«Dort darf kein Unterricht mehr stattfinden»

Aktualisiert am 12.03.2009

Nach dem Amoklauf im deutschen Winnenden mit 16 Toten sagt ein Trauma-Experte, die betroffene Schule müsse geschlossen werden – für immer.

1/32 Die Frage nach dem Warum des Amoklaufs beschäftigte alle Beteiligten: Gedenkkerzen auf dem Schulareal.

   

«Die Schule ist zum Tatort geworden. Dort darf kein Unterricht mehr stattfinden», sagt Psychologe und Trauma-Spezialist Christian Lüdke in einem Interview mit der in Hannover erscheinenden «Neuen Presse». Nach diesen Erfahrungen könnten die Schüler nie wieder unbeschwert in ihre Schule zurückkehren. «Da hilft es auch nicht, wenn man die Wände streicht», so der Experte weiter. Lüdke hatte 2002 nach dem Amoklauf am Erfurter Guttenberg-Gymnasium die Schüler betreut.

«Die Schulen haben sich zu lange weggeduckt»

Überhaupt sind nach der schrecklichen Tat in Winnenden – wie immer nach Amokläufen – die Stimmen der Psychologen gefragt. Doch auch diese wirken oft ratlos, wenn es darum geht, nach Hintergründen und Abwehrmechanismen zu suchen. «Wir können uns um Aussenseiter kümmern, um Jugendliche, die in Krisensituationen sind. Aber verhindern können wir Amokläufe nicht», sagte der Leiter des Kriminologischen Instituts in Hannover, Christian Pfeiffer, der «Wetzlarer Neuen Zeitung». Auch ein stärkerer Polizeischutz für Schulen bringe nichts. «Mehr Polizeipräsenz erhöht eher noch das Risiko von Amokläufen», sagte Pfeiffer. «Es könnte sein, dass die Schule für den Täter ein Ort der subjektiven Erniedrigung war.»

Der Psychologe Jens Hoffmann von der Technischen Universität Darmstadt glaubt, dass Amokläufe leicht Nachahmertaten hervorrufen können. Man müsse sehr viel aufmerksamer auf Warnsignale achten, die Schüler häufig lange vor Amoktaten aussendeten. «Jugendliche verraten viel stärker als Erwachsene ihre Pläne und kündigen die Tat am Ende oft auch an», wird er in deutschen Medien zitiert. «Die Schulen haben sich zu lange weggeduckt, aber das verändert sich glücklicherweise langsam.»

Landesweite Solidarität

Am Tag nach dem Amoklauf des 17-jährigen Tim K. mit 16 Toten in Winnenden bei Stuttgart steht die Betreuung der Betroffenen im Mittelpunkt. Psychologen kümmern sich um die Angehörigen der Toten - und um die Schüler und Lehrer, die das Drama überlebt haben. Auch viele Polizisten suchen nach dem Einsatz Hilfe. Während die Schule vorerst geschlossen bleibt, wollen die Lehrer an vielen anderen Schulen im Land mit ihren Schülern über das Geschehene sprechen und ihnen die Angst nehmen. Zahlreiche deutsche Bundesländer schicken Schul- und Polizeipsychologen nach Baden-Württemberg. (cpm)

Erstellt: 12.03.2009, 09:11 Uhr

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