Panorama

Ein Stollen gegen das Hochwasser

Von Barbara Reye. Aktualisiert am 30.05.2009

Der See des Grindelwaldgletschers ist weiterhin ein Risiko. Ein unterirdischer Abfluss soll eine gefährliche Entleerung des Sees vermeiden.

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Was am rechten Bildrand noch vor wenigen Jahren eine idyllische Alpweide war, ist heute eine riesige Schutthalde.
Bild: Bruno Petroni

   

Die Situation am Gletschersee oberhalb von Grindelwald im Berner Oberland war am vergangenen Wochenende äusserst brenzlig. Aufgrund des anhaltend warmen Wetters floss immer mehr Schmelzwasser in den See, der Pegel stieg zunehmend an und mit ihm auch die Gefahr einer spontanen Entleerung des Gletschersees.

Als der Abriss an der Stiereggmoräne auch noch kontinuierlich schneller den Hang herunterrutschte, waren die lokalen Behörden alarmiert und Feuerwehrleute montierten sofort mobile Hochwassersperren. Schliesslich bestand durch die grosse, sich auf den Gletschersee zu bewegende Gesteinsfracht ein nochmals erhöhtes Risiko für eine Flutwelle im Gletschersee, die ein grosses Hochwasser in der Lütschine zur Folge hätte und somit eine Gefahr für die gesamte Region Interlaken darstellen würde.

Von den insgesamt 300'000 Kubikmetern rutschender Geröllmasse glitt aber letztlich nur ein Drittel direkt in den See. «Es war dennoch enorm und löste bis zu zehn Meter hohe Wellen aus», sagt Nils Hählen vom kantonalen Oberingenieurkreis. Zum Glück sei der Damm in Richtung Gletscherschlucht nicht überströmt worden und die Lage hätte sich jetzt vorerst wieder entspannt. Man müsse es sich vorstellen wie eine riesige Badewanne, die jeder Zeit kurz vor dem Überlaufen sei.

Das Wasser hatte sich bereits einen kleinen Weg ins Tal gebahnt. Versteckt durch groben Blockschutt floss es beim Damm des Toteisriegels ab. Trotzdem sank der Seepegel in den darauffolgenden Tagen weiterhin nicht ab, sodass er sogar eine Ausdehnung von mehr als 18 Fussballfeldern und eine Tiefe von 40 Metern erreichte. Der Seespiegel ist nun aber wieder um einige Meter abgesunken, weil durch kältere Temperaturen die Schmelzwassermenge entsprechend abgenommen hat.

Tauwetter in den Bergen

«Die Bildung des Gletschersees ist eine Folge der Klimaerwärmung in den Alpen», betont Nils Hählen. Es gäbe ihn erst seit dem Jahr 2005. Durch die höheren Temperaturen hat sich der Untere Grindelwaldgletscher in den letzten Jahrzehnten stark zurückgezogen. Im Bereich des Sees liegt die Gletscheroberfläche heute rund 200 Meter tiefer als 1860. Das Problem sei, so Nils Hählen, dass ohne den stützenden Druck des Gletschers die Bergflanken instabil werden. Dies führe zu Rutschungen und Felsstürzen.

Doch damit nicht genug. Schmilzt der Gletscher mit der gleichen Geschwindigkeit weiter, könnte der See laut Berechnung der ETH Zürich 2012 ein Volumen von 7 Millionen Kubikmeter erreichen. «Das wäre fast das Dreifache des maximalen Volumens vor drei Tagen», sagt Martin Funk von der ETH. Um die davon ausgehenden Gefahren einzudämmen, wurde Anfang des Jahres mit dem Bau eines 15 Millionen Franken teuren Abflussstollens begonnen. Er ist 2130 Meter lang und weist eine Höhendifferenz von 400 Metern auf. Künstlicher Überlauf

Seit Ende März arbeiten Tunnelbauer sieben Tage pro Woche rund um die Uhr, damit der Stollen möglichst schnell fertig wird. Wenn alles nach Plan läuft, erreichen sie im Oktober 2009 den Gletschersee. Zu einer Zeit, in der im See nur wenig oder vielleicht auch gar kein Wasser mehr vorhanden ist, soll der Durchbruch gemacht werden. Mit diesem Abflusssystem ist es möglich, dass sich der Gletschersee im darauffolgenden Frühling nicht mehr so bedrohlich füllt und kontinuierlich in die Lütschine abfliessen kann.

Während die Gefahr durch Rutschungen momentan gebannt ist, hat der Gletschersee jedoch weiterhin einen gefährlichen Pegelstand, der durch starken Regen sowie warme Temperaturen jederzeit wieder in die Höhe schnellen kann. Zudem bleibt das Risiko bestehen, dass das Wasser sich durch den Gletscher hindurch einen Weg bahnt und der See sich auf diese Weise unterirdisch entleert.

Automatisches Überwachungssystem

Gemäss Meteo Schweiz wird die Schmelzwasserzufuhr jedoch in den kommenden Tagen nicht massiv zunehmen. In der Region rechnen die Meteorologen damit, dass es vermutlich zwar einige Gewitter geben wird. Doch die tieferen Temperaturen im Einzugsgebiet des Gletschersees führen dazu, dass die Niederschläge dort zu einem grossen Teil als Schnee gebunden werden.

Um die sich abhängig vom Wetter ständig ändernde Situation zu kontrollieren, haben Experten ein automatisches Überwachungssystem mit Vermessungspunkten auf dem Gletscher, Sensoren im See und Messgeräten auf der Bäregg installiert. Weil die letzte Rutschung so massiv war, sind einige Messstellen beschädigt worden. «Sie sind wieder repariert», erklärt Nils Hählen. Und können damit bei drohender Gefahr sofort Alarm auslösen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2009, 14:46 Uhr

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