Das Schweizer Hauptstadt-Problem: Gratis-WC verzweifelt gesucht

Plötzlich muss es schnell gehen. Doch wo findet man in der Berner Innenstadt noch gratis ein Örtchen? Tagesanzeiger.ch/Newsnetz liefert den Stadtplan fürs dringendste aller Geschäfte.

Bild: BZGrafik: Signer

Warenhaus-Toiletten für alle

Die grösste Gratistoilette ist in der Migros Marktgasse. Der Konzern sieht dies als «Dienstleistung». Die Stadt will über die Bücher. Für Ortsfremde endet die Suche nach öffentlichen WCs in Bern meist im Coop-Ryfflihof oder in der Migros Marktgasse. Für Ryfflihof-Geschäftsführerin Christine Hofstetter ist dies ein Problem. «Unsere Kunden müssen leider längere Wartezeiten in Kauf nehmen», sagt sie.

Auch das Migros-Restaurant in der Marktgasse und das Warenhaus Loeb werden täglich von WC-Suchenden überflutet. «Für uns geht das in Ordnung», sagt Loeb-Marketingleiter Ronald Christen. «Es kostet einfach Geld, denn die Toiletten werden mehrmals täglich gereinigt.» Auch Barbara Siegenthaler von der Pressestelle Migros Aare betont: «Unsere Toiletten sind für alle da. Wir verstehen das als Dienstleistung.»

Doch sowohl Siegenthaler wie auch Christen betonen, dass die Stadt zu wenig öffentliche WCs anbiete. Die Zuständigkeit liegt bei den Stadtbauten Bern (StaBe). Man werde sich an einer Sitzung im Mai dem Thema widmen, heisst es dort auf Nachfrage.

Die Warteschlange vor der Migros-Toilette zieht sich oft bis weit ins Selbstbedienungsrestaurant hinein. Der Standort sei suboptimal, sagt Barbara Siegenthaler. Deshalb soll die Toilette bis Ende 2010 leicht verschoben werden. «Doch sie bleibt gleich gross und auf dem gleichen Stockwerk.»

Anders im Ryfflihof. Dort wird im Rahmen des Umbaus die Toilette derzeit in den dritten Stock verlegt. Will man etwa durch den längeren Weg das WC für Nichtkunden unattraktiver machen? «Nein», sagt Geschäftsführerin Christine Hofstetter. «Das WC muss ganz einfach im gleichen Stockwerk wie das Restaurant liegen. Und das Restaurant wird ebenfalls verlegt.»

Zum Glück gibts beim Berner Zytgloggeturm zusätzlich zum weltberühmten Glockenspiel noch das – weniger oft fotografierte – Pissoir. Die Männer erhalten die Möglichkeit, sich gratis zu erleichtern. Für Frauen und alle, die sitzen müssen, wird die Suche nach einem geeigneten Örtchen zum Orientierungslauf durch den Stadttschungel.

Denn frei zugängliche Gratistoiletten sind in den letzten Jahren zahlreicher aus Berns Gassen verschwunden als SP-Sitze aus dem Stadtrat. Zuletzt wurde das WC im Coop-City Spitalgasse geschlossen. Eine Ausnahme bildet die neu gebaute Doppeltoilette neben der Heiliggeistkirche. Leider ist diese Oase viel zu oft besetzt.

Schamgefühl

Was bleibt anderes übrig, als sein Geschäft in einer Ladentoilette zu erledigen, solange der Robidog für Zweibeiner keine Lösung ist? Doch der Versuch in diversen Kleiderboutiquen ist zum Scheitern verurteilt. «Kann ich Ihnen helfen?» – die obligate Frage der Verkäuferinnen treibt dem WC-Suchenden die Schamröte ins Gesicht. Und er verlässtzunehmend verkrampften Schrittes das Geschäft.

Erziehungsfragen

Bei den Fastfood-Giganten McDonalds und Burger King sind die Toiletten ebenso abgeschlossen wie im Restaurant Tibits im Bahnhof. Zeit, den vierstelligen Code zu knacken, hat nur, wer nasse Hosen riskiert. Das gleiche Schicksal erfährt man in den Kinos City und Splendid. Und der zaghafte Versuch, das Ciné Sex zu betreten, bricht der WC-Suchenden beim Gedanken an ihre protestantische Erziehung ab.

Verzweifelter Blick

Im Sportgeschäft Vaucher müsste sie beim Kundendienst den Toilettenschlüssel persönlich abholen. Sie fragt sich, ob man in der Not den gefährlichen Vaucher-Lift vollmachen darf? Leider fehlt diesem die schützende Türe.

Erlösung findet die Geplagte im Warenhaus Loeb. Zwar wurde das begehrte Örtchen dort ins fünfte Stockwerk verlegt. Ansonsten wird man für Berner Verhältnisse verwöhnt: Der verzweifelte Blick beim Verlassen des Aufzuges fällt dem geschulten Personal schneller auf, als man suchen kann: «Ah, Sie müssen gehen Sie links und dort vorne die zweite Türe rein.»

Endlich! (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.04.2009, 09:20 Uhr

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7 KOMMENTARE

Andre Perret

15.04.2009, 03:59 Uhr

Ich habe mich längstens daran gewöhnt, dass man nichts mehr gratis haben kann....sodass 'wenn's sein muss' ich einfach ins nächste Café, Restaurant oder McD trete, eine Tasse Kaffe kaufe um somit problemlos das WC zu benützen. Ja, das kostet zwar etwas Kleingeld, aber meine Zeit ist auch teuer....und zu viel Bezweiflung ist nicht gut für die Gesundheit. Auf die Dauer hin, doch die bessere Lösung!


Jo Mooth

14.04.2009, 13:44 Uhr

Schön wäre, wenn Schweizer Städte Servicestellen anbieten würden, mit WC, Trinkwasser und Erster Hilfe. Ist wohl zu viel verlangt in einem dem Tourismus abholden Land.


Fred Winkelried

14.04.2009, 10:36 Uhr

Es ist wie überall im Leben. Die Mehrheit der Bevölkerung leidet darunter, respektive zahlt den Preis für eine respekt- und anstandslose kleine Minderheit.


Denise Weber-Fauquex

14.04.2009, 09:33 Uhr

Das ist wirklich ein grosses Problem. Wir haben an der Seepromenade von Lutry nach Lausanne die meisten WC in der Schweiz angetroffen. Sonst ist dieses Angebot Mangelware. Die Schweiz sollte sich Friedrichshafen als Vorbild nehmen, dort hat es überall öffentliche WC's sowie Angebote in der Bibliothek und in den versch. Museen.


Werner Meier

14.04.2009, 09:00 Uhr

Gilt nicht nur für Bern: Mehr WCs, auch wenn's vielleicht was kostet. Oder sollen wir wieder an die Kirchenmauer pinkeln wie im Mittelalter?


John Falstaff

14.04.2009, 08:57 Uhr

Dieses Problem existiert auch in Basel. Ist man mit Besuchern unterwegs, merkt man bald, dass niemand an diese Kleinigkeit gedacht hat.


Christian Dür

14.04.2009, 08:29 Uhr

... wenn es in Bern so viele Toiletten wie Bankomaten hat, dann stimmt Ihre Recherche – bin letzthin mit dem natürlichen Drang nach Bargeld fast verzweifelt.



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