«Ein Albtraum, der sich angekündigt hatte»

Beim Erdbeben in Nepal sind über 2500 Menschen ums Leben gekommen. Im Himalaja-Staat fehlten Vorbereitungsszenarien für den Katastrophenfall, sagt ein Nepal-Kenner des Hilfswerks Helvetas.

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Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein starkes Erdbeben Nepal erschüttern würde. Noch vor einer Woche trafen sich 50 Forscher aus aller Welt in Kathmandu, um darüber zu diskutieren, wie das von Erdbeben bedrohte Land die Risiken im Katastrophenfall verringern könnte. Das grosse Beben, eine ständige Gefahr, traf nun Nepal am Samstag mit grosser Wucht, gefolgt von einem weiteren heftigen Erdbeben am Sonntag und vielen Erschütterungen dazwischen und danach: Es war die schlimmste Erdbebenkatastrophe in Nepal seit mehr als 80 Jahren.

«Es war irgendwie ein Albtraum, der sich angekündigt hatte», sagt der Seismologe James Jackson von der Universität Cambridge. Jackson war einer der Teilnehmer der kürzlichen Forscherkonferenz in Kathmandu. «Ich ging durch genau jene Gegend, in der das Erdbeben war, und ich dachte mir, dass diese Gegend auf Probleme zusteuert.» Dass es jedoch so bald passieren würde, hätte Jackson nicht erwartet, wie er der Nachrichtenagentur AP sagte.

Gemäss den Behörden kamen über 2500 Menschen ums Leben, die Zahl der Opfer dürfte aber weiter ansteigen. Ein Teil des wertvollen Kulturerbes wurde beschädigt oder zerstört, wie etwa der berühmte Dharahara-Turm in der Altstadt von Kathmandu. Unesco-Experten beklagen irreparable Verluste für Nepal und den Rest der Welt.

Zivilgesellschaft ist weiter als der Staat

Besonders hart traf es Nepals Hauptstadt Kathmandu, das dicht besiedelte Kathmandu-Tal, aber auch abgelegene Bergregionen. Wie immer bei solchen Katastrophen - auch in anderen Teilen der Welt - stehen nun die nepalesischen Behörden in der Kritik. Trotz der bekannten Risiken sollen sie der Erdbebenvorsorge und der Katastrophenhilfe zu wenig Beachtung geschenkt haben. Nach Ansicht von Nepal-Kennern ist die Kritik nicht unberechtigt.

«Die staatliche Planung ist in Nepal nicht langfristig ausgerichtet, es fehlen Vorbereitungsszenarien für den Katastrophenfall», sagt Franz Gähwiler, Programmkoordinator des Schweizer Hilfwerks Helvetas in Nepal. Kathmandu und andere Städte, aber auch das Kathmandu-Tal seien in den letzten Jahren unkontrolliert gewachsen und sehr dicht besiedelt. Dazu komme, «dass das erdbebensichere Bauen bisher nicht im Vordergrund stand». In Nepal habe man ein anderes Verständnis von Planung, sagt Gähwiler weiter. Es sei auch eine Mentalitätsfrage. Gähwiler spricht von einer gewissen Gottergebenheit der Nepalesen. «Wenn aber etwas passiert, ist es erstaunlich, wie flexibel und kreativ die Nepalesen reagieren können.»

Bei der Erdbebenvorsorge hätten in Nepal vor allem die zivilgesellschaftlichen Organisationen vorwärts gemacht. Gähwiler berichtet von Stadtquartieren in Kathmandu, die Notfallszenarien für den Fall von Erdbeben entwickelt hätten – mit Telefonlisten, Treffpunkten und Verhaltensregeln. «Das hat sich bei diesem Erdbeben auch ganz gut bewährt», sagt Gähwiler. Grundsätzlich gibt er zu bedenken, dass es zu einfach sei, im Nachhinein die nepalesischen Behörden zu kritisieren. Unabhängig vom grossen Erdbebenrisiko stehe das Land vor grossen Herausforderungen.

Nepal, wo rund 30 Millionen Menschen leben, zählt zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Die politische Lage ist instabil und die wirtschaftliche Situation schlecht. Hunderttausende Nepalesen sind ausgewandert. Das Geld, das die Emigranten in die Heimat schicken, ist zu einer tragenden Säule für Nepals Wirtschaft geworden. Der für die Wirtschaft ebenfalls sehr wichtige Tourismus wird nach dem Beben einen Einbruch erleiden. Der Bürgerkrieg (1996 bis 2006) hatte das Land an den Rand des Abgrunds gebracht. Seit 2008 ist Nepal, nach 240-jähriger Monarchie, auf dem Weg zu einer demokratischen Republik. Regiert wird das Land von einer Koalition von bürgerlich-liberalen und sozialdemokratischen Kräften. Die 2008 und wieder 2013 gewählten verfassungsgebenden Versammlungen haben es bis heute nicht geschafft, eine Verfassung für Nepal auszuarbeiten, mit der alle politischen Kräfte zufrieden sind.

Trinkwasser, Toiletten und Hängebrücken

In Nepal ist die internationale Hilfe mittlerweile angelaufen, auch die Schweiz leistet ihren Beitrag. Die Humanitäre Hilfe des Bundes schickte am Tag nach dem Erdbeben ein Soforteinsatzteam in den Himalaja-Staat. Vor Ort sind zudem mehrere Schweizer Hilfswerke. Auch Helvetas, die sich bereits seit 60 Jahren in Nepal engagiert. Helvetas ist zwar nicht in erster Linie in der Katastrophenhilfe tätig, sie kann aber mit Sofortmassnahmen helfen, wie Helvetas-Programmkoordinator Gähwiler erklärt.

Die Schweizer Entwicklungshilfeorganisation, die 230 Mitarbeitende vor Ort hat, ist unter anderem auf Projekte in der Trinkwasser- und Sanitärversorgung spezialisiert. Gerade sauberes Trinkwasser ist derzeit dringend nötig, ebenso Siedlungshygiene, inklusive Toilettenanlagen, um zu verhindern, dass Krankheiten ausbrechen. Helfen kann Helvetas auch mit der Reparatur von Hängebrücken, die wichtig sein können, um entlegene Gebiete ausserhalb von Kathmandu zu erreichen. «In diesen Bereichen haben wir etablierte Strukturen in Nepal», sagt Gähwiler.

Das Ausmass der Schäden, die das Beben an Menschen und Sachen angerichtet hat, ist laut Gähwiler noch nicht abzuschätzen. Helvetas geht davon aus, dass die Schäden in den abgelegenen Bergregionen nordwestlich und -östlich von Kathmandu noch verheerender sind als in der Hauptstadt. Die Distrikte Lamjung, Kaski, Syangja und Parbat, wo Helvetas mit langjährigen Entwicklungsprogrammen tätig ist, liegen nahe beim Epizentrum des Bebens. Diese Regionen sind nicht nur schlecht erschlossen, es fehlt auch an Spitälern. Für Nothilfe und Wiederaufbau in Nepal stellt Helvetas 750'000 Franken zur Verfügung. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.04.2015, 06:57 Uhr)

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