Panorama
Der Tod des Sohnes machte sie zur Kämpferin gegen Jugendgewalt
Sie gehört nicht zu jenen, die nach härteren Strafen rufen: Yvonne Hoheisel. (Bild: A. Boutellier)
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Ein Reiheneinfamilienhaus im aargauischen Suhr. Auf dem Schild an der Türe steht: «Yvonne und Nicky Hoheisel». Eine zierliche Frau mit grossen blaugrauen Augen öffnet, auf Krücken gestützt, die Tür. Es ist die 47-jährige Yvonne Hoheisel. Sie lächelt und bittet die Besucherin herein. Im Wohnzimmer brennt eine weisse Kerze, daneben steht das Foto eines 19-Jährigen. Blonde Haare und ein vifer, offener, selbstbewusster Blick. Das ist Yvonne Hoheisels Sohn Nicky. Das war Nicky. Er ist tot.
Am 22. Juli 2007 wurde der 19-jährige Nicky Hoheisel von drei jungen Männern vor der Disco «Kettenbrücke» in Aarau bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. Neun Wochen liegt er im Koma. Dann erliegt er seinen Verletzungen. Seine Mutter schreibt sich zwei Nächte lang den Schmerz von der Seele. Sie schreibt, weint, und schreibt weiter. Dabei wird ihr bewusst, was Nicky gewollt hätte. Dass sie weiterlebt, dass sie nicht verbittert wird, sondern etwas unternimmt gegen die Gewalt, die ihren Jungen das Leben gekostet hat. In der Todesanzeige bittet Yvonne Hoheisel, von Grabschmuck abzusehen und stattdessen für ein Projekt gegen Jugendgewalt zu spenden.
Videoclip gedreht
16'000 Franken kommen zusammen. Es entstehen Arbeitsblätter für Lehrer, Sozialarbeiter, Schüler. Die Jugendlichen sollen ihre Rolle und ihr eigenes Verhalten in Konfliktsituationen reflektieren. Wie reagieren sie, wenn sie als «Hurensohn» beschimpft werden, wenn sie ausgelacht werden, wenn die Freundin begrapscht wird? Ziel ist, dass sie in Konfliktsituationen einen Moment nachdenken – bevor die Gewaltspirale weiterdreht. Wie eine unbeabsichtigte Rempelei in einer Disco eskalieren kann, verdeutlicht ein Videoclip am Beispiel Nickys. Er wurde am Originalschauplatz gedreht, mit Schauspielern und Fachleuten, Yvonne Hoheisel als Produzentin mittendrin. Zwei Hip-Hop-Gruppen haben einen Rap vertont, der in der Frage gipfelt: «Ufem bodde hetts en bluetlache – wie wotsch du das wedder guet mache? – säg mer wie?»
Yvonne Hoheisels Stimme wird lauter und bestimmter, ihre ausdrucksstarken Augen noch grösser, ihre Hände gestikulieren mit, wenn sie von ihrer Projektplattform «Nicky gegen Jugendgewalt» erzählt. Und von dem, was daraus in den vergangenen zehn Monaten entstanden ist. Unzählige Schulen haben ihre Unterrichtsmaterialien eingesetzt, vor vielen Klassen, in Vereinen und an Podiumsdiskussionen hat sie persönlich geredet. Sie tut das offen und gefasst, ihre Stimme bleibt fest, auch wenn sie über ihren verstorbenen Sohn, ihre Gefühle, die Trauer spricht. Sie funktioniere dann «wie auf Knopfdruck», sagt sie.
Das Opfer bekommt ein Gesicht
Sie merkt, dass ihr Engagement Sinn macht, dass Nickys Geschichte bei den Jugendlichen etwas auslöst. «Die Wirkung ist grösser, weil es wirklich so passiert ist und das Opfer ein Gesicht bekommt.» Viele Jugendliche erzählen voll Stolz, dass sie den Songtext auswendig können, einzelne hätten sich danach an sie gewandt und gesagt, sie seien «potenziell gefährdet», hätten «ein Problem» – womit sie meinen, dass auch sie zuschlagen könnten. In zwei Fällen weiss sie, dass sie ihrem Rat folgten und sich an einen Jugendpsychiater wandten. Diese Selbsterkenntnis sei schon viel wert, ist Hoheisel überzeugt. Überhaupt: Sie erlebt die Jugendlichen, die sie trifft, als sensibel, offen, wissbegierig, spürt nichts von der vielbeschworenen «Null-Bock-Stimmung», aber eine gewisse Unfähigkeit zu kommunizieren. Und: «Im Gegensatz zu uns Erwachsenen können die Jugendlichen Fehler eingestehen.»
Yvonne Hoheisel mochte Jugendliche schon immer, hatte eine enge Beziehung zu ihrem Sohn und einen guten Draht zu dessen Freunden, Italiener, Schweizer, Türken oder Brasilianer. Die Herkunft eines Menschen spielte für Nicky keine Rolle. Yvonne Hoheisel mag sich jetzt auch nicht einspannen lassen für die Hetze gegen Ausländer – auch wenn ihr Sohn von drei italienischen Secondos zu Tode geprügelt wurde. «Jugendgewalt ist viel zu komplex, um es auf die Nationalität zu reduzieren», sagt sie. Vielmehr betrachtet sie Jugendgewalt als Spiegel unserer Gesellschaft. Eine Ursache sieht sie darin, dass Eltern sich keine Zeit nehmen für ihre Kinder, dass sie kaum noch mit ihnen reden, sich nicht mit ihnen auseinandersetzen. Man könne nicht wegreden, dass überdurchschnittlich viele Täter ausländische Wurzeln haben. Aber: «Es zu benennen, bringt nichts. Wir leben hier zusammen und müssen gemeinsam Wege finden.»
Wegsperren reicht nicht
In den nächsten Monaten müssen sich die drei mutmasslichen Täter vor dem Aarauer Bezirksgericht verantworten. Frau Hoheisel , wollen Sie härtere Strafen? Yvonne Hoheisel kann die Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten. Einerseits will sie, als Mutter, die ihr Kind verloren hat, Vergeltung. Andrerseits weiss sie, dass keine noch so harte Strafe ihr ihren Sohn wiederbringen kann. Und sie ist überzeugt, dass wegsperren allein nicht reicht, um jemanden «umzukrempeln», dass eine Sensibilisierung stattfinden muss, hin zur Resozialisation.
Es sind erstaunliche Worte aus dem Mund einer Mutter, die ihr Kind verloren hat – in einer Zeit, in der der Ruf nach dem Schulmassaker im deutschen Winnenden und der Bluttat an der 16-jährigen Lucie Trezzini im aargauischen Reiden unüberhörbar geworden ist. Yvonne Hoheisel aber setzt auf Prävention. Sie fordert ein Schulfach, das Sexualkunde, Aids, Gewalt und andere gesellschaftliche Themen ins Zentrum rückt. Ein Fach, das die Jugendlichen fit macht fürs Leben.
Einen Sinn geben
Yvonne Hoheisel steht vom Tisch auf, um Fotos von Nicky zu holen. Sie wirkt zerbrechlich, wie sie an Krücken durch die Wohnung geht. Vor drei Monaten hat sie sich das Bein gebrochen. «Es kam mir wie ein Signal vor, runterzugehen vom Gas und innezuhalten.» Ihr Engagement gegen Jugendgewalt ist ehrenamtlich, daneben arbeitet sie Teilzeit für die Aidshilfe, als Referentin an Schulen. Vor 18 Jahren ist Yvonne Hoheisel an Aids erkrankt, schluckt starke Medikamente, muss regelmässig ins Spital. Von Nickys Vater ist sie geschieden. Woher nehmen Sie Ihre Kraft, Frau Hoheisel? «Nicky gibt mir die Kraft», sagt sie. Und fügt gleich an: «Es mag komisch oder esoterisch klingen, aber ich spüre, dass er mir diese Aufgabe übergeben hat.»
Kürzlich hat jemand Yvonne Hoheisel geschrieben, ihr Umgang mit dem Tod ihres Sohnes sei so souverän. «Das täuscht», hat sie zurückgeschrieben. Es gebe viele schwarze Tage, an denen eine extreme Traurigkeit sie lähme, wo nichts mehr gehe. Dann sei schon der Weg auf die Toilette unendlich weit und beschwerlich. Dann weint sie sich die Verzweiflung, die Ohnmacht aus dem Leib.
Angst vor dem Vergessen
Sie öffnet das Fotoalbum. Klein-Nicky auf Skiern, im Boot, auf dem Tennisplatz, als Fan des FC Aarau. Yvonne Hoheisel strahlt beim Betrachten der Bilder, ihre Augen leuchten, sie wirkt fröhlich. «Wenn ich über ihn rede, dann ist er ganz nah», begründet sie. Deshalb helfe ihr das Projekt auch: Nicht nur, weil es einer sinnlosen Tragödie Sinn gebe, sondern auch, weil sie dabei Nickys Energie spüre. Denn am schlimmsten ist die Angst vor dem Vergessen. Sein Zimmer ist noch so, wie er es zurückgelassen hat: Bett, Tisch, Stuhl, Leibchen des FC Aarau, ein Poster von Basketballer Michael Jordan, CD, Bücher, Parfumfläschchen.
Später, wieder draussen vor der Tür des Reiheneinfamilienhauses, fällt der Blick nochmals kurz auf das Schild an der Türe: «Yvonne und Nicky Hoheisel». Stimmt.
Spenden: Valiant Bank, 3001 Bern, Konto: 30-38112-0; CH 19 0630 0016 9366 3220 6 (Basler Zeitung)
Erstellt: 25.05.2009, 15:22 Uhr
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