Der Lehrer, der acht Millionen Dollar verdient

Private Bildungseinrichtungen, die Schüler neben der Schule besuchen, boomen in Südkorea. Ihre Lehrer werden zu Popstars. Das setzt die Schüler unter Druck.

Weiss, was bei Lernenden ankommt: Lehrer Cha Kil-yong unterrichtet mit einer Kappe. Bild: Screenshot Washington Post

Weiss, was bei Lernenden ankommt: Lehrer Cha Kil-yong unterrichtet mit einer Kappe. Bild: Screenshot Washington Post

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Regelmässig belegt Südkorea Spitzenplätze in Bildungsrankings. Kein Wunder: Die Südkoreaner legen viel Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder, so genannte «Hagwons» boomen – gewinnorientierte, private Bildungseinrichtungen. Der Grossteil der Schüler besucht nach der Schule zusätzlich ein Hagwon.

Cha Kil-yong ist Betreiber eines solchen, das Schüler mit Online-Videos auf ihre Aufnahmeprüfung fürs College vorbereitet. Damit verdient er richtig viel Geld: Im letzten Jahr waren es acht Millionen US-Dollar, sagte er der «Washington Post». Für einen 20-Stunden-Kurs verlangt Cha 39 US-Dollar. Rund 300'000 Schüler haben sich bei ihm eingeschrieben.

Vom Lehrer zum Popstar

Cha wurde in Südkorea zum Starlehrer, ohne in einer Schule zu unterrichten. Und vom Starlehrer wurde er zum Popstar. Er hat sogar zusammen mit einer berühmten südkoreanischen Schauspielerin ein Duett aufgenommen.

Das Musikvideo mit Cha Kil-yong. (Video: Youtube/stardailynews)

Auf die Frage nach den Gründen seines Erfolgs gibt sich Cha in der «Washington Post» geheimnisvoll: «Wenn man 100 verschiedenen Köchen dieselben Zutaten zur Verfügung stellt, bereiten alle verschiedene Mahlzeiten zu. So ist das auch bei Mathe-Stunden: Es ist zwar immer Mathe und immer auf Koreanisch, aber man kann verschiedene Zutaten nutzen, um zu verschiedenen Ergebnissen zu kommen.» In Chas Fall sind die verschiedenen Zutaten oft Masken oder ausgefallene Jackets, mit denen er die Aufmerksamkeit auf sich zieht. «Man muss ein vielseitiger Entertainer sein», sagt Cha.

Einige Lehrer engagieren Stylisten

Er gibt nicht nur Unterricht, sondern macht TV-Werbung für Produkte, die das Lernen fördern sollen – etwa für einen Ginseng-Drink. Auch Kwon Kyu-ho, ein anderer berühmter Lehrer in einem Hagwon, macht Produkte-Werbung. Regelmässiges Training sei ebenfalls unverzichtbar, um in Form zu bleiben, sagt er. Einige der Lehrer hätten sogar Stylisten engagiert, um die Konkurrenz auszustechen.

Kwon sieht es als Vorteil, dass die Lehrer der Privatwirtschaft miteinander im Wettbewerb stehen. «Wir versuchen, immer bessere Inhalte zu entwickeln. Wir haben Geld, das wir investieren können – anders als normale Lehrer.» Der Erfolg der Hagwons ist so gross, dass sich Schüler beklagen, sie kämen in der Schule gar nicht mehr mit, wenn sie nach der Schule nicht ebenfalls weiter lernen.

Die gute Ausbildung hat in vielerlei Hinsicht ihren Preis: In Umfragen über die Zufriedenheit von Schülern landete Südkorea jüngst auf dem letzten Platz. Die Suizidrate ist so hoch wie in kaum einem anderen Industrierland. Viele machen dafür den Stress verantwortlich, der durch den Fokus aufs Lernen entsteht.

Kritik des ehemaligen Bildungsministers

Dieser neuen Art zu lernen stellen sich immer mehr Leute entgegen. So etwa Lee Ju-ho, der bis letztes Jahr Bildungsminister Südkoreas war. «Dieses bis-spät-in-die-Nacht-Lernen könnte andere Fähigkeiten beeinträchtigen: den Charakter, die Kreativität oder kritisches Denken», sagt er. «In Hagwons geht es nur um das Speichern von Informationen.»

Das sei es, was an den College-Aufnahmeprüfungen gefragt sei. Im Gegensatz zu westlichen Ländern, in denen ausserschulische Aktivitäten und persönliche Essays ebenso wichtig seien. «Das müssen wir unbedingt ändern», fordert Lee.

(rar)

(Erstellt: 01.01.2015, 08:59 Uhr)

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