Der letzte Gang vor dem Untergang
Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 22.03.2010
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Makaber? Schaurig? Und geschmacklos? Nicht doch, winkt Yvonne Hume ab. Die Wirtin und Hobbyköchin aus der ostenglischen Stadt Norfolk glaubt im Gegenteil, mit ihrem neuen Kochbuch den Geschmack eines noch immer von allen Facetten der Titanic faszinierten Publikums genau getroffen zu haben.
Was sie zusammengestellt hat, sind die Rezepte der Mahlzeiten, die auf dem Unglücksschiff zubereitet wurden, bevor es mit einem Eisberg zusammenstiess und im Atlantik versank. Dazu gehören jene opulenten Gerichte der ersten Klasse, die von feinstem Honiglachs in Mousseline- und Gurkensauce über Filet Mignon Lili und Sauté, Hühnchen-Lyonnaise bis zu Waldorf-Pudding und Pfirsichen in Chartreuse-Jelly reichen.
Keine elf Gänge für die dritte Klasse
Auch die bürgerlichen Gerichte der zweiten Klasse waren, wie Hume entdeckte, nicht zu verachten: Frühlingslamm mit Minzsauce, Truthahn in Cranberrysaft und edles KokosnussSandwich. Die dritte Klasse musste sich hingegen mit Gemüsesuppe und Beef-Ragout mit Kartoffeln begnügen. Hier reisten ja auch eher mittellose Emigranten, die sich keine Austern und Schokoladen-Eclairs, keine elf Gänge wie die Millionäre «droben» im Schiff leisten konnten.
Ein ganzes Sozialgefüge enthüllt sich hier noch einmal in den Speisefolgen der wenigen Tage und Nächte, die den Passagieren auf dieser einzigen Fahrt der Titanic von ihrem Leben blieben. «RMS Titanic: Dinner Is Served» («Es ist angerichtet») nennt Hume ihre Sammlung, die am 14. April, dem Jahrestag des Untergangs, in England auf den Markt kommen soll. Ein sehr persönliches Interesse veranlasste die Autorin übrigens zu diesem Buch. Sie ist eine Grossnichte John Law Humes, des Ersten Geigers auf der Titanic, der in der Katastrophennacht zusammen mit einer Handvoll anderer Musikanten heldenmütig gegen die Panik anspielte, in der die Rettungsboote fürs Aussetzen fertiggemacht wurden.
Chefkoch zu dick fürs Rettungsboot
Auf die Speisekarten sei sie bei der Arbeit an der Biografie ihres Grossonkels gestossen, sagt Hume. Sie habe die kulinarischen Künste auf dem Dampfer «faszinierend» gefunden und die Gerichte in vereinfachten Rezepten wiedergegeben, sodass auch Köche mit geringen Kenntnissen sie nachkochen könnten. Auch die Angaben zum letzten Mahl, wenige Stunden vor dem Untergang, liegen vor. John Law Hume war übrigens einer derer, die vom Schiff mit in die Tiefe gerissen wurden. Ein anderer war der Chefkoch Pierre Rousseau. Rousseau sei «schlicht zu dick» gewesen, um ins Rettungsboot zu klettern, berichtete später ein überlebender Küchenjunge.
Als morbide empfindet die Grossnichte des ertrunkenen Geigers ihr Buch nicht. Im Gegenteil hält Yvonne Hume alles, was mit der Titanic zu tun hat, für reizvolle Reminiszenz, für «fast schon romantisch», auf eine wehmütige Art. Süffisanter Wortspielereien hat sich indes kaum einer der britischen Berichte über die Kompilation enthalten können, die in den letzten Tagen erschienen sind. Dass «zu viel Eis» allen an Bord «das gute Essen verdorben» habe, ist noch eine der harmloseren Bemerkungen.
Tickets noch erhältlich
Tickets sind übrigens immer noch erhältlich für eine «TitanicGedächtnis-Kreuzfahrt», zum 100. Jahrestag der Katastrophe im April 2012, also in zwei Jahren. 1300 Plätze offeriert die MS Balmoral der Fred Olson Line, die dann denselben Kurs nehmen wird wie die Titanic.
Eine Andacht am Abend des 14. April ist ins Programm eingeschlossen. Vor allem aber sollen auf dieser Kreuzfahrt an den jeweiligen Tagen und «so getreu wie möglich» all die Gerichte zubereitet werden, die Yvonne Hume nun der Nachwelt als skurrilen Speisezettel übermittelt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.03.2010, 07:21 Uhr

















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