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Jetzt beginnt die Trauerarbeit: Erinnerungen an Halifax

Aktualisiert am 02.06.2009

Das Verschwinden einer Air-France-Maschine über dem Atlantik lässt Erinnerungen an den Absturz eines Swissair-Flugzeugs bei Halifax 1998 wach werden.

1/15 Wrackteile der Swissair 111 auf dem Meeresgrund.

   

Auch damals mussten Angehörige Wochen, Monate oder gar Jahre auf Hinterlassenschaften der Opfer warten. Erst nach Wochen oder Monaten seien den Hinterbliebenen Urnen mit den sterblichen Überresten ihrer Liebsten ausgehändigt worden, blickt Claudio Cimaschi, Diakon bei der Zürcher Flughafen-Seelsorge, zurück. «Eine direkte Konfrontation mit den Verstorbenen war deshalb nicht sofort möglich», sagt er.

Verschwinden erschwert Trauerarbeit

«Im Fall des über dem Atlantik verschwundenen Airbus ist es höchst unwahrscheinlich, dass Gegenstände von Opfern gefunden werden», vermutet er. Das erschwere die Trauerarbeit.

«Wenn jemand durch ein Unglück von der Bildfläche verschwindet, ohne etwas zu hinterlassen, haben die Angehörigen allergrösste Mühe, den Tod zu verarbeiten, führt Cimaschi aus. «Ist der Tod aber physisch fassbar, wird das Abschiednehmen eher möglich.»

Der Absturz von Flug SR111 habe aber auch gezeigt, dass die meisten Menschen in der Lage seien, selbst ein emotional derart schwieriges Erlebnis zu verarbeiten. «Die Erinnerung tut dann zwar noch weh, aber sie wühlt nicht mehr so stark auf wie in der ersten Zeit nach dem Unglück.»

«Ungewissheit teilen»

«Die Ungewissheit teilen» ist laut Cimaschi die Aufgabe der Seelsorger beim ersten Kontakt mit Menschen, die am Flughafen auf Nachrichten eines verunglückten Flugzeuges und ihrer Liebsten warten. «Wir versammeln sie in einem geschützten Raum, setzen uns zu ihnen und sprechen mit ihnen über die vermissten Menschen.»

Es gehe darum, die Angehörigen in einem emotional sehr belastenden Moment zu begleiten, ihnen Zeit zu schenken und ihnen eine solidarische, aber respektvolle Nähe zu geben. Die Begleiter holen auf Bitten bei den Zuständigen auch neue Informationen zum Unglück ein. «Weitergeben dürfen wir allerdings nur gesicherte Tatsachen».

Zur Care-Organisation Flughafen gehören neben Seelsorgern auch psychologisch geschultes Personal und Ärzte. Sie geben auch nützliche Hinweise für die Gestaltung der ersten Tage. «Es geht um die Gestaltung einer einfachen Tagesstruktur und darum, dass Hinterbliebene nicht allein bleiben, sondern Unterstützung von Familie und Freunden erhalten», erklärt Cimaschi.

Gedanken am Unglücksort

«Psychologisch sinnvoll» sind für Cimaschi Reisen an den Unglücksort. Die Gedanken der Zurückgebliebenen kreisten ständig um den Ort des Geschehens. «Ein letzter Funken Hoffung bleibt, dass ihre Liebsten trotz allem noch leben könnten.»

Oder sie wollten von den Fachleuten wissen, was ihre Liebsten in den letzten Minuten durchgemacht und was sie allenfalls erlitten haben. «Oder sie fragen ganz einfach, wo sie nun sind.»

Cimaschi zieht eine weitere Parallele zu SR111: Einige Angehörige seien Tage später zum Absturzort gereist und hätten draussen auf dem Meer auf Schiffen in einem Moment der Stille der Opfer gedacht. «Sie suchten die Nähe zu den Opfern.»

Leitplanken für die Trauerarbeit können laut Cimaschi auch der Glaube und philospisches Denken bieten. «Wer den Tod als Übergang in eine neue Dimension versteht und nicht als Endstation, hat es leichter, ihn zu akzeptieren und daraus sogar neue Lebenskraft zu finden.»

Der Absturz des Swissair-Kurses 111 gilt als bisher schwerstes Unglück in der Geschichte der Schweizer Zivilluftfahrt. In der Nacht vom 2. September 1998 stürzte die Swissair-Maschine vor der Küste Kanadas bei Halifax ins Meer. 229 Menschen starben. Die MD11 war in New York gestartet und sollte nach Genf fliegen. (bru/sda)

Erstellt: 02.06.2009, 19:26 Uhr

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