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«Ich will jetzt einfach ein neues Leben beginnen»
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Sie seien gekommen, um Natascha Kampusch endlich einmal «in Echt anzuschauen», sagen die vier Schülerinnen: «Wie sie spricht, ob sie Emotionen zeigt.» Doch auch dieses Mal werden sie die heute 22-Jährige, die acht Jahre gefangen gehalten und misshandelt wurde, nur auf einem Bildschirm sehen. Kampusch präsentiert das Buch über ihr Martyrium «3096 Tage» in einer Wiener Buchhandlung.
Die Kontrolle behalten
Die 120 Plätze, von denen man die Autorin in natura sehen kann, sind schon am frühen Nachmittag besetzt. Warum der Buchverlag keinen grösseren Raum wählte, bleibt sein Geheimnis. Ebenso, warum Bild-, Film- und Tonaufnahmen verboten wurden. Vielleicht bestand Kampusch selbst darauf. Sie wolle die Kontrolle über ihr Leben behalten, betont sie immer wieder.
Immerhin können die rund 500 Besucher die Präsentation auf Bildschirmen verfolgen. Kampusch wird vom TV-Journalisten Christoph Feurstein befragt, der sie kurz nach ihrer Selbstbefreiung interviewt hatte. Sie spricht leise, mit zitternder Stimme. Ist die Welt heute so, wie sie sich das in Gefangenschaft vorgestellt hat? Das Schöne sei nicht so eingetroffen, antwortet Kampusch, die vagen Vermutungen über das Schlechte schon.
Warum hat sie ihr Buch jetzt geschrieben? «Es ist genug Zeit vergangen, ich will das alles wie Ballast weglegen. Einfach ein neues Leben beginnen.» Erst als Kampusch vorliest, wird die Stimme fester. In der Buchhandlung ist es vollkommen still. Danach gibt es zaghaften Applaus.
Anklage gegen die Gesellschaft
Zum Schluss spricht Kampusch über die «sehr verletzende» Aggression, die sie auf der Strasse erlebt: «Diese Leute können nicht damit umgehen, dass sie vor mir stehen, dann machen sie blöde Witze.»
Sie schliesst mit einer Anklage gegen die Gesellschaft, die ihren Fall ins Scheinwerferlicht rückt, um die vielen Verbrechen an Frauen hinter den Wohnungstüren der Nachbarschaft auszublenden: «Und wenn die dann sagen: ‹Stockholmsyndrom›, machen sie mich zum zweiten Mal zum Opfer.»
Die vier Mädchen im Publikum sind erschüttert, aber irgendwie auch enttäuscht. Sie hätten von der Buchautorin ein stärkeres Auftreten, mehr Selbstvertrauen erwartet: «Nein», sagen sie, «das ist für Kampusch noch lange nicht vorbei.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.09.2010, 07:12 Uhr



