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Erinnerungen an die Spanische Grippe

Vor neunzig Jahren erreichte die Spanische Grippe im Raum Zürich ihren Höhepunkt. Das Tagebuch eines Zürcher Pfadfinders bringt uns diese schwere Zeit näher.

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Schweizer Lazarett mit Grippekranken 1918: Landesweit starben 25'000, mehrheitlich junge Leute an der Spanischen Grippe.
Bild: RDB

   

Eduard Seiler war sechzehn und ein interessierter Gymnasiast, als in seiner sonst so ruhigen Heimatstadt Zürich Weltgeschichte mitgeschrieben wurde. Das Ende des grossen Krieges erfuhr er noch aus den Zeitungen, doch dann am 11. November 1918 brach der Generalstreik aus, und in Zürich trafen von überall her Soldaten ein. Mit seinem «Photographenapparat» machte er sich auf, um «Maschinengewehre abzuknipsen» und um beim «Revoluzzen» zuzuschauen, wie er in seinem Tagebuch vermerkt.

Doch unvermittelt wurde aus dem Knabenspiel ernst. Zum einen, weil die Soldaten bald nicht mehr nur in die Luft, sondern auch in die Volksmenge schossen, zum andern, weil sich in den behelfsmässig eingerichteten Kasernen und grossen Menschenansammlungen die Spanische Grippe rasend schnell ausbreitete. Eduard Seiler wurde als Pfadfinder aufgeboten, um den Verein Soldatenhilfe zu unterstützen. Die Tagebuch-Eintragungen des 16-Jährigen, die seine vor kurzem verstorbene Tochter Elisabeth Lampérth dem TA zukommen liess, erzählen eindrücklich vom Elend dieser Zeit vor neunzig Jahren. Ein Elend, das sonst oft nur durch die Zahl der Toten illustriert wird.

Was der Pfadfinder Eduard Seiler in diesen Tagen erlebte, liess ihn nie mehr los. Er wurde später ein aufopfernder Hausarzt in Uetikon am See und erzählte seinen Kindern oft vom Herbst 1918. Er starb 1983.

Eine Form von Vogelgrippe

Die Spanische Grippe grassierte im Frühling 1918, im Herbst 1918 und im Frühling 1919 in drei Wellen, am schlimmsten im November und Dezember. Weltweit raffte sie 50 Millionen Menschen dahin. In der Schweiz wurden 744’000 Grippekranke registriert, 25’000 starben, darunter 1800 Soldaten im Aktivdienst, was zum Politikum wurde. Man solle wegen ein paar Bolschewiken nicht Soldaten auf engem Raum zusammenpferchen, lautete die verbreitete Meinung. Zudem befand sich offenbar der Sanitätsdienst der Schweizer Armee in einem desolaten Zustand.

Die Spanische Grippe ist eine der schwersten Pandemien, welche die Welt je heimgesucht hat. Weltweit wurden um die 500 Millionen Menschen infiziert, was einem Drittel der damaligen Bevölkerung entspricht. Sie nahm ihren Ursprung in den USA, wurde aber erstmals in Spanien genauer beschrieben. Der Krankheitsverlauf war heftig, kurz, mit starken Kopf- und Gliederschmerzen verbunden und führte häufig zu einer Lungenentzündung. Wer nicht starb, litt oft ein Leben lang unter Schwäche oder neurologischen Funktionsstörungen. Rund die Hälfte der Todesfälle betraf 20- bis 40-Jährige, wahrscheinlich aufgrund einer Überreaktion des Immunsystems. Jüngste Untersuchungen ergaben, dass das Virus ursprünglich eine Form von Vogelgrippe war. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2008, 11:20 Uhr

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