«Das kann das Leben eines Menschen zerstören»

Bill Cosby muss sich vor einem Bezirksgericht wegen sexuellen Missbrauchs verantworten. Im Prozess geht es um Privilegien, Sexismus und Unvoreingenommenheit.

Prozessauftakt für Bill Cosby: Der Entertainer wird beschuldigt, sich an rund 60 Frauen vergangen zu haben. (Video: Tamedia Webvideo/AFP)

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Wer wissen will, wie tief einer fallen kann, der sollte überprüfen, aus welcher Höhe er nach unten stürzt. Über den Schauspieler Bill Cosby stand am 17. Mai 1987 in der «New York Times»: «Der einflussreichste Prediger in Amerika ist nicht etwa Jim Bakker oder Jerry Falwell oder John O'Connor. Es ist Bill Cosby. Seine Sendung, ‹The Cosby Show›, bietet moralische Leitfäden, verkörpert warme Liebe und zeigt ein harmonisches Leben. Macht sie das vielleicht sogar religiös?» Bill Cosby war also mal: ein Vorbild, vielleicht sogar ein Heiliger, auf jeden Fall war er dem Himmel sehr nah.

30 Jahre sind eine kleine Ewigkeit, und wenn die Menschen heute über Bill Cosby sprechen, dann schwingt natürlich die Frage mit, ob er noch immer ein Heiliger ist, dem ein paar Leute aus Habgier und Geltungsdrang übel mitgespielt haben? Die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden, deuten dagegen auf einen ungebremsten Fall hin: Die damalige Uni-Angestellte Andrea Constand wirft Cosby vor, sie im Jahr 2004 betäubt und sexuell missbraucht zu haben. Seit Montag muss er sich vor einem Bezirksgericht im US-Bundesstaat Pennsylvania verantworten.

Cosby will nicht aussagen

Als Cosby am ersten Verhandlungstag zum Gericht kommt, da geht er nicht, er tapst eher. Er hakt sich bei seiner ehemaligen Filmtochter Keshia Knight Pulliam aus der «Cosby Show» und seinen Verteidigern unter, ohne Hilfe wäre er nicht in der Lage, seinen Platz im Gerichtssaal A zu finden. Er ist früh dran, mehr als eine Stunde vor Beginn der ersten Sitzung kommt er an, lange Zeit ist niemand im Saal ausser ihm und seinen Anwälten. Er unterhält sich mit seinem Anwalt, lässt sich Akten vorlesen. Er ist seit zwei Jahren blind und schwerhörig, aussagen will er nicht.

Irgendwann, da sitzt Cosby einen Moment lang alleine auf seinem Stuhl. Er wirkt müde. Spätestens in diesem Moment wird einem klar: Bill Cosby, das ist nicht der Typ aus dem Fernsehen. Man kennt diese Figur, gewiss, aber den Menschen, den kennt man nicht.

Es geht bei diesem Prozess nicht nur darum, ob Bill Cosby ins Gefängnis muss, im Falle einer Verurteilung drohen bis zu zehn Jahre Haft. Es geht um die Privilegien von Promis, um Rassismus und Sexismus, um den Einfluss von Medien und sozialen Netzwerken auf eine Gerichtsverhandlung – und damit auch darum, wie unvoreingenommen Geschworene einen Menschen beurteilen können, der so bekannt ist und über den so intensiv berichtet wird wie Cosby. Seine Anwältin Angela Agrusa sagt: «Ich kenne keinen Fall, bei dem die Öffentlichkeit einen Angeklagten derart geschlossen für schuldig hält.»

Das mutmassliche Opfer soll diese Woche aussagen

Dieser Satz ist bedeutsam, weil er zusammenfasst, was in den vergangenen zwei Jahren passiert ist. Insgesamt 57 Frauen haben Cosby beschuldigt, von ihm missbraucht worden zu sein, es gibt einige Zivilklagen. Bei diesen Verhandlungen geht es jedoch nur um mögliche Geldstrafen, der Strafprozess in Norristown ist der einzige, der Cosby ins Gefängnis bringen könnte. Andrea Constand, das mutmassliche Opfer, heute 44 Jahre alt, soll noch in dieser Woche aussagen – und sich damit zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren zu diesem Fall äussern.

Freunde bezeichnen sie am Montagmorgen als «ruhig und auch auf knifflige Fragen bestens vorbereitet». Die werden gestellt werden, Bill Cosbys Verteidiger Brian McMonagle gilt als ein Meister der Kunst, Geschworene durch klug formulierte Fragen an die Zeugen zu beeinflussen. Die wichtigsten Fragen dürften lauten: Warum hatte Constand erst ein Jahr nach der vermeintlichen Tat die Polizei kontaktiert? Warum hatte sie sich auch nach der fraglichen Nacht mit Cosby getroffen und ihm sogar Geschenke gemacht? Warum hatte sie einen Zivilprozess angestrengt, der 2006 gegen die Zahlung einer nicht publik gewordenen Summe eingestellt wurde?

Über eben diesen Zivilprozess und seinen Ausgang, das hat Richter Steven O'Neill vor einem Monat entschieden, darf bei dieser Verhandlung nicht gesprochen werden. Zulässig ist allerdings eine Aussage, die Cosby 2005 unter Eid gemacht hatte, der «Süddeutschen Zeitung» liegt eine Abschrift vor: Cosby gab zu, dass er Constand das Schlafmittel Methaqualon verabreicht und sie danach «an der Stelle, an der man in die Hose gelangt», berührt habe: «Ich habe nicht gehört, dass sie was gesagt hat. Ich habe weitergemacht und bin in diesen Bereich gelangt, der zwischen Erlaubnis und Ablehnung war. Ich wurde nicht aufgehalten.» Auf die Frage, ob er sich Methaqualon besorgt habe, um mit jungen Frauen zu schlafen, antwortete Cosby: «Ja.»

Über alles wurde gestritten

Im Pennsylvania des Jahres 2017 regnet es, als der Prozess am Montagmorgen in Norristown eröffnet wird. 34'000 Menschen leben hier, beinahe so viele Schwarze wie Weisse, knapp ein Drittel der Jugendlichen gilt als arm. Es ist kein Zufall, dass die Verhandlung hier abgehalten wird: Die Staatsanwaltschaft wollte, dass die Geschworenen aus dieser Gegend rekrutiert werden. Sie stammen jedoch, das hat die Verteidigung erwirkt, aus dem 500 Kilometer entfernten Pittsburgh.

Laut der US-Verfassung hat Cosby das Recht auf einen fairen und vorurteilsfreien Prozess, deshalb wurde für die Auswahl der Geschworenen viel Aufwand betrieben. 2934 Menschen wurden eingeladen und befragt, ob sie schon einmal etwas von Bill Cosby gehört haben. Ob ein Angehöriger vergewaltigt worden sei. Ob sie Rassisten seien. Nun gibt es nach heftigem Streit zwölf Geschworene, über die wenig bekannt ist: sechs weisse Männer, ein Afroamerikaner, eine Afroamerikanerin. «Wir glauben, dass Schwarze systematisch aussortiert wurden», sagt Anwalt McMonagle.

Gestritten wurde auch über die Zeugen: Die Staatsanwaltschaft wollte 13 Frauen befragen, Richter O'Neill liess nur Kelly Johnson zu. Die berichtet als erste Zeugin der Verhandlung unter Tränen, dass sie 1996 von Cosby betäubt und missbraucht worden sei: «Ich war nach der Einnahme der Pille benebelt. Er hat meine Hand mit Lotion eingerieben und hat dafür gesorgt, dass ich seinen Penis berühre. Ich war nicht in der Lage, dem zuzustimmen.» Später habe Cosby gefordert, dass sie als Assistentin seines Agenten entlassen werde. «Ich war gedemütigt. Ich fürchtete, dass mein Wort gegen das des grössten Stars der Welt steht.»

Zeugin im Kreuzverhör

Beim Kreuzverhör präsentiert McMonagle die Zeugin mit aggressiven Fragen als unglaubwürdig: «Haben Sie in den Neunzigern Drogen genommen? War Ihre Erinnerung 1996 nicht besser, als sie es heute ist?», fragt er und deutet an, Johnson sei Teil einer Verschwörung gegen Cosby, initiiert von der Anwältin Gloria Allred.

Ziel der Staatsanwaltschaft ist hingegen, Cosby als jemanden darzustellen, der Frauen regelmässig missbraucht habe und aufgrund seiner Prominenz damit davongekommen sei. Das wird zu Beginn der Verhandlung deutlich, als Staatsanwalt Steele seiner Kollegin Kristen Bennett die Bühne überlässt. Eine junge Frau, Afroamerikanerin, nichts bei dem Prozess ist Zufall. «Sie werden hören, wie der Angeklagte seine Tat geplant hat», sagt sie und beschreibt die Vorwürfe detailliert und drastisch; immer wieder zeigt sie auf Cosby und zitiert dessen Aussagen beim Zivilprozess. Verteidiger McMonagle kontert: «Was ebenso schlimm ist wie sexueller Missbrauch: falsche Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs. Das kann das Leben eines Menschen zerstören. Andrea Constand hat ihre Geschichte immer wieder geändert.»

Der Prozess in Norristown ist auf zwei Wochen angelegt. Es wird nicht nur darum gehen, ob Cosby eine junge Frau betäubt und sie danach sexuell missbraucht hat. Es wird auch darum gehen, welches Bild die Geschworenen im Kopf haben, wenn sie sich zur Beratung zurückziehen: das eines Heiligen oder das eines tief Gestürzten. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 06.06.2017, 12:45 Uhr

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