Die Robin Hoods des Pokers

Der Weltmeister der Pokerspieler gewinnt 10 Millionen Dollar – und spendet einen Teil davon. Damit folgt er dem Aufruf einer in der Schweiz gegründeten Bewegung.

Martin Jacobson mit seinem Preisgeld in Las Vegas. Foto: Key

Martin Jacobson mit seinem Preisgeld in Las Vegas. Foto: Key

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10 Millionen Dollar hat Martin Jacobson diese Woche am Pokertisch in Las Vegas gewonnen, er ist der neue Pokerweltmeister. «Deswegen spiele ich, dieser Sieg bedeutet alles für mich», sagte der Schwede nach dem Turnier. Das Preisgeld behält er aber nicht ganz für sich: Mindestens 200'000 Dollar will der neu gekürte Weltmeister an Hilfswerke weitergeben.

Denn Jacobson ist Teil der in der Schweiz gegründeten REG-Bewegung für Pokerspieler. REG steht für «Raising for Effective Giving», frei übersetzt etwa: Sammeln, um effektiv zu spenden. Ziel ist es, mit jedem gespendeten Dollar möglichst viel zu bewirken, also nur die effektivsten Hilfsprojekte zu unterstützen.

Er spielt nur nachts

Auch in der Schweiz gibt es einen Profi-Pokerspieler, der sich dem Projekt angeschlossen hat: Stefan Huber. Statt an die grossen Turniere zu reisen, spielt der 28-Jährige zu Hause in Zürich. Jeden Tag setzt er sich um 22 Uhr in seinem vier mal vier Meter grossen Zimmer an den Computer und pokert sich durch die Nacht. Arbeitsschluss: gegen 7 Uhr.

60 bis 150 Spieler sind online, man kennt sich. Huber hat seine Gegner in Farben eingeteilt. Von Grün für stark über Rot für zurückhaltend bis hin zu Rosarot: die Farbe der überaus schlechten Spieler. 50 Stunden Pokern die Woche hat er sich zum Ziel gesetzt. «Das braucht Disziplin», sagt Huber. Doch nachts zu spielen, ist wohlüberlegt: «Die Dichte der guten Spieler ist dann kleiner.» Will heissen: Nachts tummeln sich auf der Plattform neben den erfahrenen Spielern häufig auch die Angetrunkenen, die Spielsüchtigen.

120'000 Franken hat er dieses Jahr eingespielt, Geld, das er auch in der Steuererklärung deklariert. Wie jeder andere Selbstständigerwerbende. Und: Huber spendet einen Teil der Einnahmen. 40'000 Franken dürften es dieses Jahr sein.

Huber, der Robin Hood der Pokerspieler? Er nimmts von den Reichen und Betrunkenen und gibt es an die Armen. «Im Gegensatz zu Robin Hood begehe ich keinen Diebstahl», sagt Huber, «Aber ja, warum nicht? Warum nicht Ressourcen in einer Weise umverteilen, die zu weniger Leid in der Welt führt?»

Huber spielt auf seinem Schirm sechs Partien gleichzeitig, mit jeweils 500 Dollar Einsatz. 2,5 Dollar Small Blind; 5 Dollar Big Blind. Die Partien in Form von Pokertischen sind gleichmässig auf seinem 30-Zoll-Bildschirm verteilt. Huber hält eine Maus in der rechten und eine kleinere Tastatur in der linken Hand. Was er macht, ist für den Beobachter nicht nachvollziehbar, es geht zu schnell. Huber klickt und klickt. Unüberhörbar, immer wieder.

Huber spendet schon seit Jahren. «Ich hab genug zum Leben, also gebe ich etwas weiter.» Früher unstrukturiert, mal an Greenpeace, mal an Amnesty International. Dann, vor vier Jahren, hörte Huber erstmals von Effective Altruism – eine Bewegung, die rational spenden möchte. Rational, weil wissenschaftliche Verfahren die Effektivität von Hilfswerken beurteilen und bewerten.

Das Rationale passt zu Huber, der Situationen nach ihren Wahrscheinlichkeiten einteilt; der nachts spielt, um mehr zu gewinnen; der nicht mehr nach Amerika an die Turniere reist, weil es zwischen den USA und der Schweiz kein Doppelbesteuerungsabkommen gibt für Glücks–spielgewinne.

87 Profispieler spenden

Huber spendete erst für eine besonders effektive Malariastiftung. Heute unterstützt er die Giordano-Bruno-Stiftung. Sie engagiert sich für Projekte, die der Idee des effektiven Altruismus entspringen und lancierte auch das REG-Projekt. Bei REG arbeiten heute neun Personen auf freiwilliger Basis. 87 internationale Pokerspieler haben sich seit dem Start im Juni angeschlossen. Sie versprechen, mindestens zwei Prozent ihres Preisgelds zu spenden. Wie Martin Jacobson.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.11.2014, 23:32 Uhr)

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