«Das war kein gewöhnlicher Erdrutsch»

Innerhalb von zehn Tagen sind im Tessin zweimal Erdrutsche niedergegangen. Doch das Unglück vergangene Nacht mit zwei Toten war offenbar das Resultat einer verheerenden Kettenreaktion.

Vom Haus sind nur noch Trümmer übrig: Aufnahmen vom Unglücksort. (Video: Youtube/cdtweb)


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Der Erdrutsch in Davesco-Soragno TI vom Sonntag mit zwei Toten und der Erdrutsch von vor zehn Tagen mit zwei Toten in Curio TI haben nicht die gleiche Ursache. Während in Curio nach starkem Regen sich am Hang eine tödliche Schlammlawine gelöst hatte, ereignete sich die Tragödie vom Sonntag auch wegen einer instabil gewordenen Mauer.

«Es handelte sich um keinen gewöhnlichen Erdrutsch, der aus rein natürlichen Gründen herbeigeführt wurde», sagte der mit der Untersuchung beauftragte Geologe Urs Lüchinger an einer Medienkonferenz in Lugano. Die Mauer oberhalb des zerstörten Gebäudes in Davesco-Soragno sei durch die starken Regenfälle instabil geworden und schliesslich den Hang hinunter gestürzt. Der Einsturz rief eine Art Kettenreaktion hervor.

Die Mauer riss zusätzlich Schlamm und Geröll mit sich. Diese brachten dann das gesamte Gebäude am Hang zum Einsturz, wie Lüchinger weiter sagte. Etwa 500 bis 1000 Kubikmeter Schlamm, Geröll und Gebäudereste übersäten nun die Kantonsstrasse in dem Dorf.

Den Angehörigen der Opfer sprach Luganos Gemeindepräsident Marco Borradori (Lega) sein Beileid aus. Seines Wissens nach habe sich das Wohnhaus nicht in einer Gefahrenzone für Erdrutsche befunden, sagte Borradori vor Medienvertretern in Lugano.

Lebensgefährlich verletzt

Zwei Frauen - 34 und 38 Jahre alt - verloren in den Schlamm- und Geröllmassen ihr Leben, der 44-jährige Lebensgefährte einer der beiden Frauen wurde lebensgefährlich verletzt von Rettern aus den Trümmern gebogen. Zwei weitere Menschen konnten sich nach Angaben der Tessiner Kantonspolizei bereits kurz nach dem Erdrutsch gegen 2.40 Uhr am Sonntagmorgen selbst aus den Trümmern befreien. Eine dritte Person konnte durch die Hilfe der insgesamt 140 Rettungskräfte sofort geborgen werde. Die drei Personen haben nur leichte Verletzungen erlitten.

Eine vierte Person habe sich am Unglücksort sofort den Behörden gemeldet, erklärte die Polizei. Zum Zeitpunkt des Unglücks waren sieben Personen im Haus. Ein weiterer Bewohner befand sich demnach in Lausanne VD.

Die Tessiner Staatsanwaltschaft leitete inzwischen eine Untersuchung zum Unglück ein. Mit den geologischen Abklärungen wurde der Geologe Lüchinger beauftragt und nicht die Kantonsgeologen. Auf Nachfrage der Nachrichtenagentur sda sagte Lüchinger, er sei beauftragt worden, weil er das betroffene Gebiet besonders gut kenne. Die Kantonsgeologen wiederum seien nur im Notfall vor Ort. Sie hätten für eine langwierige Untersuchung schlichtweg nicht genug Zeit.

Erst am 5. November hatten im von Davesco-Soragno etwa 15 Kilometer Luftlinie entfernten Curio eine 31-jährige Frau und ihre kleine Tochter in einem Erdrutsch ihr Leben verloren. Gemäss dem Geologen zerstörten etwa 1000 Kubikmetern Erdreich das Rustico, in dem die Beiden vermutlich schliefen. Das rund 100 Jahr alte Gebäude war erst vor zwei Jahren renoviert worden.

Luganersee tritt über die Ufer

Die anhaltenden Regenfälle haben im Tessin an mehreren Orten Schäden verursacht. Weil der Luganersee über die Ufer trat, wurden Strassen in Seenähe für den Verkehr gesperrt.

Verbreitet waren im Tessin innert 24 Stunden 50 bis 70 Millimeter Regen gefallen, wie Ludwig Zgraggen, Meteorologe bei MeteoSchweiz, am Samstagabend auf Anfrage sagte. Der Pegel des Lago Maggiore in Locarno stieg auf 196,19 Meter - das sind fast drei Meter über dem Jahresdurchschnitt. Beim Hochwasser gilt sowohl für den Lago Maggiore als auch den Luganersee die höchste Gefahrenstufe 5.

Verkehr zwischen Tessin und Italien eingeschränkt

Die starken Regenfälle haben im grenzüberschreitenden Bahnverkehr zwischen dem Tessin und Norditalien für Probleme gesorgt. Auf der wichtigen Nord-Süd-Achse zwischen Zürich und Mailand kommt es ab Chiasso TI auf unbestimmte Zeit zu Verspätungen und Zugausfällen.

Grund sei das Unwetter der vergangenen Nacht, teilte die SBB mit. Zu erheblichen Einschränkungen kommt es auch auf der Verbindungsstrecke zwischen Cadenazzo TI und dem Mailänder Flughafen Malpensa.

Auf der Linie von Cadenazzo nach Luino fahren die Züge aufgrund der Erdrutschgefahr nur unregelmässig. Ab Luino ist die Strecke dann komplett unterbrochen, weil bei Laveno-Mombello ein Erdrutsch niedergegangen ist.

Zwischen Cadenazzo und Mailand Malpensa kam es in den vergangenen Wochen häufiger zu Einschränkungen, da die Strecke grösstenteils direkt zwischen Berghang und Lago Maggiore verläuft. (fko/sda)

(Erstellt: 16.11.2014, 06:23 Uhr)

Davesco-Saragno

Zwei Tote bei Erdrutsch in der Lombardei

Die schweren Unwettern, die seit Tagen Norditalien im Würgegriff halten, sorgen weiterhin für Chaos und Verwüstung. Zwei Personen sind im lombardischen Cerro di Laveno unweit vom Lago Maggiore unter den Trümmern ihres Hauses ums Leben gekommen, das von einem Erdrusch erfasst wurde, berichteten italienische Medien.

Bei den Opfern handelt es sich um eine 16-Jährige, die im Spital ihren schweren Verletzungen erlag, und um einen 70-jährigen Angehörigen des Mädchens, der unter den Trümmern starb. Drei Personen konnten sich retten. Häuser in der nächsten Umgebung mussten aus Sicherheitsgründen geräumt werden.

Besonders schwierig ist die Lage in Ligurien, wo ein Vermisster gemeldet wurde. Der Mann war in Mignanego nahe Genua mit seinem Auto unterwegs und wurde von einem Fluss mitgerissen, der über die Ufer getreten war. Die Suche nach dem Vermissten läuft auf Hochtouren.

«Katastrophe in Genua»

Genuas Stadtoberhaupt, Marco Doria, rief die Bewohner auf, ihre Wohnungen nicht zu verlassen, um die Arbeit der Rettungsmannschaften nicht zu erschweren. Beim Autobahnverkehr in Richtung Genua kam es zu erheblichen Problemen, einige Strecken mussten gesperrt werden.

Die Bürgermeisterin der schwer überschwemmten Stadt Alessandria, Maria Rita Rossa, sprach von einer «Katastrophe». Flüsse seien über die Ufer getreten, über 20 Strassen mussten wegen Überschwemmungen gesperrt werden. Einige Ortschaften unweit der Stadt seien wegen Erdrutschen isoliert. 150 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen.

Auch für die nächsten Tage wurde weiterer Niederschlag erwartet. Seit den schweren Unwettern Mitte Oktober sind in Italien mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen. Die Schäden gingen in die Millionen. (sda)

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Tessin versinkt im Wasser

Tessin versinkt im Wasser Nach intensiven Niederschlägen treten in der Sonnenstube Seen und Flüsse über die Ufer.

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