Die Gebrüder Hetze

Beteiligt am rechten Mob von Clausnitz sind drei Brüder: Der Pseudopolitiker, der Unternehmer, der Ohnmächtige. Und sie profitieren.

Sprach an Parteiveranstaltungen über die Flüchtlingspolitik von einem «Verbrechen an der deutschen Nation»: Thomas Hetze im TV-Interview.

Sprach an Parteiveranstaltungen über die Flüchtlingspolitik von einem «Verbrechen an der deutschen Nation»: Thomas Hetze im TV-Interview. Bild: Die Welt (Screenshot)

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«Wir sind das Volk.» Dieser Satz ist einerseits deutsche Geschichte – und andererseits schon häufig missbraucht worden. Zum Beispiel in Clausnitz, als vergangene Woche ein Mob, bestehend aus rund 100 Menschen, den Weg eines Busses mit 20 Asylsuchenden aus dem Iran, Syrien, Afghanistan und dem Libanon blockierte. Diese Vorfälle haben dem sächsischen Ort traurigen Ruhm eingebracht. Mittendrin sind die drei Brüder Hetze:

Thomas, der teilgeläuterte Pseudopolitiker

Thomas Hetze war nicht nur zum Zeitpunkt der Vorfälle Leiter des Flüchtlingsheimes in Clausnitz, sondern ist auch Mitglied der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD). Hetze schoss in einer Rede im November 2015 (Link zum Video) in ruhigem Ton, aber mit scharfen Worten gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, welche «absichtlich gegen Deutschland und deren [sic] Einwohner arbeitet».

Hetze kandidierte als Bürgermeister im Clausnitzer Ortsteil Holzhau (zum Wahlkampfprogramm) und wird mit Aussagen zitiert wie «Ungezügelter hunderttausendfacher Einmarsch von Wirtschaftsflüchtlingen» und «Verbrechen an der deutschen Nation». Er sprach auf Parteiveranstaltungen und organisierte einen AfD-Stammtisch mit einem Impulsvortrag zu dem Thema «Asyl und andere politische Amokfahrten». Vielleicht sind es keine aussergewöhnlichen Äusserungen eines AfD-Mitglieds. Anders sieht es jedoch aus für jemanden, der in seiner Funktion ebendiese so scharf kritisierte Politik umzusetzen hat. Sollte man meinen.

Denn Hetzes berufliche Qualifikationen will der Landrat des Landkreises Mittelsachsen, Matthias Damm, nicht schmälern. Der Heimleiter könne eine nicht zu beanstandende Arbeit vorweisen. Und solange Hetze nicht gegen geltendes Recht verstosse, «gibt es keine Probleme», heisst es von der Asylstabstelle des Landkreises.

Mittlerweile ist Hetze zwar von der Leitungsfunktion entbunden, soll aber eine neue Aufgabe in derselben Betreiberfirma für Flüchtlingsunterkünfte bekommen, wie mehrere Medien berichten.

Demonstranten skandieren Hassparolen und versperren einem Bus mit Flüchtlingen den Weg. (Video: Youtube.com/Thomas Geyer)

Gelernt scheint Hetze aus den Vorkommnissen nicht besonders viel zu haben. Er habe nur zwischen den Welten vermitteln wollen. «Von den pöbelnden Leuten stammen maximal 20 Prozent direkt aus dem Ort. Die anderen sind wohl aus der ganzen Region spontan angereist», sagte er. Doch ein bisschen Reue kam dann doch: «Vielleicht war es nicht richtig, in die AfD einzutreten», sagte er der «Bild-Zeitung».

Karsten, der ohnmächtige Organisator

Völlig überrascht vom plötzlichen Clausnitzer Mob wurde auch Thomas' Bruder Karsten – zumindest gab er sich nach aussen so. Er ist der Hilflose, der Ohnmächtige in der Geschichte. Zwar hatte sich Karsten Hetze vor der Demonstration gegenüber dem Fernsehsender MDR als Mitorganisator positioniert. Doch verantwortlich will er nicht sein. Sein Plan lautete: eine ganz ruhige Demonstration gegen die deutsche Asylpolitik. «Wir wollten nur sehen, wer kommt. Es war eine kurzfristige Aktion.» Aus der Ruhe wurden plötzlich Aggression, Wut, Hassparolen. Dass die Situation ausgeartet sei, habe er nicht gewollt – und auch nicht verhindern können. «Es wurde hochgeputscht.»

Frank, der Geschäftemacher

Karsten Hetze arbeitet im Betrieb seines anderen Bruders, Frank: Metallbau Hetze. Frank Hetze, der Unternehmer, schlägt nicht politisch Kapital aus der Flüchtlingskrise. Er verdient damit Geld, wie «Spiegel online» nun aufdeckte.

Auf dem Gelände des Betriebes stehen blaue Container, die umgebaut werden. Gemäss dem Medium seien einige von ihnen für die Infrastruktur einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Leipzig bestimmt. Mit Infrastruktur sind laut Landesdirektion Sachsen «Verwaltungsfunktionen» gemeint. Bis zu 900 weitere Flüchtlinge sollen ab März in der Unterkunft wohnen. Anscheinend sind Flüchtlingsunterkünfte ein Teil des Geschäfts von Metallbau Hetze.

Mitten in Clausnitz: Screenshot des Artikels von «Spiegel online» mit Containern und einem LKW auf dem Gelände von Metallbau Hetze.

Doch mit den Anfeindungen gegenüber den ankommenden Flüchtlingen, es waren vor allem Frauen und Kinder, hat die Firma gemäss eigenen Angaben «nichts zu tun». Genauso wenig wie Karsten Hetze oder Thomas Hetze, der ehemalige Heimleiter. Dieser habe nur Menschen in Not helfen wollen. Daher sei er Mitglied der AfD geworden.

(spu)

(Erstellt: 24.02.2016, 19:28 Uhr)

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