«Polizei war zu ungeduldig»

Die Drogenrazzia in Malters, die mit dem Suizid einer 65-Jährigen endete, hat ein juristisches Nachspiel. Der Anwalt des Sohnes macht eine Anzeige.

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Eine 65-jährige Frau hatte sich Anfang März während 17 Stunden in einer Wohnung in Malters LU verschanzt und sich mit Waffengewalt gegen die Aushebung einer Hanf-Anlage gewehrt. Das Drama endete mit der Erstürmung der Wohnung durch die Polizei. Dabei erschoss sich die Frau.

Am Dienstag gab die Luzerner Staatsanwaltschaft bekannt, dass der Anwalt des Sohnes der Toten den Luzerner Polizeikommandanten Adi Achermann wegen fahrlässiger Tötung und Amtsmissbrauchs angezeigt hat. In einem Bericht des SRF-Politmagazins «Rundschau» wirft der Anwalt der Polizei vor, durch ihr Handeln den Suizid indirekt verursacht zu haben.

Auch Anwalt redete mit der Frau

Wie Recherchen der «Rundschau» ergaben, hat der Einsatzleiter in Kontakt mit dem Anwalt der Frau gestanden und ist – spätestens zwei Stunden vor dem Zugriff – darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass die Frau seit Jahren an einer schweren psychischen Erkrankung leidet.

Der Anwalt versuchte telefonisch – und ohne Erfolg – auf die Frau einzuwirken, den Widerstand aufzugeben. In einem Audiomitschnitt ist zu hören, dass sich die Frau vom massiven Polizeiaufgebot in die Enge getrieben fühlte und Angst vor einer Internierung hatte. Sie bat um mehr Zeit und wollte mit ihrem inhaftierten Sohn sprechen, der gleichzeitig auch ihr Vormund war. Der Kontakt zwischen dem Anwalt und dem Einsatzleiter der Polizei sei dann abgebrochen. Danach erfolgte der fatale Zugriff der Sondereinheit «Luchs».

Frau litt an paranoider Schizophrenie

Der Sohn gewährte der «Rundschau» Einblick in die Krankenakten seiner Mutter: In den 90er-Jahren diagnostizierten Ärzte bei ihr paranoide Schizophrenie. Die Frau wurde entmündigt und zweimal in die Psychiatrie eingeliefert. Aus den Akten geht hervor, das sie vor allem für sich selbst eine Gefahr darstellte.

Da der Zustand der Frau bekannt gewesen sei, hätte das die Polizei unbedingt in die Lagebeurteilung einbeziehen müssen, meint der Bremer Psychologe Dietmar Heubrock. «Die Polizei muss vermeiden, dass sich die Person weiter in die Ecke gedrängt fühlt. Wenn während einer Barrikaden-Situation die Polizei mit Sondersignal und Blaulicht vorfährt, wird das das Angstgefühl dieser Frau nur verstärken,» sagt der Professor für Rechtspsychologie, ein anerkannter Experte für polizeiliche Verhandlungen mit Suizidgefährdeten.

Der nun angeklagte Luzerner Polizeikommandant Adi Achermann hatte an einer Pressekonferenz den Einsatz verteidigt und betont, dass es keine Möglichkeit gegeben habe, die Frau zur Aufgabe zu bewegen. Dem entgegnete Experte Heubrock in der «Rundschau», dass der Zugriff nicht vertretbar gewesen sei. Die Polizei sei vor allem auf die konkrete Situation der Frau nicht nachhaltig und geduldig genug eingegangen, so Heubrock.

Im Interview mit der Rundschau gesteht der Vorsteher des Luzerner Justiz- und Sicherheitsdepartements, Paul Winiker, heute ein, dass das Ziel des Einsatzes, nämlich einen Suizid der Frau zu verhindern, «nicht ganz erreicht wurde». Für die Untersuchung des Polizeieinsatzes habe er einen ausserordentlichen Staatsanwalt eingesetzt. (nag)

(Erstellt: 30.03.2016, 19:27 Uhr)

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