Panorama
Er habe damals keinen Sex gewollt – nur eine Umarmung und Mitleid
Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 11.03.2009
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Kollegen beschreiben ihn als «umgänglich, lustig und gmögig», Nachbarn als charmant und gutaussehend. «Er hat mit viel Herzblut gearbeitet und die Gäste hatten ihn gern», sagt ein ehemaliger Arbeitgeber gegenüber der «Aargauer Zeitung» über den 25-Jährigen. Auch die Ex-Freundin empfand ihn als lieb und höflich.
Doch in Daniel H. schlummert offenbar früh ein Gewalttäter. Bereits 2003, im Alter von 19 Jahren, hatte er eine ehemalige Arbeitskollegin fast zu Tode geprügelt. Unter einem Vorwand liess er sich von ihr zum Schützenhaus in Berikon AG chauffieren. Dort stiess er – betrunken und auf Kokain – die sieben Jahre ältere Frau die Treppe hinunter, schleuderte ihren Kopf mehrmals auf die Steinplatten. Dann schlug er mit einem Schlagring auf sie ein und würgte sie, bis sie halb tot war. Erst dann liess er von ihr ab. Die Frau war für einen Monat arbeitsunfähig und musste sich wegen Angstzuständen in psychiatrische Behandlung begeben.
«Ich bin zum Tier geworden»
Vor Gericht gab Daniel H. an, vor der Tat einen «unheimlichen Druck gespürt» zu haben. Er habe keinen Sex gewollt, nur eine Umarmung und Mitleid, sagte er beim Prozess 2004. «Als ich das nicht bekam, bin ich zum Tier geworden.» Er sei nicht mehr er selbst gewesen.
Gemäss der damaligen Gerichtsberichterstattung der «Aargauer Zeitung» hatte Daniel H. eine schwierige Kindheit: Als 10-Jähriger sei er Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden. Mit 16 konsumierte er Hasch, später Kokain, trank viel Alkohol. Schnell geriet der junge Mann auch ins Visier der Polizei, wegen Drogendelikten und Diebstahl. Sein Vater will davon nichts gewusst haben. «Von harten Drogen höre ich jetzt zum ersten Mal», sagt er gegenüber dem «Blick».
Das Gutachten der psychiatrischen Klinik Königsfelden sprach sich nach der versuchten Tötung 2003 dennoch gegen eine Verwahrung aus. Eine solche sei nicht nötig, so der Befund. Daniel H. wurde stattdessen in eine Arbeitserziehungsanstalt, das Massnahmenzentrum Arxhof in Niederdorf BL, eingewiesen, wo er bis letzten August lebte.
«Er hatte keinen Halt mehr»
Renato Rossi, Direktor des Arxhof, gegenüber «Blick»: «Unsere Prognose für ihn war sehr gut. Wir wussten aber, dass er weiter zu Gewaltexzessen neigt, sobald er Kokain genommen hat.»
Seit seiner Entlassung im August 2008 wohnte Daniel H. in einer Zweizimmer-Mansarde in Rieden und arbeitete als Koch in einem Badener Restaurant. Sein ehemaliger Chef André Leimgruber beschreibt ihn als ruhigen Einzelgänger, «sehr zuverlässig und von den Mitarbeitern geschätzt». Er sei aber häufig feiern gegangen und habe öfters über die Stränge geschlagen.
Anfang 2009 wurde Dani H. von seiner Freundin verlassen. Und als er Mitte Februar nicht mehr zur Arbeit erschien, verlor er auch seinen Job. Mit der Miete war er drei Monate im Rückstand, seine Handy-Rechnung konnte er nicht mehr bezahlen.
Nach seinem Beziehungs-Aus habe sich Daniel H. verändert, so Leimgruber gegenüber «20 Minuten»: «Ohne seine Freundin hatte er keinen Halt mehr.»
«Wie wenn er Hilfe suchen würde»
Tatsächlich, am Sonntagabend fand die Polizei die Leiche der 16-jährigen Lucie Trezzini in Daniel H.s Wohnung. Ihr lebloser und brutal zugerichteter Körper lag im Badezimmer.
Den entscheidenden Hinweis, der Daniel H. überführte, lieferte ein Anruf, der vom Handy der vermissten Lucie Trezzini getätigt wurde. Die Polizei überwachte die Anrufe von Lucies Mobiltelefon und gelangte so zu einem 18-jährigen Schweizer aus Nussbaumen bei Baden. Dieser hatte auf Lucies Handy angerufen, nachdem er selbst von dessen Nummer mehrmals kontaktiert worden war. Die Polizei verfolgte den Anruf zurück und befragte den 18-Jährigen – einen Kollegen von Daniel H. Er gab an, Lucie nicht zu kennen. Doch mit seinem Hinweis führte er die Polizei zum mutmasslichen Täter: Daniel H., der jeweils von unterschiedlichen Nummern anrufe, habe ihm gegenüber seltsame Bemerkungen gemacht, wie «wenn er Hilfe suchen würde».
Ob Daniel H. Lucie mit dem Vorwand, Model-Fotos von ihr zu machen, ihn seine Wohnung gelockt hat, ist noch nicht geklärt. Gemäss der Polizei steht ein sexuelles Motiv im Vordergrund. Genaueres über Todesursache und Tathergang wird erst die auf heute angesetzte Obduktion zeigen. Und auch der mutmassliche Täter konnte bisher erst kurz einvernommen werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.03.2009, 12:54 Uhr
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