgegengesetzter Richtung auf ein Gleis kommen konnten. Dies wurde am Dienstag in Medienberichten vermutet: Der Fahrdienstleiter hätte das automatische Blockiersystem der Punktförmigen Zugbeeinflussung (PZB) ausser Kraft gesetzt und einen zweiten Zug auf die Strecke gelassen. Kann man annehmen, dass dabei die beiden Lokführer im zweiten Zug umstandslos mitgemacht haben?

Minuten nach dem Zusammenprall: Videoaufnahmen aus dem Innern des Zuges (Video: Youtube/Marcel Coolio, 10. Februar 2016).

Sicher ist bisher dies: Die beiden Züge hätten sich im zweigleisigen Bahnhof Kolbermoor begegnen sollen. Dort war der Zug mit Fahrtrichtung Bad Aibling/Holzkirchen mit den Nummern-Endziffern 06 planmässig um 6.40 Uhr eingetroffen. Er musste bis 6.45 Uhr warten. Bis der Gegenzug aus Bad Aibling in Richtung Rosenheim (Endziffer 05) eintraf. Erst danach hätte 06 weiter nach Bad Aibling fahren dürfen.

Doch 05 hatte einige Minuten Verspätung und befand sich somit später als fahrplanmässig vorgesehen auf dem Abschnitt zwischen Bad Aibling und Kolbermoor. Sein Eintreffen in Kolbermoor abzuwarten hätte für 06 bedeutet, ebenfalls verspätet abzufahren. Und nun ist die Frage, warum 06 nicht wartete, sondern pünktlich um 6.45 Uhr aus Kolbermoor in Richtung Bad Aibling losfuhr und bald mit 05 kollidierte.

Kein dringender Tatverdacht

Hierfür hätte der Fahrdienstleiter in Bad Aibling, wenn es denn seine Schuld gewesen sein sollte, gewaltige Fehler machen müssen. Erstens hätte er vergessen müssen, dass er doch gerade erst 05 auf die Strecke gelassen hatte. Zweitens hätte er die Darstellung auf seinem Stellwerktisch ignorieren müssen, die ihm bei ordnungsgemässer Funktion angezeigt hätte, dass die Strecke durch 05 belegt ist. Drittens hätte der Fahrdienstleiter die Zugblockade durch PZB unterlaufen müssen. Normalerweise verhindert PZB jeden Doppelverkehr dadurch, dass ein zweiter Zug automatisch gestoppt wird. Mehr noch: PZB sorgt dafür, dass sich das Ausfahrtssignal in Kolbermoor bei belegter Strecke gar nicht auf Grün stellen lässt.

Denkbar ist nur, dass der Fahrdienstleister das Signal in Kolbermoor auf «Ersatzsignal» gestellt haben könnte. Dabei bleibt das Signal auf Rot, aber drei weisse Punkte zeigen an, dass trotzdem gefahren werden kann, wofür aber noch der Lokführer des ausfahrenden Zuges gleich zwei Mal eine Aufhebungstaste drücken muss, um den Stopp durch PZB zu verhindern. Hierfür sollte es eigentlich eine vorherige Absprache zwischen Fahrdienstleiter und Lokführer geben. Und fahren darf dieser Zug bei «Ersatzsignal» – vorgesehen für technische Störungen – nur mit stark verminderter Geschwindigkeit. Offenbar aber fuhr Zug 06 beim Zusammenprall genau wie 05 mit hohem Tempo.

Keine Hinweise auf Fehler bei der Technik

Vor diesem Hintergrund gibt es bei den bisherigen Thesen zum menschlichen Versagen erhebliche Zweifel. Denn der Fahrdienstleister hätte eine ganze Kette krasser Fehlentscheidungen treffen müssen. Und nach denen hätten sich dann die beiden Lokführer von 06 geradezu blind richten müssen.

Polizei und Staatsanwaltschaft jedenfalls verwahrten sich am Mittwoch gegen die vorherigen Spekulationen über eine Schuld des Fahrdienstleiters. Aus dessen Befragung gleich nach dem Unglück ergebe sich «kein dringender Tatverdacht», sagte ein Polizeisprecher. Folglich ist bei den Ermittlungen, an denen auch das Eisenbahn-Bundesamt und die Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes beteiligt sind, weiterhin alles offen.

Das Rätsel wird umso grösser, als es ebenfalls keine Hinweise auf Fehler bei der Technik oder bei der Signalbedienung durch einen der Lokführer gebe, wie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) am Unfallort sagte. Aufschluss könne erst die Auswertung der insgesamt drei Blackboxes liefern. Von denen waren bis Mittwochnachmittag erst zwei geborgen worden. («Die Welt») (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.02.2016, 09:00 Uhr)

Dieser Text stammt aus der Zeitungskooperation Leading European Newspaper Alliance (LENA). Ihr gehören neben der «Welt» die italienische Zeitung «La Repubblica», «El País» aus Spanien, «Le Soir» aus Belgien, «Le Figaro» aus Frankreich sowie aus der Schweiz «La Tribune de Genève» und «Tages-Anzeiger» an.

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