Ein Zeugnis geistiger Verkrustung

Der künstlerische Protest gegen ein Kunstwerk endete in Basel mit einem Polizeieinsatz. So weit hätte es nicht kommen dürfen.

Tränengas und Gummischrot in Basel: Die Polizei vertreibt Demonstranten.


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Jedes Jahr kürt das «Time Magazine» die Person des Jahres. 2011 war es der Protester. Eine visionäre Wahl. Heute sehen wir ihn beinahe täglich in den Medien – als vermummten Chaoten in Bern, der sich am Rande eines Anlasses Strassenschlachten mit der Polizei liefert, als Jugendlichen in Schweden und als rot gewandete Frau in Istanbul.

Diese Ereignisse haben alle unterschiedliche Hintergründe. Aber sie zeigen eines: Die Leute sind wütend. Sie werden immer mehr, und ihre Wut wird immer grösser. Und diese Wut braucht ein Ventil.

Tränengas und Gummischrot

Am Freitagabend versammelten sich am Rande der Art Basel Leute, um spontan zu protestieren. Sie taten es mit bunten Farben und Musik. Als sie sich weigerten, abzuziehen, schickte man die Polizei mit Tränengas und Gummischrot vorbei, um die «illegale» Versammlung aufzulösen.

In diesem Fall hatten sich die Menschen wegen eines Kunstwerks versammelt, das im Rahmen der Art Basel gezeigt wurde. Die Installation «Favela Café» des japanischen Künstlers Tadashi Kawamata ist eine Art künstlerische Mimikry real existierender sozialer Verhältnisse. Der Name Favela nimmt Bezug auf illegal erstellte Armensiedlungen in südamerikanischen Städten, wo jene leben, die nichts haben. Allerdings stehen in den Basler Favelas teure Espressomaschinen, um Kaffee für Leute zu brauen, deren Garderobe mehr kostet, als ein echter Slumbewohner im Jahr verdient.

Das empfanden viele Leute als dekadent. Am Freitagnachmittag beschlossen einige Basler Kunstaktivisten, die Installation mit echtem Armutschic zu beleben. Sie zimmerten vor Ort ihre eigene kleine Favela, inklusive Bar und Grill. Unter wohlwollenden Blicken der Kunstmessebesucher wurde gezimmert, gemalt, getrunken und getanzt. Bis die Polizei einschritt, die Hütten und die Musikanlage zerdepperte und dann so plötzlich verschwand, wie sie gekommen war.

Die Wut wird bleiben

Nach den Ereignissen von Bern ist die Angst der Kunstvermarkter vor einer Eskalation verständlich. Aber die Krawalle in Bern waren absehbar, während in Basel nichts auf eine Eskalation hindeutete. Vor dem Hintergrund dessen, was da tatsächlich stattfand, nämlich ein überschaubares Kunsthappening mit Performancecharakter, befremdet die Nulltoleranzpolitik der Messe. Jahr für Jahr spült ihr die Kunst Millionen in die Kasse – Kunst, die immer gern mit Positionen der sozial Schwachen kokettiert. Doch Inhalte interessieren die Messe nicht.

In den Medien werden die Aktivisten nun als Kunsthooligans dargestellt, welche die Polizisten angegriffen haben sollen. Der Onlinestammtisch ruft bereits nach drastischen Strafen, obwohl die schlimmste Sachbeschädigung der Aktivisten sich auf Kreidezeichnungen auf dem Messeplatz beschränkt. Vorhandene Regeln in einem bestimmten Rahmen zu brechen, war immer schon eine künstlerische Strategie, um die Kunst weiterzutreiben. Die Protester in Basel wollten den Kunstkontext überschreiten und die Behauptung einer «Favela» in eine soziale Realität übersetzen.

Wenn eine solche Attitüde nur noch im kommerziell verwertbaren Rahmen geduldet und ansonsten mit Hooliganismus gleichgesetzt wird, zeugt dies von einer beängstigenden geistigen Verkrustung unserer Gesellschaft und ihrer Eliten. Davon ist nichts Gutes zu erwarten. Denn die Wut wird nicht einfach verschwinden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.06.2013, 22:25 Uhr)

Unsere Autorin

Kultur macht die Runde

Michèle Binswanger ist Kultur-Redaktorin bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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