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Nicht mit Passagieren gerechnet

Von David Nauer. Aktualisiert am 06.05.2011 6 Kommentare

Die Deutsche Bahn vergisst manchmal einfach ihre Kunden. Deswegen ist nun eine wichtige Brücke gesperrt.

Für Personenzüge gesperrt: Die Müngstener Eisenbahnbrücke.

Für Personenzüge gesperrt: Die Müngstener Eisenbahnbrücke.

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Mächtig spannt sich die Müngstener Eisenbahnbrücke über das Tal der Wupper, ein Zeugnis deutscher Ingenieurskunst. 113 Jahre alt und 107 Meter hoch ist das Bauwerk in Deutschlands Westen. Züge rollen derzeit allerdings nur ohne Passagiere darüber.

Der Grund: Nach Sanierungsarbeiten hatte die Bahn beim Eisenbahnbundesamt (EBA) einen Antrag eingereicht, die Strecke wieder befahren zu dürfen. Den Bahnokraten unterlief bei der Belastungsberechnung aber ein Fehler. Sie gaben das Leergewicht der Züge an, die dereinst das Bauwerk überqueren sollen. Die Passagiere gingen vergessen. In den Papieren sei ein Gesamtgewicht der Züge von 69,9 Tonnen angegeben gewesen, erklärte ein Sprecher des Konzerns. «Kurioserweise stellte sich aber heraus, dass es sich dabei um das Leergewicht handelt. Mit Passagieren muss man von 81 Tonnen ausgehen.»

Ersatzbusse im tiefen Wuppertal

Prompt stellten die EBA-Beamten die Ampel auf Rot. Die Bahn arbeitet nun fieberhaft daran, den Lapsus auszubügeln. Wie lange das dauert, ist unbekannt. «Die Fahrgäste sind stocksauer», erklärte der Verband Pro Bahn. Kein Wunder: Die rund 5000 Menschen, die jeden Tag zwischen Solingen und Remscheid pendeln, müssen mit Ersatzbussen das tiefe Wuppertal durchqueren. Sie verlieren pro Strecke 20 Minuten. Der Rest der Republik weiss derweil nicht, ob er über den jüngsten Schildbürgerstreich des nationalen Transportunternehmens lachen oder weinen soll. Es ist symptomatisch, dass die Deutsche Bahn an alles denkt – bloss nicht an ihre Kunden.

Der Konzern ist zwar Meister darin, bunte Broschüren zu drucken, hochpolierte Technikwunder à la ICE zu präsentieren oder in der halben Welt kleine Transportunternehmen aufzukaufen; das täglich Brot des Eisenbahnfahrens ist aber nicht gerade seine Stärke. Vergangenen Sommer streikten in den ICE reihenweise die Klimaanlagen – Passagiere schwitzten, rangen nach Luft, fielen in Ohnmacht. Das Geschrei war gross. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) formulierte damals eine Minimalforderung: «Reisen darf nicht zum Gesundheitsrisiko werden.» Das ist, würde man meinen, nicht zu viel verlangt. Im Winter dann brachte etwas Schneefall und Kälte den Bahnverkehr fast zum Erliegen. Der Kunde stand schlotternd auf dem Bahnsteig – und holte sich möglicherweise eine Erkältung.

Reisen mit der Bahn ist freilich auch bei durchschnittlichen klimatischen Verhältnissen abenteuerlich. Etwa dann, wenn ein Zug hoffnungslos überfüllt ist. So wie vor einiger Zeit zwischen Düsseldorf und Berlin. Im ICE traten sich Schulklassen, Rentner und genervte Geschäftsleute gegenseitig auf die Füsse. Der Zugchef verlangte, dass alle Passagiere, die keinen Sitzplatz hatten, aussteigen – was diese nach etwa halbstündigem Murren auch taten. Etwas ruppiger ging es am Karfreitag zwischen Frankfurt und der Ferieninsel Sylt zu. Auch hier herrschte Gedränge in den Waggons – viele Passagiere wollten aber partout den Zug nicht verlassen. Die DB-Mitarbeiter versuchten es mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche: Wer den Zug verliess, erhielt einen Gutschein über 25 Euro. Den renitenten Fahrgästen wurde mit der Polizei gedroht.

Zufrieden mit halb leeren Zügen

Bahn-Vorstand Ulrich Homburg bringen solche Geschichten ins Grübeln. Als ihm kürzlich Journalisten der «Financial Times Deutschland» vorhielten, die Auslastung der DB-Züge liege bei bloss 48 Prozent, gab er zu verstehen, dass er mit halb leeren Zügen ganz zufrieden ist. Würde die DB die Auslastung steigern, müssten vor allem zu Stosszeiten häufiger als bisher Züge geräumt werden. «Und dann fangen wir an, wieder Kunden zu verlieren.»

Es ist die Quadratur des Kreises, in der sich die Deutsche Bahn befindet. Zu viele Passagiere sind nicht gut, zu wenige auch nicht. Die verblüffendste Lösung dieses Problems hat der Konzern für die Strecke zwischen Solingen und Remscheid gefunden: Auf den unkalkulierbaren Faktor Passagier wird einfach verzichtet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2011, 20:46 Uhr

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6 Kommentare

Detlef Henke

06.05.2011, 07:47 Uhr
Melden 12 Empfehlung

wegen solchen artikeln lese ich den tagesanzeiger - hier in berlin! viele grüße :) Antworten


Rolf Heinzmann

06.05.2011, 08:48 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Wenn ich so etwas lese, dann bin ich richtig stolz auf unsere SBB. Hier funktioniert im Grossen und Ganzen doch der Bahnverkehr reibungslos. Antworten



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