«Der Notschirm hätte nichts mehr genützt»

Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 10.08.2010

Die Gleitschirmpiloten Pal Takats und Gabor Kezi haben als erste Menschen der Welt die Akrobatikfigur Infinity-Tumbling geschafft – im Tandem. Drei Tage danach schmerzt Takats' Körper immer noch.

1/4 Die besten Gleitschirmpiloten der Welt sind schon an ihr gescheitert, Pal Takats und Gabor Kezi haben sie am Samstag über dem Walensee geschafft: die Akrobatikfigur Infinity-Tumbling im Tandem. Hier die Weltpremiere im Video.
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(Bild: robair.com)

Pal Takats

Der Ungar Pal Takats (28) gehört zu den besten Akrobatik-Gleitschirmfliegern der Welt. 2007 war er Champion im Acrobatics Paragliding World Cup. Diesen Sonntag hat er zusammen mit Gabor Kezi (24) über dem Walensee die wohl letzte, scheinbar unmögliche Gleitschirmfigur gemeistert, den «Infinity-Thumbling» im Tandem. Dazu wurde von der deutschen Firma U-Turn extra ein Prototyp einen Schirms angefertigt, der 31 Quadratmeter gross ist und dessen Leinen acht Tonnen aushalten. Takats und Kezi arbeiten beide als Fluglehrer bei der Robair Gleitschirmschule in Weesen.

Fliegen im Film

Die Akrobatik von Pal Takats und Gabor Kezi wird diesen September auch im Film «Playgravtiy II» der Brüder Martin und Walter Bäbler zu sehen sein (playgravity.com).

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Pal Takats, während Ihres Weltpremieren-Sprungs über dem Walensee haben Sie «It is really heavy» geschrien. Die Belastung schien extrem zu sein. Wie fühlt sich das konkret an?
Bei dieser Akrobatikfigur, Infinity-Tumbling, ist der Körper der sechsfachen Erdbeschleunigung ausgesetzt. Das bedeutet, wenn ich 70 Kilogramm schwer bin, drücken 420 Kilogramm auf mich. Das spüre ich heute noch. Mein Körper ist ziemlich kaputt. Vor allem der Rücken und die Schultern schmerzen.

Wie wenn sich jemand auf Sie draufgesetzt hätte?
Ja, einfach sechsmal schwerer.

Warum tun Sie sich das denn an?
Weil es Spass macht. Es ist ein super Gefühl, und ich bin froh, dass wir es geschafft haben.

Hätte etwas schieflaufen können?
Ja. Beim ersten Versuch im Mai wurde unser Schirm komplett zerstört. Obwohl der Schirm hoch gesichert war, sind 80 Prozent der Leinen auf einmal gerissen und wir mussten den Notschirm öffnen. Klar gibt es viele Gefahren. Aber wir beide fliegen diese Figur schon seit vier Jahren mit unseren Soloschirmen. Zur Sicherheit hatten wir zwei steuerbare Tandemnotschirme dabei.

Hatten Sie keine Bedenken, dass die Leinen wieder reissen könnten?
Wir haben einen neuen Prototyp erhalten mit viel stärkerem Innenbau. Die Leinen halten nun acht Tonnen. Im Mai waren es nur drei Tonnen. Der Schirm ist eigentlich ein Serienmodell, das extra für uns auf 31 Quadratmeter vergrössert wurde. Normal sind bei Akrobatikschirmen 18 Quadratmeter.

Besteht nun nicht die Gefahr, dass Sie Nachahmer finden könnten, die sich verletzen könnten?
Nein, denn der Schirm wird nicht zu kaufen sein. Es ist extrem schwierig, ihn zu beherrschen. Weil er so gross ist, ist etwa der Druck auf die Steuerleinen viel grösser, bis zu 50 Kilogramm. Man muss also sicherstellen, dass er nicht in falsche Hände gerät.

Wie kamen Sie auf die Idee?
Wir sind Profigleitschirmpiloten und versuchen, unsere eigenen Grenzen und auch die Grenzen des Sports immer weiter zu pushen. Es war die letzte grosse Herausforderung, die man mit Akrobatikschirmen fliegen kann. Einige der besten Piloten der Welt haben es schon versucht oder zumindest darüber nachgedacht. Es war klar, dass es irgendjemand versuchen würde, und wir wollten die Ersten sein, die es schaffen.

Was genau ist an der Figur Infinity-Tumbling so schwierig?
Man steht ja senkrecht über dem Schirm, und es braucht eine präzise Führung des Schirms, damit er nicht zusammenklappt. Das wäre sehr gefährlich. Es ist relativ schnell passiert, dass man in den Schirm hineinfällt. Das ist das Schlimmste, was passieren könnte.

Dann bliebe noch der Notschirm?
Nein, der würde nichts mehr nützen. Es sind leider auch schon Piloten deswegen gestorben, weil sie den Notschirm nicht mehr ziehen konnten.

Haben Sie vor dem Start daran gedacht?
Natürlich. Aber wir üben diese Figur schon ziemlich lange, und so konnten wir ziemlich sicher sein, dass nichts Schlimmes passieren würde.

Wie lange haben Sie sich vorbereitet?
Die Idee tragen wir schon seit zwei Jahren mit uns herum. Allein für das Material haben wir monatelang mit den Konstrukteuren unseres Sponsors zusammengearbeitet. Dies hat am meisten Zeit in Anspruch genommen, weil der Schirm so speziell ist und wir verschiedene Dinge einbauen mussten, etwa ein doppeltes Steuerungssystem, die beiden Notschirme und die Kameraausrüstung.

Warum haben Sie die Weltpremiere in der Schweiz versucht?
Ich lebe seit drei Jahren hier und Gabor Kezi seit einem. Wir arbeiten beide bei einer Gleitschirmschule in Weesen. Der Walensee ist sehr optimal, da die Luft über dem Wasser ruhiger ist und wir relativ sanft hätten landen können, falls wir den Notschirm hätten ziehen müssen. Das wär dann ein gemütlicher Badespass geworden.

Sind Sie nun ein Held in der Gleitschirmszene?
Wir waren schon vorher ziemlich berühmt, aber nun haben wir nochmals bewiesen, dass wir vorne dabei sind. Wir haben einen sehr grossen Schritt für unseren Sport gemacht und gezeigt, dass auch fortgeschrittene Figuren möglich sind.

Was sind Ihre nächsten Pläne?
Wir üben nun weiter. Das Ziel ist es, dass wir diese Figur bald allein ausführen können und ihn als Tandemsprung anbieten können. Das Schwierigste ist das Ein- und Ausleiten der Figur wegen der grossen Kräfte, die auf die Steuerleinen wirken. Sobald wir das im Griff haben, sollten wir in Zukunft jedermann und jederfrau zum Infinity-Tumbling mitnehmen können.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2010, 14:10 Uhr

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