Einer der Züge verliess den Bahnhof zu früh

Bei einer Frontalkollision von zwei Zügen in Granges-près-Marnand VD kam einer der beiden Lokführer ums Leben, 25 Menschen wurden verletzt. Über die Unfallursache wird nun spekuliert.

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Das Zugunglück ereignete sich gestern Abend um 18.40 Uhr in Granges-près-Marnand südwestlich von Payerne. Im Bahnhof der rund 1200 Einwohner zählenden Ortschaft kreuzen sich um diese Uhrzeit täglich zwei Regionalzüge, die zwischen Payerne und Lausanne verkehren.

Der Zug, der Richtung Lausanne fährt, hält im Bahnhof und nimmt Passagiere auf, während der aus Lausanne kommende Zug in einem Tempo von rund 40 Kilometern pro Stunde in Richtung Payerne durchfährt. Gestern scheint der Lokführer, der in Richtung Lausanne fuhr, den Bahnhof aus unbekannten Gründen zu rasch verlassen zu haben.

Nach seiner Abfahrt kam es auf dem Abschnitt, auf dem die Linie wieder eingleisig geführt wird, zum frontalen Zusammenprall. «Glücklicherweise waren beide Züge in geringem Tempo unterwegs, sonst wäre das Unglück noch um einiges verheerender ausgefallen», sagte Gemeindepräsident Guy Delpedro, der sofort zur Unfallstelle geeilt war. Die Regionalzüge sind um diese Zeit gut gefüllt. Gestern sollen in beiden Zügen insgesamt 46 Passagiere gesessen haben.

Spekulationen über die Unfallursache

Der Notruf ging bei der Kantonspolizei um 18.46  Uhr ein. Polizei, Rettungsmannschaften des Spitals Payerne und des Universitätsspitals Lausanne, ein Helikopter der Rega, die Feuerwehren von Broye-Vully, der Stadt Lausanne und der SBB trafen rasch auf dem Unfallplatz ein.

Eine erste Bilanz kurz nach dem Unfall ergab, dass man den Lokführer aus dem Zug Richtung Lausanne vermisste. Retter konnten später den während Stunden im Wrack eingeklemmten Mann nur noch tot bergen, wie die Kantonspolizei Waadt am frühen Dienstagmorgen mitteilte.

Die SBB haben inzwischen die Bilanz nach unten korrigiert. Sie spricht nun von 25 Verletzten. Gestern war die Zahl der Verletzten von der Polizei auf 35 beziffert worden – zuvor war sogar von 44 Verletzten die Rede gewesen. Bei den 25 Verletzten handelte es sich um Personen, die von der Rega oder Ambulanzen ins Spital gebracht wurden, wie die Kantonspolizei Waadt mitteilt.

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Über die Unfallursache konnte am Abend nur spekuliert werden. Es kursierten gestern verschiedene Erklärungen. Eine Möglichkeit ist, dass dem Lokführer das Abfahrtssignal zu früh gegeben worden war. Dies wiederum könnte passiert sein, weil offenbar kurz vor dem Unglück ein Güterzug auf ein Abstellgleis verschoben wurde. Ein zusätzliches Gleis existiert für Getreidetransporte. Das Unglück könnte auch damit zusammenhängen, dass sich der Lokführer in der Zeit irrte. Zu anderen Uhrzeiten kreuzen sich die Züge auf der Linie Lausanne–Payerne offenbar in anderen Bahnhöfen. Jedoch gelten die Lokführer, die auf der Linie Payerne–Lausanne unterwegs sind, als sehr erfahren. Die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (SUST) eröffnete zum Unfall eine Untersuchung. Ein Experte traf kurz nach der Kollision an der Unfallstelle ein.

Aufräumarbeiten angelaufen

Die SBB haben am Abend schweres Gerät zum Bahnhof Granges-près-Marnand bringen lassen, um die verkeilten Züge zu trennen. Dutzende Helfer waren im Scheinwerferlicht bis in die frühen Morgenstunden mit Bergungsarbeiten beschäftigt. Die Bergungsarbeiten werden mehrere Stunden dauern. Laut Polizei bleibt die Strecke Payerne-Lucens den ganzen Tag gesperrt. Reisende auf der Strecke Payerne-Moudon mussten auf Bahnersatzbusse umsteigen. Auch Zivilschutzeinheiten wurden mobilisiert. Die SBB haben kurz nach dem Unglück eine Telefon-Hotline eingerichtet, auf der sich Angehörige von Verunfallten melden können: 0800 722 233.

Zugkollisionen mit so viel Verletzten gab es zuletzt im Jahr 2003. Damals kam es gleich zu zwei schweren Unglücken: In Gsteigwiler BE stiessen am 7. August 2003 zwei Züge der BOB zusammen, nachdem ein Lokführer ein Rotlicht überfahren hatte. 64 Personen wurden verletzt, ein Schwerverletzter starb später im Spital. Am 24. Oktober 2003 stiessen im Bahnhof Zürich Oerlikon zwei Schnellzüge zusammen. Dabei gab es eine Tote und 45 Verletzte. Bei dem Richtung Schaffhausen fahrenden Zug waren ein Teil der Bremsen nicht in Betrieb. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.07.2013, 23:52 Uhr)

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