Panorama
In Zürich rollt der «Pink Dollar»
Es sind schöne Bilder von verliebten Pärchen, mit denen Zürich Tourismus auf seiner Website wirbt: Sie turteln beim gediegenen Abendessen, betrachten versonnen die Abendsonne über dem See, schmiegen sich mit einem Bier in der Hand aneinander. Die Männerpaare tragen hautenge Shirts, die Frauen kurze Haare.
«Die Gayszene ist ein sehr interessantes Kundensegment für uns», sagt Frank Bumann, Direktor von Zürich Tourismus: «Sie haben oft ein gutes Einkommen und sind sehr ausgabefreudig.» Dies gilt besonders für die Männer, die von den Werbern auch stärker angesprochen werden. Zürich hat schon vor zehn Jahren begonnen, gezielt in amerikanischen und englischen Gaymagazinen zu werben – und für dieses Jahr das Budget auf 100 000 Franken verdoppelt. Das grösste europäische Schwulen- und Lesben-Festival EuroPride, das dieses Jahr in Zürich stattfindet, soll 50 000 auswärtige Gäste anziehen. Höhepunkt des mehrwöchigen Programms sind das Stadtfest und die Parade am Wochenende vom 6. Juni.
«Ausser für Schwule und Lesben betreiben wir für keine so kleine Zielgruppe ein spezialisiertes Marketing», betont Bumann. Doch gerade wenn die Banken und der Geschäftstourismus – zentrale Standbeine der Zürcher Wirtschaft – kriselten, seien Anlässe wie die EuroPride hoch willkommen. Bumann geht zudem davon aus, dass Homosexuelle gerade in der Krise verlässliche Gäste sind: Denn viele seien in der weniger konjunkturabhängigen Kultur- und Kreativwirtschaft tätig.
Eine «supergute Gelegenheit» ist die EuroPride auch für Urs Eberhard, Vizedirektor von Schweiz Tourismus und Spezialist für «Gay Marketing»: «Wir hoffen, dass unser guter Ruf in der Community noch besser und unser Angebot noch bekannter wird.» Schweiz Tourismus wirbt seit dem Jahr 2001 gezielt bei Schwulen und Lesben – lange bevor mit dem früheren jurassischen Regierungsrat Jean-François Roth ein bekennender Schwuler das Präsidium der Organisation übernahm. Für dieses Jahr wurde das Budget um ein Viertel auf 200 000 Franken aufgestockt. Eberhard wird am «Economic Forum» der EuroPride über gute und schlechte Methoden im «Gay Marketing» referieren – durchaus aus eigener Erfahrung. So beteiligen sich das Tessin und das ländliche Waadtland nicht mehr an der Kampagne von Schweiz Tourismus: «Man musste in diesen Destinationen einsehen, dass sie die geweckten Erwartungen nicht erfüllen konnten», so Eberhard. Denn wer Schwule und Lesben als Gäste ansprechen will, «der muss es leben», weiss Eberhard: «Wer nur den ‹ Pink Dollar› abholen will, scheitert.» Im Klartext: Wird ein Paar in einem als tolerant beworbenen Ferienort komisch behandelt, wird sich dies in der bestens vernetzten «Community» sehr schnell herumsprechen. Aktuell präsentieren sich neben Zürich auch Arosa, Basel, Bern, Genf, Lausanne und Luzern für eine Gebühr von rund 5000 Franken im Katalog von Schweiz Tourismus als «gay friendly» (siehe Text oben rechts).
Allerdings sind selbst in der «Gay Capital» Zürich längst nicht alle Einheimischen so tolerant, wie es die Tourismusvermarkter gerne darstellen. Die Sponsoren der EuroPride erhielten Hunderte von Schmähbriefen – bei Schweiz Tourismus gingen gegen tausend ein. Zu dieser Aktion aufgerufen hat die «Familienlobby Schweiz» um den Zürcher SVP-Lokalpolitiker Daniel Regli, der seit seinem Ausstieg aus der Drogenszene als fundamentalistischer Christ aktiv ist. Homosexualität ist für Regli ein «Lebensstil, der erwiesenermassen ins Unglück stürzt» und der deshalb nicht «propagiert» werden dürfe.
Die Organisatoren der EuroPride haben auf die Briefkampagne mit einer Anzeige reagiert – und zwar wegen «unlauterem Wettbewerb». EuroPride-Sprecher Michael Rüegg: «Die Gefahr war da, dass verunsicherte Sponsoren abspringen.» Sowieso sei es sehr schwierig gewesen, genügend Geldgeber zu finden, die sich mit ihrem Logo mitten in Zürich präsentieren wollen. «Die meisten Firmen sind nicht mutig», so Rüeggs Bilanz. Das angestrebte Budget von rund einer Million Franken wurde nicht ganz erreicht, signifikante Abstriche am Programm seien aber nicht nötig. Die bekanntesten Namen unter den Sponsoren sind Coca-Cola und Nivea for Men – Google verzichtet wie üblich auf herkömmliche Werbung und schickt einen Wagen an die Parade.
Präsenz markieren will auch die Familienlobby, die mit Flugblättern und Gebetsmärschen zum «Kampf gegen die Massenparade» aufruft. Die Beter bitten Gott, die Parade «selber zu verhindern». Bei den Organisatoren ist aber auch eine explizite Gewaltdrohung eingegangen. «Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen, hoffen aber, dass die Störaktionen friedlich bleiben», so Rüegg. Zürich Tourismus fürchtet allerdings um ihr Werbebild des toleranten, weltoffenen Zürich: «Die Aktionen könnten durchaus Schaden anrichten», so Bumann. Allerdings auch mobilisieren, weiss Rüegg – und zwar, so hofft er, nicht nur Schwule und Lesben: «Die EuroPride ist nichts anderes als eine riesige, farbige Menschenrechtsdemo.» (Basler Zeitung)
Erstellt: 18.05.2009, 10:02 Uhr
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