Macht Botox dumm?
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 19.05.2010
Mark Nussberger ist Spezialist für plastisch rekonstruktive Chirurgie in Basel. Die neue Studie hält er nicht für glaubhaft.
Wissenschaftler von der Universität Wisconsin-Madison haben zwanzig Frauen untersucht. Ihnen allen wurde eine kleine Dosis Botox in die Stirn gespritzt. Jeweils vor sowie zwei Wochen nach der Behandlung wurden die Frauen einem Sprachtest unterzogen.
Sie mussten verschiedene Sätze lesen und begreifen. Diese hatten entweder traurige, positive oder ärgerliche Botschaften. Zum Beispiel diese hier: «Sie verabschieden sich von einem guten Freund, den sie nie wieder sehen werden.» Oder: «Der aufdringliche Telefonverkäufer hält Sie vom Abendessen ab.» Sobald die Frauen die Botschaft gelesen und verstanden haben, mussten sie einen Knopf drücken.
Sprachverständnis gestört
Die grosse Überraschung: Zwei Wochen nach der Botox-Therapie benötigten die Frauen länger, um die Sätze zu verstehen. Allerdings kam es auf die Art der Botschaft an. Bei positiven Aussagen gab es praktisch keine Verzögerung, bei traurigen oder ärgerlichen dagegen schon. «Die Verzögerung betrug bis zu einer Sekunde», sagt der Betreuer der Studie, David Havas. Dies klinge zwar nicht besonders lang, sie genüge aber, um gewisse emotionale Schwingungen in einem Gespräch nicht mitzubekommen.
Wie die Forscher vermuten, benötigt das Gehirn ein Feedback der Gesichtsmuskeln, um Emotionen steuern zu können. Sind diese durch Botox gelähmt, hapert es offenbar damit. «Ich kann mir die Studie absolut nicht erklären», sagt Mark Nussberger, Basler Spezialist für plastisch rekonstruktive Chirurgie. Er spritze seit Jahren Botox, bis zu 400 Behandlungen pro Jahr, und habe noch nie eine derartige Auswirkung auf das Gehirn feststellen können, auch nicht bei wiederholten Behandlungen.
Bei Kindern wird Botox seit Jahren gespritzt
«Bei Kindern mit spastischem Schiefhals wird Botox schon seit vielen Jahren eingesetzt», so Nussberger weiter aus. Die Dosis sei 15 Mal höher als diejenige, die in der plastischen Chirurgie gespritzt werde. «Hätte Botox lähmende Wirkungen aufs Gehirn, würde man das Mittel längst nicht mehr einsetzen.»
In der Schweiz wird schätzungsweise 20'000 Mal pro Jahr Botox gespritzt. In regelmässigen Abständen gibt es neue Studien, die Botox als bedenklich einstufen. Mark Nussbaumer ist denn auch nicht überrascht, dass aus den USA erneut eine Anti-Botox-Meldung kommt. «Medikamente im kosmetischen Sektor haben immer wieder mit Negativschlagzeilen zu kämpfen.»
Positive Wirkung auf Migräne
Könnte an der Studie aber nicht doch ein Fünkchen Wahrheit sein? Immerhin wird Botox auch eine positive Wirkung in Bezug auf Migräne zugeschrieben. So kann eine Behandlung mit dem Nervengift die heftigen Kopfschmerzattacken reduzieren oder gar zum Verschwinden bringen. Obwohl die Auslöser von Migräne noch nicht erforscht sind, ist Mark Nussberger überzeugt, dass Botox nicht aufs Hirn einwirke und deshalb die Migräne verhindere. «Man geht davon aus, dass angespannte Gesichtsmuskeln zu Verspannungen führen, die wiederum Migräne auslösen können. Botox entspannt die Muskeln, auf das Gehirn hat es sicher keinen Einfluss.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.05.2010, 15:18 Uhr

















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