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«Nachdenklich macht, dass viele mit demselben Flugzeugtyp unterwegs sind»

Interview: Olivia Kühni. Aktualisiert am 03.06.2009

Die Flugbegleiter der Air France verloren beim Absturz ihre Kollegen – und müssen trotzdem weiterfliegen. Urs Eicher, der die Betroffenen nach dem Halifax-Absturz der Swissair mitbetreute, sagt, wie sie damit umgehen.

Betreut Flugbegleiter: Urs Eicher.

Betreut Flugbegleiter: Urs Eicher.

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Zur Person

Urs Eicher ist Präsident der Schweizer Vereinigung des Kabinenpersonals, der Gewerkschaft der Flugbegleiter. Er hat jahrelang für die Swiss/Swissair gearbeitet und unter anderem die Betroffenen des Absturzes von Halifax 1998 mitbetreut.

An Bord der Air France 447 starben 228 Menschen. Für 12 von ihnen war die Maschine ihr Arbeitsplatz. Urs Eicher, der nach dem Absturz 1998 in Halifax das Personal der Swiss/Swissair mitbetreute, kann sich vorstellen, was in den Arbeitskollegen – bei der Air France und bei anderen Gesellschaften – vorgeht.

Herr Eicher, Flugbegleiter verlieren bei einem Absturz ihre Kollegen, manchmal auch Freunde. Was löst das in ihnen aus?
Sobald ein Absturz im näheren Umfeld passiert, nicht nur bei der eigenen Airline, betrifft das die Menschen sehr. Man kann sich in die Situation reinversetzen, sich vorstellen, wie sich die Kollegen gefühlt haben. Vor allem macht es auch nachdenklich, weil viele mit demselben Flugzeugtyp unterwegs sind – einem Flugzeug, das bisher als sehr sicher galt.

Wie gehen die Flugbegleiter damit um?
Es gibt vor allem einen regen Austausch. Der Absturz ist jetzt an den Flughäfen das grosse Thema. Man fragt sich, ob es schnell gegangen ist, wie es wohl in den letzten Minuten an Bord war. Besonders schlimm ist es, dass man die Absturzursache noch nicht kennt. Das verunsichert das Personal.

Wird es in dieser Situation betreut?
Betreuung wird für Flugbegleiter immer angeboten. Die meisten Gesellschaften haben eigene Psychologen, die man in Stresssituationen kontaktieren kann. Eine sehr wichtige Rolle spielen auch die Flughafen-Pfarrämter. Ein spezielles Care-Team bietet jedoch nur die direkt betroffene Airline an, in diesem Fall die Air France.

Wie ist ein solches Betreuungsteam, das sich speziell um die Arbeitskollegen kümmert, zusammengesetzt?
Das ist sehr vielfältig. Es sind natürlich Psychologen und Seelsorger da, aber auch jemand von der Gewerkschaft. Wir wären in der Schweiz in einem solchen Fall rund um die Uhr am Hauptsitz der entsprechenden Airline präsent. Es ist besonders wichtig, dass man sich in einem solchen Fall mit Kollegen austauschen kann: Sie wissen beispielsweise im Fall der Air France, wie es ab Rio de Janeiro, nach drei Stunden Flug, über dem Atlantik, an Bord genau aussieht. Ob die Gäste zu dem Zeitpunkt den Service erhalten haben, ob sie wohl geschlafen haben. Ein solcher Austausch ist sehr wichtig, um die Trauer zu verarbeiten.

Können sich denn Kollegen überhaupt gegenseitig helfen? Sie sind doch alle in derselben Lage.
Nach meiner Erfahrung sogar sehr gut. Die Gespräche helfen auch, mit den eigenen Gefühlen umzugehen.

Also ist es vor allem wichtig, dass Sie innerhalb der Gesellschaft Räume schaffen, wo sich die Mitarbeitenden austauschen können.
Ganz genau. Wir haben beispielsweise nach dem Absturz in Halifax im Hauptsitz eine Ecke eingerichtet, mit Blumen und Bildern. Dort konnten sich die Menschen zurückziehen, auch mal losheulen. Das ist gesund. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die das damals wirklich zugelassen haben, das Ereignis besser verarbeitet haben.

Sie sind selber Flugbegleiter. Wie gehen Sie mit dem Bewusstsein um, dass Sie ständig einem Risiko ausgesetzt sind?
Ich fliege seit 35 Jahren. Und ich bin heute noch der Ansicht, dass meine Autofahrt von Basel nach Zürich und zurück das wesentlich grössere Risiko darstellt als mein Beruf. Wir fliegen mit ausgezeichneter Technik, wir kennen die Maschinen, wir sind in Sicherheitsfragen geschult. Das Fliegen ist kein Risikoberuf. Das war es vielleicht ganz am Anfang mal, aber mit der heutigen Technik ist es das nicht mehr. Und das sehen alle Profis so, sonst würden sie es nicht machen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.06.2009, 14:03 Uhr

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