Panorama
Londons Banker: Suff and the City
Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 30.12.2008
In diesen Nächten macht der Booze Bus Überstunden, der Spezialwagen der Rettungsdienste fürs Aufsammeln von Schnapsleichen. Besonders in der City, dem mächtigen Finanzbezirk an der Themse, sind schon im Vorfeld der Feiertage vor Pubs, in Gassen und auf Bahnhöfen viele im Schnaps-Bus gelandet. In der Liverpool Street Station hat man pro Nacht 50 Personen gezählt, die sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten. Mit Kochsalzlösungen versuchen die Sanitäter, die Opfer unmässigen Alkoholkonsums in ihren verschmutzten Nadelstreifen-Anzügen oder weissen Seidenblusen zu retten.
Um diese Jahreszeit sei es am schlimmsten, und dieses Jahr noch schlimmer als früher, berichten die Rettungsleute. Nicht nur die Verschiebung der Sperrstunde wird für die neue Suff-Konjunktur verantwortlich gemacht, auch die Depression, die Zehntausende von Finanz-Leuten ihrer Boni und viele sogar ihrer Jobs beraubt, spielt offenkundig eine zentrale Rolle.
Mehrere tausend Arbeitsplätze vernichtet
Die City-Experten, die sich noch bis vor kurzem als Herrscher des Universums gefielen, sind tief gefallen. Mehrere Tausend Arbeitsplätze im britischen Finanzland hat die Kreditkrise 2008 schon vernichtet. In den nächsten zwei Jahren könnten bis zu 100 000 Jobs verschwinden, fürchten die Bedrohten. Einer kleinen Zahl von Bankenbossen scheint die Krise wenig anzuhaben. Die meisten Angestellten von Banken, Versicherungen und sonstigen Finanzinstituten aber werden sich einschränken müssen.
Schon die traditionellen Weihnachts- und Silvesterpartys der grossen Institutionen sind dieses Jahr merklich dürftiger ausgefallen, oder ganz abgesagt worden. Wer seinen Kummer ertränken wollte, musste das im privaten Rahmen und auf eigene Kosten tun. Viel Mitleid in der Restbevölkerung hat dies allerdings nicht ausgelöst. Schon in der Vergangenheit haben City-Privilegien Unmut erregt. Nun in der Kreditkrise, die sich zur Rezession ausgeweitet hat, wird den Betreffenden auch die Krise selbst zur Last gelegt.
Das Ski-Chalet aufgeben
Über die vielerorts beklagte «plötzliche Armut» in der City könne sie keine Tränen vergiessen, äussert sich die «Guardian»-Kolumnistin Marina Hyde - solange diese Armut für die neuen Armen bedeute, «ihr Ski-Chalet aufgeben zu müssen». Bedauerlicherweise stehe die Zahl der Berichte über das bittere Los der City-Menschen in keinem Verhältnis zur Zahl der Berichte über City-Menschen, die sich für ihre Verfehlungen entschuldigt hätten.
Mögen Britanniens Finanzexperten das auch absurd finden, und sich die Schlangen bei den Vermittlungsagenturen der City stetig verlängern: Das Ressentiment gegen sie ist verbreitet. In mehreren Theaterstücken auf der Insel sind Britanniens traditionelle Bösewichte in diesem Winter von moderneren Schurken, vor allem üblen Bankern und Spekulanten, abgelöst worden.
Alle Sicherungen durchgebrannt
Im Stück «Dick Whittington» am King’s-Head-Theater in London zum Beispiel erweist sich der Oberschurke King Rat als ein Bankenboss, der durch perfide Aktionen eine Insel in seinen Besitz zu bringen sucht. Das Musical «Crunch» (Klemme, von Kreditklemme) spielt in einem City-Büro, in dem durch Top-Verschuldung und Kreditkrise alle menschlichen Sicherungen durchbrennen. Fernsehdramen wie die beliebte BBC-Serie «Spooks» handeln neuerdings von internationalen Finanz-Terroristen, die Britannien in den Bankrott stürzen wollen.
Und in den Solo-Kabaretts, bei den sogenannten Stand-up-Comedians, ist kaum noch von etwas anderem die Rede als von der Kreditkrise und dessen unseligen Urhebern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.12.2008, 06:26 Uhr

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