Panorama
Die Türken machen schlapp
Von Kai Strittmatter, Istanbul. Aktualisiert am 04.07.2009
Als vor ein paar Jahren Amerikas berühmteste Puffmutter Heidi Fleiss ein Bordell für Frauen eröffnen wollte, da zitierte die türkische Presse sie stolz mit den Worten, türkische Männer würde sie sofort einstellen: «Sie sind so stark und fantasievoll.» Das schmeichelte dem Selbstbild des Türken, der sich in einer Umfrage des Kondomherstellers Durex rühmt, im Durchschnitt 14,5 Sexpartner gehabt zu haben. Was Weltspitze ist. Oder einfach gelogen.
Jedenfalls stellten Forscher in Istanbul diese Woche eine Studie vor, die für den türkischen Macho ein Schlag unter die Gürtellinie sein muss: Zwei Drittel aller Türken haben demnach Erektionsprobleme. In der grossen Zeitung «Milliyet» spottete die Kolumnistin Melis Alphan daraufhin, wahrscheinlich müsse man in dem Spruch «stark wie ein Türke» das Wörtchen «stark» nun durch «schlapp» ersetzen.
66'670 Probanden landesweit
Gefreut haben dürfte sich über die Ergebnisse lediglich der Bayer-Konzern, der die Studie unterstützte und der praktischerweise ein Mittelchen zur Behebung von Erektionsproblemen im Programm hat. Ärzte der türkischen Gesellschaft für Andrologie, für Männerheilkunde also, waren ein halbes Jahr lang mit einem zur Minipraxis umgebauten Transporter durch 25 türkische Provinzen gefahren, warben in Teehäusern und Wettbüros um Probanden und untersuchten 66 670 Männer im Alter zwischen 15 und 82.
«Manche dieser Männer waren noch nie in ihrem Leben beim Arzt gewesen», berichtete Ümit Aktan, der Sprecher des Projekts. Die Ärzte massen Blutdruck und Cholesterin, untersuchten auf Diabetes und Übergewicht. Und immer hatten sie dabei der Türken bestes Stück im Blick.
Offiziell hiess die Kampagne «Wir sprechen von Mann zu Mann über die Gesundheit». Das inoffizielle Motto formuliert Professor Ates Kadioglu von der Gesellschaft für Andrologie so: «Der Penis ist das Barometer der männlichen Gesundheit.» Und das zeigt für die Türkei leider Tiefdruck an.
Professor Kadioglu wusste zu berichten, dass seine Mitarbeiter einen durchschnittlichen Erektionshärtegrad von 17,28 Punkten gemessen hätten, wo auf seiner Skala doch 22 bis 25 Punkte ideal wären. Er nannte zwei Gründe: falsche Ernährung und «Lebensumstände». Neun von zehn Untersuchten waren übergewichtig. Und die Lebensumstände? Das spielt auf das oft verkorkste Liebesleben des konservativen und frommen Volks an, wo Sex in weiten Teilen noch mit Tabus belegt ist. Türkische Sexualforscher wie der Istanbuler Arzt Akif Poroy oder der Psychiater Haydar Dümen beschreiben ihr Land als sexuelles Notstandsgebiet, in dem verklemmte Männer und frigide Frauen einander so hilflos wie vergeblich Lust abzugewinnen versuchen.
Raki und gegrillter Seefisch
Es gibt gute Nachrichten. In den modernen Küstenstädten des Landes stehen die Barometer offenbar auf Sonnenschein. Anführerin der Rangliste der Manneskraft ist die Stadt Izmir. Mehr als eine Zeitung titelte daraufhin «Wir sind alle Izmirer!» Erektiles Katastrophengebiet hingegen ist die Stadt Konya, Zentrum anatolischer Frömmigkeit. Aufmerksam registrierte die Presse, dass zur Vorstellung der Studie kein Vertreter aus Konya erschienen war, während die anwesenden Männer aus Izmir als Geheimnis ihres Erfolgs mal den Anisschnaps Raki, mal gegrillten Seefisch empfahlen, letztlich jedoch die Lorbeeren charmant an ihre Frauen weitergaben, an jene «Mädchen aus Izmir», deren Absätze in dem bekannten Lied von Sezen Aksu so klappern wie nirgend sonst. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.07.2009, 09:03 Uhr



