M13 kommt ins Naturmuseum Chur

Der Bär M13 wurde gestern im Puschlav abgeschossen. Sein Verhalten habe nicht mehr korrigiert werden können, sagen Bund und Kanton Graubünden. Wie ein Bär zum Risikobären wurde.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

M13 war der sechste oder siebte Bär, der in die Schweiz eingewandert ist. Er stammte wie seine Artgenossen aus einem Wiederansiedlungsprojekt im italienischen Trentino, 50 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Seit 2010 streifte er durch das Grenzgebiet zwischen der Schweiz, Österreich und Italien.

Im April 2012 wandert der Braunbär vom Südtirol her ins Unterengadin ein. Er wird sogleich von den Wildhütern eingefangen und als «auffälliger Bär» mit einem Senderhalsband versehen. Bei dieser Gelegenheit stellen die Behördenvertreter fest, dass M13 im Winter 20 Kilogramm an Gewicht zugelegt hat. Das heisst, dass sich der Bär wahrscheinlich den Bauch mit Nahrungsabfällen aus Menschenhand vollgeschlagen hat, statt Winterruhe zu halten.

Honig und Esel

Zum Missfallen von Imkern und Landwirten räumt M13 Bienenstöcke aus und reisst insgesamt rund dreissig Nutztiere, darunter Schafe und einen Esel. Im Mai 2012 wird der Bär von einem Zug angefahren, überlebt aber.

Biologen, Wildhüter, Jäger und Touristen beobachten den Braunbären. Manchmal weicht er Menschen aus, in anderen Fällen nähert er sich ihnen auch bis auf weniger als zehn Meter. Jemand aus der Bevölkerung berichtet, er sei vor dem Fernseher gesessen und habe M13 unbeeindruckt vor dem Fenster vorbeilaufen sehen. Die Experten von Bund und Kanton Graubünden erstellen aufgrund der Beschreibungen eine «Wesensanalyse». Fazit: Alles deute darauf hin, dass M13 nicht aggressiv, aber wenig scheu sei.

Sorgen bereitet den Behörden, dass sich der Bär an Futter aus menschlichen Siedlungen gewöhnt. Mit Knallpetarden und Gummischrot versuchen ihn die Wildhüter zu vertreiben, doch die Behörden halten fest: «Leider hatte das Vergrämungsprogramm kaum Wirkung.»

Vom «Problembären» zum «Risikobären»

Im November 2012 steigt der Bär schliesslich durch ein Fenster bei einem Maiensäss in einen Schuppen ein und frisst sich mit Kartoffeln voll. Damit steht das Schicksal des Bären so gut wie fest: Intern stufen die Behörden M13 als Risikobären ein. Das «Konzept Bär», das den Umang mit Bären in der Schweiz regelt, sieht den Abschuss von Risikobären vor.

Während sich M13 in die Winterruhe rettet, sprechen die Schweizer Behörden noch im November mit Vertretern des italienischen Wiederansiedlungsprojekts über eine mögliche Rückführung des Bären nach Italien. Offenbar wird man sich nicht einig.

Mädchen erschreckt

Am 8. Februar beendet M13 seine Winterruhe und wandert im Puschlaver Talboden umher. Im Weiler Miralago folgt der Bär einem Spaziergängerpaar aus Italien, die Frau soll mit einem Stock nach dem Bären geschlagen haben. Ein 14-jähriges Mädchen beobachtet die Szene und erschrickt. Zu einem Angriff kommt es aber nicht, der Bär wird von einem Wildhüter mit einem Schuss vertrieben.

Der Ausflug nach Miralago ist für die Behörden aber offenbar zu viel. Der Bündner Jagddirektor Georg Brosi und der oberste Wildhüter des Bundes, Reinhard Schnidrig, verfassen einen Bericht über das Verhalten des «Risikobären» und entscheiden am Montag gemeinsam mit dem Bündner Regierungsrat Mario Cavigelli: M13 wird so bald wie möglich durch Abschuss oder Betäubung «entfernt».

«Latent vorhandene Unfallgefahr»

Im Bericht und an einer Medienkonferenz heute Mittwoch begründen die Behörden ihren Entscheid: «Das Risiko eines Unfalls, bei dem ein Mensch ernstlich verletzt oder gar getötet wird, wurde unverantwortlich gross.»

«Das problematische Verhalten von M13» sei mit grosser Wahrscheinlichkeit auch mit weiteren Abschreckungsmassnahmen «nicht mehr korrigierbar». Der Bär sei auf seiner Nahrungssuche in Siedlungsgebieten zu häufig mit gutem Futter belohnt worden. Den Bären dauerhaft zu vertreiben, könnte diesen aggressiv machen und sei schliesslich auch personell nicht längerfristig möglich.

Die Behörden führen zudem an, dass sich ein bärensicheres Abfallsystem im Puschlav kurzfristig nicht einrichten lasse. Dies sei aber der einzig gangbare Weg zu einer bärentauglichen Landschaft, halten sie fest. Der Kanton Graubünden und insbesondere das Puschlav, verspricht der Bericht, werden sich aber «für einen anderen Umgang mit organischem Müll in Gebieten mit dauerhafter Bärenpräsenz engagieren».

WWF kritisiert den Abschuss

Kritisiert wird der Entscheid zum Abschuss vom WWF. «Für uns ist der Abschuss unnötig», sagt Sprecher Philip Gehri. Der Entscheid sei zu früh gefällt worden. Im Gegensatz zu JJ3, der tatsächlich ein Problembär gewesen sei, habe M13 weitgehend natürliches Verhalten gezeigt. «Gerade bei einem jungen Männchen ist dieses Verhalten zur jetzigen Jahreszeit weitgehend erklärbar», sagt Gehri und verweist auf den vielen Schnee, der in den Höhen liegt.

Für den WWF rechtfertigen die erwähnten Begegnungen zwischen Menschen und dem Bären den Abschuss nicht. Die Vorfälle als ungefährlich einstufen will Gehri zwar nicht, hält aber fest: «M13 war nie aggressiv.»

«Wir sind uns bewusst, dass die Begegnungen mit dem Bären Angst auslösten», sagt Gehri. «Die Behörden standen unter grossem Druck.» Trotzdem lautet das Fazit des WWF: «Man hätte M13 eindeutig eine Chance geben sollen.»

M13 kommt ins Museum

Über den Abschuss gaben die Behörden nur bekannt, dass ein Wildhüter die tödliche Kugel abgefeuert habe. Fotos des toten Bären würden keine veröffentlicht. Bekannt ist nun aber das Schicksal der Überreste von M13: Diese kommen ins Naturmuseum Chur – neben seinen ebenfalls abgeschossenen Artgenossen JJ3. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.02.2013, 09:08 Uhr)

Umfrage

Haben Sie Verständnis dafür, dass Bär M13 nun abgeschossen wurde?

Ja

 
27.8%

Nein

 
72.2%

3901 Stimmen


Twitterfeed


Drei tote Bärenbrüder

Der im Puschlav erlegte M13 ist der letzte überlebende Braunbär aus einem Dreier-Wurf gewesen. Seine Brüder starben schon früher – durch Autounfälle.

M12, M13 und M14 – die drei Brüder, die sich vom italienischen Trentino aufmachten, um die Welt zu erkunden, hatten auf ihrer Wanderschaft kein Glück.

Zuerst traf es M12. Der Jungbär wurde Anfang Juni letzten Jahres im Südtirol auf der Schnellstrasse zwischen Meran und Bozen von einem Auto totgefahren. Bereits im April hatte es M14 getroffen. Der Jungbär wurde auf der Brenner-Autobahn, nördlich von Bozen, von einem Personenwagen erfasst und tödlich verletzt.

Nach dem Abschuss von M13 im Puschlav lebt keiner der drei Bärenbrüder mehr. Andere Bären werden vermutlich ihren Spuren folgen, denn die Population im Trentino wächst stetig. Sie wird auf rund 30 Bären geschätzt. Die Tiere stammen hauptsächlich aus dem Wiederansiedlungsprojekt «Life Ursus» im Naturpark Adamello Brenta. (sda)

Artikel zum Thema

Der Abschussbefehl rückt näher

Braunbär M13 macht den Bündner Behörden Ärger: Das Tier ist im Puschlav zum zweiten Mal aus dem Winterschlaf erwacht und zeigt keine Scheu. Eine 14-Jährige traf auf den Bär – und erlitt einen Schock. Mehr...

Bär M13 ist aus dem Winterschlaf erwacht

Ein kurzer Ausflug, dann hat er sich wieder in sein Winterquartier verzogen: Der Bündner Bär M13 ist letzte Nacht kurz aus seinem Winterschlaf erwacht, in dem er sich seit November befindet. Mehr...

M13 sinkt in den Winterschlaf

Nachdem der Radius von Braunbär M13 in den letzten Wochen immer enger geworden war, bewegt er sich seit einer Woche gar nicht mehr: Er ist im Puschlav in den Winterschlaf gefallen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Verzeichnis- & Serviceportal

Marktplatz

Die Welt in Bildern

Mediterrane Leichtigkeit: Für einen sehenswerten Sprung in den Sommer, wie hier in Nizza, braucht es nicht nur warme Temperaturen, sondern auch ganz viel Mut (21. Juni 2014).
(Bild: Sebastien Nogier) Mehr...