Panorama
Demütigung im Pflegeheim: Bestnoten für die Täterinnen
Von Stefan Hohler und Silvio Temperli. Aktualisiert am 26.02.2009 34 Kommentare
Das Pflegezentrum Entlisberg.
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Niemand will davon gewusst haben. Wirklich? «Das ist aussergewöhnlich, dass weder beim verantwortlichen Kader noch unter den Angestellten jemand etwas gesehen hat», sagt Kurt Meier, Direktor der insgesamt zehn Stadtzürcher Pflegezentren und Chef von rund 2000 Mitarbeitenden. Die Selbstkontrolle sei sonst die Stärke in den Teams. Auch im Pflegezentrum Entlisberg in Zürich-Wollishofen mit seinen gegen 400 Angestellten.
Im Haus B2, wo die rund 80 Bewohnerinnen und Bewohner in Einer- und Zweierzimmer leben, haben drei Mitarbeiterinnen nackte betagte Patientinnen mit dem Handy gefilmt. Auf einer spezifischen Abteilung für Demenzkranke, die kürzlich Bestnoten von einer externen Stelle erhielt.
Der Fall ist aufgeflogen, nachdem zwei Angehörige einer 88-jährigen Patientin feststellten, dass sich die Frau im letzten Jahr bei den Besuchen verängstigt zeigte und es ihr immer schlechter ging. Die Angehörigen erkundigten sich bei ehemaligen Pflegemitarbeitenden, schalteten einen Anwalt ein und recherchierten weiter. Im letzten Dezember erstattete ihr Rechtsanwalt Anzeige. Kantonspolizei sowie Staatsanwaltschaft ermittelten und eröffneten eine Strafuntersuchung.
Eine Fachfrau, zwei Assistentinnen
Bei den drei Mitarbeiterinnen handelt es sich um eine diplomierte Pflegefachfrau und zwei Pflegeassistentinnen. Es sind laut Meier fachlich qualifizierte und kompetente Personen. Die Frauen sind im Alter zwischen 20 und Mitte 30 Jahre. Alle drei Frauen sind von Stadtrat Robert Neukomm (SP) noch am Dienstag fristlos entlassen worden. Ihnen droht eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren.
Gemäss Matthias Erne, Anwalt der Angehörigen der 88-jährigen Patientin, sollen weitere Angestellte des Pflegezentrums solche Videofilme mit Handys gedreht haben. Aufgrund von Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitenden ist er zur Überzeugung gekommen, dass sich etliche Angestellte einen Spass daraus machten, Handyfilme von Patienten zu drehen und sie in der Cafeteria und im Ausgang zu zeigen oder mittels MMS zu verschicken. Erne weiss von mindestens drei Filmen: zwei mit je einer Frau – und einer mit mehreren Personen. Das war der Heimleitung aber bis gestern nicht bekannt: «Wir hoffen jetzt auf die Staatsanwaltschaft; sie muss herausfinden, ob weitere Mitarbeitende in den Fall involviert sind, vom Video Kenntnis gehabt und die Filme herumgereicht haben», sagt Kurt Meier, Direktor der städtischen Pflegezentren.
Daneben sind noch zwei weitere Mitarbeitende des Pflegezentrums von der Arbeit freigestellt worden. Einem Pfleger wird vorgeworfen, tätlich gegen eine Patientin geworden zu sein. Eine Pflegerin soll Wertsachen gestohlen haben.
Mitarbeitende zusammengerufen
Das Filmen hilfloser Patienten ist einzigartig: Das Handy als Missbrauchs-Instrument im Heim, nicht nur in der Schule wie im Fall Seebach. Bei der Ausbildung müsse man sich jetzt auch dessen bewusst sein, sagt Kurt Meier. Er hat gestern im Entlisberg alle Angestellten in die Pflicht genommen. «Sie müssen künftig Vorkommnisse jeglicher Art melden», so Meier weiter, «auch rückwirkend zum aktuellen Fall.»
Laut Kurt Meier gehen im Entlisberg jährlich an die 800 Meldungen von Angehörigen oder Patienten ein. Sie betreffen Dinge, die messbar, die beurteilbar sind, positive wie negative. Das kann ein Lob für die Heimküche sein oder ein Hinweis über ein verlorenes Gebiss. Dieses institutionalisierte Meldewesen dient dazu, die Qualität im Heim zu verbessern. Aber, fragt sich Meier, wie lässt sich erkennen, ob in einem Zimmer Handyaufnahmen gemacht werden? Alles, was still passiere, lasse sich sehr schwer kontrollieren. «Obschon wir ein gutes System haben, haben wir offenbar immer noch zu wenig gemacht.» Meier ist konsterniert. «Da vertraut man uns Menschen an zur Pflege, wir vertrauen dem Personal, damit es die Patienten gut versorgt – und dann ereignet sich so etwas. Das ist ein Schock. Diese Mitarbeitenden haben den Beruf verfehlt.» Die Angehörigen von Patienten im Entlisberg haben gestern per Express einen Brief erhalten, in welchem die Heimleitung ihr tiefes Bedauern ausdrückt.
Neukomm lässt Vorwürfe abklären
Stadtrat Robert Neukomm will nun «energisch» die Vorfälle untersuchen und die Hintergründe genau analysieren, wie er gestern erklärte. Dabei soll auch der Frage nachgegangen werden, ob von den restlichen Mitarbeitenden wirklich niemand etwas gewusst hat. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.02.2009, 07:17 Uhr
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34 Kommentare
. . und ich möchte gar nicht wissen, was in den Kinderpflegeheimen und Psychiatriebetrieben alles abgeht ? «Obschon wir ein gutes System haben..» - Na, wie wäre es mit einem unabhängigen Kontrolleur, welcher unangemeldet kommen und gehen kann, wie ein Lebensmittelinspektor? Antworten
Könnte es sich bei denPflegerinnen um sozial und emotionell inkompetente Pflegerinnen handeln, die zwar fachlich kompetent sind, aber zwischenmenschliche Schwächen aufweisen? Werden sie vielleicht gar im Privatleben unterdrückt und erniedrigt, so dass sie die Straftaten (quasi als Rache) an Bewohnerinnen ausübten? Das grenzt doch schon fast an Unzurechnungsfähigkeit. Waren sie sich dessen bewusst? Antworten
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