Panorama

Ein Ex-Model lässt Tschetschenien im schönsten Licht erstrahlen

Folter, Mord und Entführungen kommen in ihren Sendungen nicht vor. Die kanadische Fernsehmoderatorin Chrystal Callahan ist das Kronjuwel der Regierungspropaganda im Nachkriegsland.

Die schöne Stimme der Regierung Kadyrow: Chrystal Callahan vor einer Sendung im Juni 2009.

Die schöne Stimme der Regierung Kadyrow: Chrystal Callahan vor einer Sendung im Juni 2009.
Bild: Reuters

Der Gipfel des Zynismus ist aus schwarzem Marmor, etwa zwei Meter hoch und steht am Ende des Putin-Boulevards in Grosny. Auf der polierten Vorderseite heisst es feierlich im Gedenken an getötete Journalisten: «Sie gaben ihr Leben für das freie Wort.» 100 Meter weiter ragt das «Haus der Presse» empor, in dem schon seit Jahren keine einzige unabhängige Zeitung mehr produziert wird. «Es gibt keine Meinungsfreiheit in Tschetschenien», sagen Menschenrechtler, Journalisten, selbst Taxifahrer und sehen sich verstohlen um. Kritik, selbst Zweifel an der Regierung von Präsident Ramsan Kadyrow werden nur geflüstert. Das Denkmal am Putin-Boulevard ist in Wirklichkeit ein Grabstein.

Für Chrystal Callahan, Kanadierin, Ex-Model und Moderatorin der ersten englischsprachigen Sendung Tschetscheniens, ist das etwas ganz Neues. Folter, Mord, Entführungen? «Haben meine Freunde nie erwähnt.» Sie dürften Angst haben. «Vor wem?» Der Regierung, den Schergen Ramsan Kadyrows. «Quatsch.» Durch ganz Tschetschenien sei sie gefahren, sagt sie. Nur in das Büro der Menschenrechtsorganisation Memorial schräg gegenüber vom Pressehaus hat sie nie einen Fuss gesetzt. Hier wurde Natalja Estemirowa entführt und später ermordet. «Ja, schrecklich, nicht?», sagt Chrystal Callahan. Das ist alles? «Ich bin doch nicht Christiane Amanpour.»

Die Schönheiten Nachkriegstschetscheniens

Das stimmt. Chrystal Callahan berichtet nicht für CNN über alle die Schrecken dieser Welt, sondern für die Regierung in Grosny über die Schönheiten Nachkriegstschetscheniens. Auf der Seite www.chechnyatoday.com und auf Satellit informiert sie über die Eröffnung der ersten tschetschenischen Gefängnismoschee, den ersten internationalen Flug vom Flughafen Grosny nach Mekka zur Hadsch und die neue Shopping-Mall «Grosny City» mit Kinos und Eisbahn. Ihr Blog heisst «Groznygossip» und dreht sich vor allem um Mode und die lokale Society, Sänger, Tänzer, Muftis. Tschetschenien ist hip, aber halal.

Wie wird ein Model aus Toronto zum Lautsprecher eines Politikers, der von kaum einem freien Land empfangen wird? Es ist Samstagmorgen, Chrystal hat noch nicht gefrühstückt und bis vier Uhr nachts auf der Pondar geübt, einer Art eckiger Balalaika, weil sie demnächst ein Konzert gibt.

«Ich habe 1000 Leben gelebt»

Im Cafe «Seidenstrasse» über Blechbuden mit Plastikgeschirr und Mobiltelefonen, über den Geldwechslern mit brickettdicken Dollarpaketen, ordert sie Tee und Pelmeni, russische Ravioli, und sagt: «Was heisst Kulturschock? Ich habe 1000 Leben gelebt. Ich bin noch keine 30 und fühle mich wie 70.»

Ihr Vater ist Afroamerikaner, ein Geschäftsmann aus den USA, ihre Mutter irische Kanadierin. Chrystal lebte ein Vagabundenleben, Toronto, Michigan, Los Angeles. Wenn ihr die Schule nicht passte, die Kinder zu normal waren, hat sie gewechselt. Mit 16 wurde sie Model und ging nach Japan, obwohl Schwarze es da schwer haben. «Eine Organisatorin der Fashion Week in Tokio wollte verhindern, dass ich laufe. Sie wurde richtig aggressiv. Aber die Designerin hat sich durchgesetzt. Und später war ich sogar in der asiatischen Vogue», erinnert sie sich.

Sehnsucht nach dem Anderen

Da sind die Tschetschenen toleranter, fast schon solidarisch: «Russen nennen Tschetschenen die Schwarzen, manchmal sogar die Schwarzärsche.» Der Rassismus schweisst zusammen.

Irgendwann war sie den Catwalk leid, das Geld, die schöne Wohnung, die Sicherheit. Sie reiste nach dem Tsunami nach Sri Lanka und drehte erstes Filmmaterial. Nach einer gescheiterten Beziehung mit einem Pakistani begann sie sich für den Islam zu interessieren und stiess auf Tschetschenien. Alle sprachen damals von Terror und Selbstmordattentäterinnen, Chrystal Callahan aber entdeckte tanzende Kinder und eine alte Kultur: «Ich komme aus einem neuen Land. Gesellschaften mit einer starken Identität ziehen mich an.»

Vor drei Jahren reiste sie zum Drehen nach Tschetschenien. Sie begleitete einen Sportler auf dem Weg zur Meisterschaft. Damals wurde sie von Menschenrechtlern gewarnt, sie solle keine positive Geschichte machen. «Ich dachte: Warum nicht? Ihr habt nur Angst, dass ihr euren Job verliert.» Seitdem ist sie mit dem Presseminister befreundet. Als dieser ihr eine eigene Sendung vorschlug, stimmte sie zu.

Ein Model ziehe alles Mögliche an

Seit acht Monaten ist sie nun einmal die Woche auf Sendung. Sie trägt Kopftuch und einen langen Rock. Würde sie zu Hause so auf die Strasse gehen? «Ich bin Model, da zieht man alles Mögliche an. Ausserdem habe ich immer ein Kopftuch getragen.» Wie kommt sie als Frau in einer knochenpaternalistischen Gesellschaft zurecht? Bestens! Obwohl Frauen nicht mal Auto fahren? «Alle meine Freundinnen fahren!» Würde sie einen Tschetschenen heiraten? «Das eher nicht.»

Als Reporterin in gefürchteten Diensten stehen ihr alle Türen offen, und so fragt Chrystal Callahan, was man gefahrlos fragen kann, übersieht, was sie nicht sehen darf, und berauscht sich an einem grossen Abenteuer. Der Personenkult mit Kadyrow-Bildern vom Fluss Terek bis zur georgischen Grenze und mit Kadyrow-Flaggen an Minibussen widert viele Tschetschenen an.

Vergoldete Schönfärberei

Chrystal Callahan aber findet Kadyrow «cool»: «Wie er das Land wieder aufgebaut hat! Dauernd ist er draussen, überprüft den Fortschritt, gibt Anweisungen.» Das nun hätte selbst das tschetschenische Fernsehen nicht schöner sagen können.

Ramsan Kadyrow ist bekannt für seine Brutalität, aber auch für seine Grosszügigkeit. Die ihm dienen, überschüttet er mit Gold. Chrystal Callahan redet nicht über Geld, aber sie wird den Vertrag wohl um ein Jahr verlängern. Ist ihr je in den Sinn gekommen, dass sie benutzt wird? Dass sie das Kronjuwel für die tschetschenischen Imagebastler ist? «Nein. Ich lebe meinen Traum. Die Leuten denken einfach zu viel.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2010, 06:34 Uhr

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