Kampf gegen das Bienensterben

Von Brigitte Walser . Aktualisiert am 01.04.2009

In den letzten Wintern sind aussergewöhnlich viele Bienen gestorben. Schweizer Bienenforscher sind überzeugt: Ein Parasit trägt eine wesentliche Schuld. Die Wissenschaftler suchen neue Mittel gegen die Varroa-Milbe.

Den Bienen setzen Krankheiten, Umweltfaktoren und die gezielte Züchtung zu.

Den Bienen setzen Krankheiten, Umweltfaktoren und die gezielte Züchtung zu.
Bild: Keystone

Milbe unter Hauptverdacht

Die Varroa-Milbe macht der Biene nur schon von der Grösse her zu schaffen. Im Verhältnis ist eine Milbe für die Biene etwa so gross wie ein Kaninchen für den Menschen. Die Parasiten leben auf den Bienen, ernähren sich von deren Blut und unterdrücken ihr Immunsystem. Sie vermehren sich in der Bienenbrut. Einzig in Australien seien die Bienen auf Grund strenger Importverbote noch milbenfrei, sagte gestern Jochen Pflugfelder vom Zentrum für Bienenforschung.

1984 erreichten die Milben die Schweiz. Gegen die ersten Bekämpfungsmittel wurden die Parasiten resistent. Heute werden alternative Methoden angewendet, die auf organischen Säuren und ätherischen Ölen basieren. «Doch damit kommen wir an Grenzen», sagt Peter Neumann vom Berner Zentrum für Bienenforschung in Bern. Rudolf Ritter vom Inforama Rütti in Zollikofen bestätigt: «Die Behandlung ist komplex. Je nach Temperatur wirken die Mittel besser oder schlechter.»

Die Wissenschaftler um Jochen Pflugfelder forschen nun nach neuen Methoden zur Bekämpfung der Milbe . Sie untersuchen, ob etwa Viren, Bakterien oder Pilze der Milbe schaden können oder ob es Bienen mit höherer Varroa-Toleranz gibt.
bw

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Winter 2007/ 2008 lag der Rückgang der Bienenpopulation in der Schweiz bei 18 Prozent. Zwar muss man während der Wintermonate mit einem natürlichen Verlust rechnen, doch der liegt bei rund 10 Prozent. «Das Bienensterben ist brennend aktuell, aber nicht neu», sagte gestern Peter Neumann vom Zentrum für Bienenforschung der Forschungsanstalt Agroscope in Bern anlässlich einer Medieninformation. Schon um das Jahr 900 hätten Mönche von unerklärlichen Bienenverlusten berichtet. Das beruhigt Neumann nur bedingt: «Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass sich die Bienen auch dieses Mal wieder von selbst erholen.» Es scheine, dass die Verluste häufiger und gravierender geworden seien. «Man muss etwas tun», so Neumann.

Die Gründe für das Bienensterben sind laut den Forschern vielschichtig, vieles ist noch unerforscht. «Sucht man in diesem Fall nach Schuldigen, so gibt es Hauptverdächtige und Nebenverdächtige», erklärt Neumann. Zu den Hauptverdächtigen zählt er Krankheiten, Umweltfaktoren und die mangelnde Diversität. Möglicherweise können sich diese Faktoren auch gegenseitig beeinflussen und verstärken.

Die Krankheit

Bei den Krankheiten steht die Varroa-Milbe zuoberst auf der Problemliste. «Jedes Bienenvolk ist mit der Milbe infiziert», sagt Neumann. Unbehandelte Bienenvölker sterben innerhalb von zwei bis drei Jahren. Mit den herkömmlichen Behandlungsmethoden stossen Imker an Grenzen (siehe Kasten). Hier setzt das Forschungszentrum in Bern an. Während der nächsten sechs Jahre befassen sich drei Wissenschaftler mit der Bekämpfung der Milbe. Rudolf Ritter, Ressortleiter am Inforama Rütti in Zollikofen, begrüsst diesen Forschungsschwerpunkt. «Wir müssen die Bienen konstant behandeln, da läuten schon die Alarmglocken.» Im Kanton Bern sind die Bienen zusätzlich vor allem von Sauerbrut betroffen. Möglich sei, dass die Varroa-Milbe die Bienen schwäche, sodass sie für Krankheiten wie Sauer- oder Faulbrut anfälliger werden, so Ritter.

Die Umwelt

Doch durch die Milbe allein seien die Verluste nicht erklärbar, sagt Neumann. Eine weitere Rolle könnten Umweltfaktoren spielen. Dazu gehörten vor allem Pestizide, eine schlechte Pollenlage, aber auch jene Imker, welche die Milbenkontrolle zu «entspannt» angehen würden. Vermutlich keinen Einfluss habe hingegen die Klimaerwärmung. Schliesslich hat die seit 30 Millionen Jahren existierende Honigbiene schon gravierendere Klimaschwankungen erlebt. Ebenfalls unschuldig seien nach heutigen Erkenntnissen die Gentechnik oder Mobilfunkanlagen. Als dritten Hauptverdächtigen nannte Neumann die fehlende Diversität. Weil bei der Bienenzucht vor allem die Leistung zähle, sei Europa zu einer «genetischen Wüste für Bienen» verkommen. Genetische Vielfalt sei aber wichtig, wenn es um das Überwinden von Epidemien gehe.

Die Massnahmen

Das Bienensterben begrenzt sich nicht auf die Schweiz. Es betrifft Europa, China und die Vereinigten Staaten. Das Zentrum für Bienenforschung übernimmt nun die Leitung eines Netzwerks namens Coloss, an dem 130 Mitglieder aus 35 Ländern beteiligt sind. Es soll die Forschung koordinieren. Auch im Kanton Bern wird gehandelt. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Rudolf Ritter hat ein Konzept zur Bienenförderung erarbeitet, das nun ans Amt für Landwirtschaft und Natur in die Vernehmlassung geht. Dabei geht es auch um die Förderung des Imkernachwuchses, denn auch die Zahl der Imker ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Zudem wird erstmals ein Bienenstandverzeichnis erstellt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.04.2009, 08:33 Uhr

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