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Die grosse Chance für Hitlers Hymne

Von Bernhard Odehnal, Wien. Aktualisiert am 23.09.2011 9 Kommentare

Wie ein Lied der Nationalsozialisten ins Hauptabendprogramm des ORF kam.

Niemand hatte das Lied erkannt: Die Jury der Talentshow besteht aus Rapper Sido, dem Zirkusdirektor Bernhard Paul, der Sängerin Zabine und der Solotänzerin Karina Sarkissova (v.l.n.r.).

Niemand hatte das Lied erkannt: Die Jury der Talentshow besteht aus Rapper Sido, dem Zirkusdirektor Bernhard Paul, der Sängerin Zabine und der Solotänzerin Karina Sarkissova (v.l.n.r.).
Bild: www.diegrossechance.orf.at

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Der ältere, weisshaarige Mann mit der Kandidatennummer 25 und trug ein Stück auf der Mundharmonika vor. Ein altes Seemannslied sei das, erklärte er in der Talenteshow «Die grosse Chance» im Österreichischen Fernsehen. Der Jury, bestehend aus dem Berliner Rapper Sido, einer Ballerina der Staatsoper, einer Folkloresängerin und einem Zirkusdirektor, fiel zwar die ärmliche Qualität der Darbietung auf, nicht aber ihr ideologischer Hintergrund.

Ein Seemannslied mit dem Titel «Es wollt ein Mann in seine Heimat reisen» gibt es zwar wirklich, die Melodie aber ist eher als jene des Horst-Wessel-Lieds der Nationalsozialisten bekannt: «Die Fahnen hoch, die Reihen dicht geschlossen...» und so weiter. In Österreich und Deutschland ist diese Parteihymne von Hitlers NSDAP verboten, eben so wie das Hakenkreuz und «Mein Kampf». Nur: Im ORF-Studio erkannte niemand diese Melodie. Weil Chefjuror Sido nicht glauben konnte, dass man sich mit so wenig Können zu einer Talentshow wagt, bat er den Herrn um eine weitere Kostprobe, worauf dieser das Nazi-Lied noch einmal spielte. Dass er danach hinaus gevotet wurde, dürfte den Musikanten weniger gestört haben. Er hatte die «grosse Chance» genutzt und seine fünf Minuten Ruhm bekommen.

Die Redaktion im ORF fand den Alten mit der Mundharmonika vielleicht seltsam, aber durchaus sendewürdig.

Nun gut, niemand sollte von Jury und Publikum einer Talenteshow verlangen, dass sie auf Anhieb nationalsozialistische Propaganda erkennen müssen. Mehr noch: Es könnte doch sehr für das Land sprechen, meint eine Kolumnistin in der «Presse», wenn «keiner mehr eine alte Nazi-Hymne identifizieren kann». Doch die Sendung wurde aufgezeichnet und ging vor der Ausstrahlung noch «durch mindestens 20 Hände», wie der Programmdirektor im «Falter» zitiert wird. Die Redaktion im ORF fand den Alten mit der Mundharmonika vielleicht seltsam, aber durchaus sendewürdig.

Erst nach Anrufen erboster Zuschauer erkannte der ORF die Blamage. Und reagierte wieder einmal sehr österreichisch, wenn es um das Verbergen brauner Flecken geht: Decke drüber und so tun, als wäre nichts gewesen. In der Wiederholung der Show im Spätabendprogramm war der Auftritt schon nicht mehr zu sehen. Die knappe Erklärung der Fernsehmacher: Das Lied sei «durchgerutscht».

Das erinnert an die angebliche Ahnungslosigkeit von einer rechtspopulistischen Polizeigewerkschaft, die ihre Klage über die harten Arbeitsbedingungen bei der Exekutive mit einer Zeichnung von KZ-Häftlingen in einer Eisengiesserei illustrierten. Die charakteristische KZ-Kleidung ist auf dem Bild deutlich zu sehen. Dennoch reagierten die Gewerkschafter auf Proteste mit der üblichen Verwunderung, die vorgibt, von nichts zu wissen: KZ? Wieso? Das seien doch ganz normale Stahlarbeiter.

Furcht vor Klarheit

Gut, die Österreicher können sich trösten, dass nicht nur sie immer wieder Probleme mit der Vergangenheit haben. Bei einer Siegerehrung für die deutschen Gewinner der Kanu-WM im August spielten die ungarischen Veranstalter die deutsche Hymne mit dem Text der ersten Strophe, wie ihn die Nazis verwendeten: Deutschland, Deutschland über alles... Und auch hier: Scharfer Protest der Deutschen, Unverständnis bei den Ungarn. Sie hatten das Lied aus dem Internet herunter geladen. Natürlich, es kann alles nur ein dummer Zufall gewesen sein. Allerdings ist es gar nicht so einfach, auf Youtube die erste Strophe zu finden und würde man den WM-Mitarbeitern auch nur ansatzweise Kompetenz unterstellen, schrieb danach der Ungarn-Blogger «Pusztaranger», «drängt sich der Eindruck auf, dass sie tatsächlich ‘Deutschland über alles’ spielen wollten».

Solche Szenen verraten am besten, wie sehr Österreich «unausgesprochen und halbbewusst in seiner Nazi-Vergangenheit verwurschtelt ist. Und wie sehr es sich vor Klarheit fürchtet.» Das schrieb die Kommentatorin der «Presse» nach der Aufführung des Horst-Wessel-Lieds im Hauptabendprogramm des österreichischen Fernsehens. Sie hätte es genau so gut über Ungarn schreiben können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2011, 18:58 Uhr

9

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9 Kommentare

Urs Brunner

23.09.2011, 08:53 Uhr
Melden 12 Empfehlung

Woher hätten sie das Lied auch kennen sollen, das ist doch genau was herauskommt, wenn man Dinge einfach verbietet: Man erkennt sie nicht mehr. Das hat eben auch Nachteile. Antworten


Rainer Ernst

23.09.2011, 09:38 Uhr
Melden 5 Empfehlung

So what? Bin immernoch für freie Meinungsäsusserung. Der Verbot dieses Liedes ist sowieso lächerlich. Nicht, dass ich die damaligen Gegebenheiten unterstütze, aber wieso soll ich heute Mein Kampf nicht kaufen dürfen? By the way....ich kann es ja sowieso im Internet runterladen... Antworten



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