«Möglichst wenig auf die Toilette gehen»

Das Tessin erlebt die schlimmsten Überschwemmungen seit Jahren. Unser Korrespondent Gerhard Lob über die Lage in Locarno, wo das Wasser am höchsten steht.

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Teile von Locarno sind überschwemmt, Campingplätze und ein Spital wurden evakuiert, und es regnet immer weiter. Wie geht es den Bewohnern?
Die Situation ist unter Kontrolle. Die Evakuierung des Spitals geschah präventiv. Die Leute sind ruhig, ich spüre keine grosse Angst. Überschwemmungen sind in Locarno, insbesondere im neuen Stadtteil, nichts Aussergewöhnliches.

Das Wasser steht knietief im neuen Teil der Stadt. Wie sieht der Alltag aus?
Alles geht seinen normalen Gang, die Schulen sind geöffnet und die Leute gehen zur Arbeit. Es rennen einfach alle mit Regenschirm und Gummistiefeln herum. Ihnen geht es ähnlich wie den Bewohnern des Berner Mattequartiers: Wer an so einer Lage wohnt, muss mit Überschwemmungen rechnen. Die Leute nehmen das in Kauf.

Doch der Bund hat für den Lago Maggiore die höchste Hochwasser-Alarmstufe ausgerufen.
Aufgrund welcher Kriterien der Bund diese Warnung herausgegeben hat, kann ich nicht beurteilen. Doch die Situation hier ist bisher auf jeden Fall noch nicht so gravierend wie beim Hochwasser im Jahr 2000, als das Wasser in Locarno bis zur Piazza Grande floss. Dieses Mal sind hier nur die Häuser in der Nähe des Sees betroffen, ein Grossteil der Stadt blieb bisher unversehrt.

Im Jahr 2000 lag der Pegel des Lago Maggiore bei 197,58 Metern. Aktuell steht der Pegel bei über 196 Meter – und es regnet weiter. Wie bereitet sich die Bevölkerung darauf vor?
Der Zivilschutz hat vorsorglich Stege installiert, mit denen die Bewohner trockenen Fusses von ihren Häusern in die nicht überschwemmten Gebiete gelangen. Die Behörden haben die am stärksten betroffenen Bewohner in neuen Teil von Locarno dazu aufgerufen, ihre Häuser zu verlassen und bei Familie und Verwandten unterzukommen. Ausserdem stehen die Zivilschutzanlagen von Ascona sowie von Lodano im Maggiatal bereit. Dort können 600 Personen unterkommen. Im überschwemmten Stadtteil sind die Leute dazu aufgerufen, möglichst wenig auf die Toilette zu gehen, denn die Kanalisation könnte ausfallen. Im Radio und Fernsehen wird regelmässig informiert. Die Behörden sind gut vorbereitet: Sie haben aus den Erfahrungen der letzten Jahre gelernt.

Der Pegel des Lago Maggiore steigt um etwa zwei Zentimeter pro Stunde. Das ist viel.
Das stimmt, aber immerhin ist es eine konstante Steigerung. Der Pegelstand ist berechenbar, und die Behörden rechnen damit, dass heute Abend oder heute Nacht der Höchststand erreicht ist. Eine grössere Gefahr besteht durch Erdrutsche, die in Tälern und Berggebieten aufgrund des Dauerregens ausgelöst werden könnten.

Auf diese Weise starben vergangene Woche im Malcantone eine Mutter und ihre dreijährige Tochter, als ein Erdrutsch ihr Haus mitriss. Wo ist mit weiteren Erdrutschen zu rechnen?
Besonders in den Tälern. Kleinere Erdrutsche und Steinschläge hat es bereits gegeben, beispielsweise zwischen Melano und Rovio im Südtessin. In Re im Val Vigezzo, auf der italienischen Seite des Centovalli, ging heute Nacht ein Erdrutsch nieder. Zwölf Personen mussten evakuiert werden. Der Erdrutsch im Malcantone letzte Woche war überhaupt nicht vorhersehbar. Dies zeigt, wie gefährlich die Situation ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.11.2014, 17:13 Uhr)

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Lebt in Locarno: Gerhard Lob.

Pegel erreichen bald Höchststand

Im Tessin bleibt die Hochwasserlage angespannt. In den kommenden Stunden dürften die grossen Seen im Tessin ihre vorläufigen Höchststände erreichen. Das Hochwasser behindert zunehmend den Verkehr: Die Polizei sperrte Uferstrassen und richtete Umleitungen ein.

Zudem ging die Polizei davon aus, dass das Hochwasser am Donnerstag die Autobahn A13 erreichen könnte. Sie fordert deshalb die Menschen im Tessin auf, das Auto möglichst stehen zu lassen und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.
Ab Donnerstag werden aus diesem Grund die S-Bahn-Züge der Linie 20 zwischen Castione-Arbedo TI und Locarno mit zusätzlichen Waggons bestückt, wie die SBB mitteilte.

Das Risiko von Erdrutschen hat sich wegen des seit Sonntag pausenlos fallenden Regens auf den ohnehin schon gesättigten Boden noch erhöht. «Es gilt die höchste Warnstufe», sagte ein Vertreter des Geologischen Instituts der Tessiner Fachhochschule SUPSI. Man überwache die Situation ständig, könne aber mögliche Gefahrengebiete für Erdrutsche nicht genau lokalisieren. (sda)

Die aktuelle Hochwassergefahr in der Schweiz. (www.naturgefahren.ch)

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