Die Schweinegrippe-Epidemie, die nie ausbrach

In den USA löste die Schweinegrippe 1976 Panik aus: Die Regierung rechnete mit einer Million Toten und forcierte ein nationales Impfprogramm, obwohl sich das Virus gar nicht ausbreitete.

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Alles deutete auf eine harmlose Grippe hin: David Lewis, Soldat der US-Armee, musste auf Anordnung des Arztes das Bett hüten. Der 19-Jährige war im Januar 1976 in Fort Dix stationiert, im Bundesstaat New Jersey. Doch Lewis fühlte sich offensichtlich fit genug, um an einem Schneemarsch teilzunehmen: Obwohl er nicht musste, marschierte er mit seiner Einheit los. Nach einigen Kilometern brach er zusammen und starb kurze Zeit später an einer Lungenentzündung. Bald darauf stand die Todesursache fest: Ein mutiertes Schweinegrippe-Virus. Der Fall schreckte die amerikanische Öffentlichkeit auf – und die Politiker in Washington gerieten in Panik.

1976: Zeit für eine Epidemie

Die Wissenschaftler glaubten damals, dass Grippe-Viren nach einer bestimmten Anzahl Jahre mutieren, was zu Epidemien führt. Die letzte grosse Grippe-Epidemie – die Spanische Grippe – raffte 1918 weltweit Millionen Menschen dahin. 1976 wäre es rein rechnerisch wieder Zeit für eine Epidemie gewesen; darum waren die Experten sicher, Lewis sei an einem neuen, besonders tödlichen Virus gestorben. Bis Ende Januar erkrankten in Fort Dix 155 weitere Soldaten. Da die Patienten jedoch keinen Kontakt mit der Aussenwelt hatten, konnte sich das Virus nicht ausbreiten. Das staatliche Zentrum für die Kontrolle von Krankheiten wies trotzdem alle Spitäler an, Fälle von Schweinegrippe zu melden.

Ende März ging die Grippensaison zu Ende – und ausserhalb des Armeestützpunktes Fort Dix war kein einziger Fall von Schweinegrippe aufgetaucht. Das kümmerte das US-Gesundheitsministerium wenig: Die Krankheitskontrolleure baten den Kongress um finanzielle Mittel, um für 80 Prozent der US-Bevölkerung einen Impfstoff herzustellen – nur so könne eine Epidemie verhindert werden, hiess es. «Im Herbst wird es zu einer Grippe-Epidemie kommen. 1918 starben eine halbe Million Amerikaner. Der neue Virus wird 1976 eine Million Menschen töten», sagte Gesundheitsminister Forrest David Matthews. Der Kongress bewilligte die Gelder, Präsident Ford unterschrieb.

Kampf gegen Schweinegrippe: Politiker wollten sich profilieren

Die Schweinegrippe kam den Politikern gerade Recht: Sie standen wegen des Vietnam-Kriegs und der Watergate-Affäre unter Generalverdacht, zudem war 1976 Wahljahr. Die Schweinegrippe war ein willkommener Anlass, sich zu profilieren. Die Produktion des Impfstoffes begann. Inzwischen kamen die Wissenschaftler jedoch zur Besinnung. Nach genauer Analyse der Viren stellten sie fest, dass diese viel weniger aggressiv waren, als diejenigen der Spanischen Grippe. Die Weltgesundheitsorganisation riet den USA denn auch davon ab, Massenimpfungen durchzuführen.

Ungeachtet dessen begannen diese Anfang Oktober. Innerhalb von knapp zwei Wochen wurden etwa 40 Millionen Menschen geimpft. Doch die Bevölkerung freundete sich mit dem Programm nie richtig an. Mehrere Todesfälle – die allerdings nicht auf die Impfungen zurückzuführen waren, wie sich später herausstellte – bremsten das Unterfangen. Bis Ende 1976 liess sich weniger als ein Drittel der Amerikaner impfen. Im Dezember stoppte die Regierung die Übung schliesslich, ohne dass die grosse Schweinegrippe-Epidemie ausbrach. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.04.2009, 15:22 Uhr)

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