Der Shakespeare von Havanna

Von Sandro Benini. Aktualisiert am 18.03.2010

Der englische Sammler Raymond Scott behauptet vor Gericht, er habe eine Shakespeare-Originalausgabe von einem Leibwächter Fidel Castros erhalten.

Mal erscheint Raymond Scott in einem Pferdefuhrwerk zu den Gerichtssitzungen, dann wieder im Tarnanzug, kombiniert mit Gucci-Gürtel und Dior-Sonnenbrille. Der 53-jährige Kunstsammler aus dem nordenglischen Lanchester scheint alles daran zu setzen, das Klischee vom britischen Exzentriker zu bestätigen. Und exzentrisch sind nicht nur sein Aussehen, sondern auch die Umstände des Verbrechens, das ihn vor den Richter gebracht hat.

Scott und seine Liebe zu Kuba

Scott soll eine Shakespeare-Originalausgabe aus dem Jahr 1623 gestohlen haben - ein Juwel der englischen Literaturgeschichte, von dem es weltweit nur 223 Exemplare gibt. Der Wert des Buches wird auf über 20 Millionen Franken geschätzt. Verschwunden ist das Werk 1998 aus der Universität von Durham. Zehn Jahre später tauchte es in Washington D.C. wieder auf, und zwar im Besitz von Scott. So viel ist sicher.

Umstritten ist hingegen, wie er zum kostbaren Buch kam. Scott tischte den Richtern folgende Geschichte auf: Schon seit langem reise er regelmässig nach Kuba, um erlesene kubanische Zigarren in ihrem Original-Ambiente zu rauchen. Im Jahr 2007 habe er sich in die damals 21-jährige Heidy Ríos verliebt, die im berühmten Cabaret Tropicana sowie im Hotel Nacional als Tänzerin arbeitete. «Der kubanische Sozialismus mag ja am Abserbeln sein, aber als ich Heidys Beine sah, dachte ich: Es lebe Fidel Castro!», bekannte Scott in einem Zeitungsinterview.

Ein gestohlenes Exemplar

Die beiden versprachen sich die Heirat, sie begleitete ihn durch das Nachtleben von Havanna und stellte ihm ihre Freunde vor. Darunter auch einen gewissen Odeiny Pérez, der sich als hochrangiger Offizier und Leibwächter von Fidel Castro ausgab. In Miami lebende kubanische Ex-Funktionäre haben den Namen aber nie gehört.

Nach dem Tod seiner Mutter erbte Pérez unter anderem 54 Bücher - darunter, so der Antiquitätenliebhaber Scott, auch die besagte Shakespeare-Ausgabe. Er habe mit Pérez und Heidy Ríos abgemacht, das Werk im Ausland zu verkaufen und den Erlös brüderlich zu teilen. Als er das angebliche Erbstück in der Folger-Shakespeare-Bibliothek in Washington auf seine Echtheit überprüfen liess, erkannten die Experten das zehn Jahre zuvor verschwundene Exemplar aus Durham wieder.

Ob Scott mit seiner Geschichte das Gericht überzeugen kann - womöglich nach dem Motto: zu absurd, um erfunden zu sein -, steht gegenwärtig noch aus. Er sei lediglich ein harmloser Sammler, beteuerte der Angeklagte. «Ich mag nun einmal alte Sachen - nur bei meinen Geliebten mache ich diesbezüglich eine Ausnahme.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2010, 08:34 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Panorama

Populär auf Facebook Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Panorama

Telefonbuch

Marktplatz