Panorama

Rentner auf Kaffeefahrten im Elsass abgezockt

Es ist ein Geschäft am Rande der Legalität: Auf Kaffeefahrten im Elsass drehen dubiose Verkäufer älteren Personen Restposten-Gegenstände an. Ein Selbstversuch zeigt: Die Verkäufer spielen mit der Angst der Kunden.

Wortreich: Chef-Verkäufer «Frank» erklärt, wie der Brief richtig zu lesen ist (Video-Screenshot).

Wortreich: Chef-Verkäufer «Frank» erklärt, wie der Brief richtig zu lesen ist (Video-Screenshot).

Umfrage

Unter falschen Angaben werden Rentner auf Verkaufsfahrten ins benachbarte Ausland eingeladen. Dort werden ihnen zu überhöhten Preisen Produkte verkauft. Sind die Käufer selber schuld?

Ja

 
61.5%

Nein

 
38.5%

Ich kann mich nicht mehr beherrschen. Eigentlich habe ich mir ja vorgenommen, den ganzen Tag so unauffällig wie möglich in meinem Stuhl zu sitzen. Doch ein Schmunzeln macht den Herrn mit dem Schnauzer und dem friesischen Akzent stutzig. «Hey Kollege, was ist dein Problem?», schnauzt er mich an. «Sie sind ein Spassvogel», entfährt es mir. «Noch ein Wort und du verlässt diesen Saal durchs Fenster», droht er. «Mit meinem Bus fährst du nicht mehr nach Hause.» Wenige Worte später finde ich mich auf dem Parkplatz eines heruntergekommenen Gasthofes wieder. Irgendwo zwischen Mulhouse und Colmar. Das nächste Dorf mit Busanschluss ist zu Fuss eine Stunde entfernt.

Die «Gewinnauszahlung» hat ein jähes Ende gefunden. Das «halbe Schwein» und die 4500 Franken, die mir versprochen wurden, habe ich nie gesehen. Am Anfang war dieses Schreiben. «Wichtige Mitteilungen», hiess es auf dem Briefkopf. Ein gewisser Herr Peter Stieler teilt mit, dass ich eine Stange Geld gewonnen hätte. «Ja, Sie lesen richtig, Sie haben wirklich gewonnen!» Der Hauptgewinn und weitere Geschenke wie ein dreiteiliges Werkzeugset und natürlich das halbe Schwein würden mir anlässlich eines Tagesausfluges überreicht. Frühstück und Mittagessen inklusive.

«Das heisst nicht, dass Sie mit leeren Händen nach Hause gehen»

Ich steige also in aller Herrgottsfrühe in Arlesheim in den alten Car. Drinnen sitzen ein gutes Dutzend Personen, die meisten im Rentenalter. Auch sie haben gewonnen, auch sie wurden eingeladen, heute ihren Gewinn abzuholen. Nach eineinhalbstündiger Fahrt durch elsässische Weinreben treffen wir im Landgasthof «La Vallée Noble» ein. Dort werden wir bereits erwartet, von einem bulligen Norddeutschen mit Bürstenschnitt. Wir seien herzlich zum Essen eingeladen, sagt er: «Alles Weitere besprechen wir dann später.»

Nach dem «reichhaltigen Frühstück», das aus Brot, Lyoner und ein paar Scheiben Käse besteht, tritt Frank, wie er sich nennt, vor uns glückliche Gewinner. Der Mann ist sehr überzeugend. Wortreich erklärt er uns, wieso wir die 4500 Franken nicht gewonnen hätten. Im Kleingedruckten des Briefes heisst es: «Auszahlungsbescheid für Gewinnanteil vom Bargeld-Jackpot». Stille im Saal. «Das heisst aber nicht, dass Sie mit leeren Händen nach Hause gehen», tröstet uns Frank und streckt dem älteren Herrn in der ersten Reihe einen Handstaubsauger entgegen. Und sowieso: «Das Frühstück hat Ihnen doch geschmeckt, oder?»

Eloquent, überzeugend und manipulativ

Es folgt ein zweistündiger Vortrag über das marode Gesundheitswesen, überteuerte Krankenkassenprämien und korrupte Ärzte. «Die sind alle von der Pharmaindustrie gekauft», wettert Frank, der völlig in seiner Rolle aufgeht. Seinen Vortrag unterbricht er nur selten, dann, um den älteren Damen mit charmanten Bemerkungen zu schmeicheln und sich seine Ausführungen mit einem Nicken quittieren zu lassen. Mit seinen Worten spricht er denen aus der Seele, die seit Jahren von einer bescheidenen Rente leben müssen. Von ihnen hat es einige hier.

Frank ist ein gewiefter Kerl, eloquent, überzeugend und manipulativ. Kritische Fragen von skeptischen Gästen beantwortet er mit spitzen Gegenfragen. «Sie fahren kostenlos hierher, essen und trinken, werden beschenkt. Ist es da zu viel verlangt, dass Sie mir aufmerksam zuhören?» Immer wieder verweist er auf «später, wenn ich ein paar von Ihnen sehr glücklich mache». Wir sitzen mittlerweile seit mehreren Stunden in der abgestandenen Luft, als Frank endlich konkret wird: «Mit diesem Magnetfeld-Unterbett schützen Sie sich vor Krankheiten», lüftet er das Geheimnis. Aha, es geht also um eine Matratze.

3000 Franken für ein «heilendes Magnetfeld»

Nach dem Mittagessen – es gibt Ente mit Risotto – steigt Frank in die zweite Runde. Er spricht von Elektrosmog und gesundheitsgefährdenden Nachttischlampen. Wieder trifft er die Ängste und Unsicherheiten der Anwesenden punktgenau. Und wieder heisst seine Lösung «Magnetfeld-Unterbett». Zwei geschlagene Stunden geht das so. Bis Frank wieder konkret wird: Er lässt darüber abstimmen, was das Wichtigste im Leben ist. Die einhellige Antwort: die Gesundheit. Frank spielt den Verdutzten. «Nein, liebe Gäste, viel wichtiger ist Ihnen das Geld. Wäre Ihnen nämlich die Gesundheit das Wichtigste, wären Sie auch bereit, in Ihre Gesundheit zu investieren.»

Jetzt ist es raus: 3000 Franken kostet das «heilende Magnetfeld». Die Anwesenden schlucken leer. Frank nutzt das betretene Schweigen, um sich mit einem Stapel Mappen zu bewaffnen, die er nur an «Ausgewählte» verteilen wird. «Alle, die jetzt keine Mappe wollen, werden sich später in den Hintern beissen. Wenn Sie eines Tages aufwachen und neben sich Ihren Partner sehen, der in der Nacht einen Schlaganfall erlitten hat, werden Sie an mich denken.»

Bedauern über den Ausschluss

Die Einschüchterung wirkt. Acht der rund dreissig Anwesenden lassen sich eine Mappe geben. Darin finden sie 1300 Franken in bar. Der Haken: Das Geld ist «zweckgebunden» und muss in die Gesundheit investiert werden, genauer: ins Magnetfeld-Unterbett.

An dieser Stelle kommt mein verräterisches Lächeln. Nachdem ich den Raum um sechs Uhr abends verlassen habe, geht die Veranstaltung noch zwei Stunden weiter. Bevor ich ins herbeigerufene Taxi steigen kann, haut mich «Sascha» an, einer von Franks Mitarbeitern. Es tue ihm leid, dass ich ausgeschlossen wurde. Ob er kein schlechtes Gewissen habe, will ich wissen. «Es ist halt ein Job. Aber ich verstehe Ihre Bedenken.» Frank hat an diesem Tag fünf Matratzen verkauft. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.08.2010, 17:51 Uhr

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17 Kommentare

Gianin May

29.08.2010, 23:13 Uhr
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Seit Jahren weiss man um diese betrügerischen Maschen und dennoch macht niemand was, ich verstehe nicht, wie man da einfach zuschauen kann? Antworten


Uwe Brock

29.08.2010, 11:48 Uhr
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Eine von den Kategorien von Menschen die grundsätzlich nur sich selber etwas bringen und somit eigentlich ziemlich wertlos sind. Alle die glauben die abgezockten sind selber schuld sollten dabei nicht vergessen das jeder auf die eine oder andere Systematik abgezockt werden kann. Deshalb braucht es auch gesetzliche Grundlagen, auch in diesem konkreten Fall Verbote, um "die schwächeren" zu schützen. Antworten


René Tinner

29.08.2010, 09:10 Uhr
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Vor etlichen Jahren habe ich als Carchauffeur im Auftrage unseres Kunden ebenfalls solche Reisen durchführen müssen, können, dürfen!? Bereits damals wurden die Fahrgäste (meistens ältere Menschen, die Jungen waren nur als Begleiter anwesend) "verarscht" (sorry). Die Gewinne waren jedoch noch wesentlich kleiner und bescheidener. Heute nimmt das ganze Unwesen leider wieder zu. René Antworten


René Schumacher

29.08.2010, 08:38 Uhr
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Unglaublich! Immer und immer wieder fallen die Menschen auf diese Betrüger herein. Wann endlich begreifen, vor allem auch ältere Menschen, dass auf dieser Welt nichts geschenkt wird. Schon gar nicht von diesen geldgierigen Abzockern. Ich sollte das Wort Dummheit eigentlich nicht verwenden, aber es fällt mir keine Alternative ein. Die Medien berichten doch schon seit Jahren darüber. Unglaublich! Antworten


Markus Leutwyler

29.08.2010, 04:18 Uhr
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Danke dem Markus Prazeller für seinen Selbstversuch. Es hat mich schon seit Jahren wunder genommen, wie das eigentlich abläuft. Aber gleich so krass hatte ich mir das nicht vorgestellt. Absoluter Wahnsinn! Antworten


Stephan Müller

29.08.2010, 01:19 Uhr
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Gibt es immer noch Menschen, die auf so was reinfallen? Die Hoffnung auf das schnelle Glück lässt das Hirn abstellen. Antworten


Martin Sutter

29.08.2010, 00:05 Uhr
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Anzeigen - es werden sich sicher ein paar gute Gründe finden damit eine Anzeige auch Erfolg hat. Was sind das für Leute die absolut keine Skrupel haben und solche Sachen machen, traurige Welt... Antworten


Johann Niessner

28.08.2010, 23:28 Uhr
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es ist nicht an der Grenze der Legalität, wie Sie Schreiben, sondern Betrug. Warum schreitet die Staatsanwaltschaft nicht ein und unterstützt diesen eingeschüchterten Rentnern. Antworten


Thorsten Herberg

28.08.2010, 22:18 Uhr
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"Selber Schuld, nicht so doof sein." Das ist schnell gedacht und geschrieben. Aber: Lieber mal schauen, wo jeder von uns sich manipulieren lässt, bevor wir auf andere zeigen. Wenn es nicht um eine Kaffeefahrt geht, dann vielleicht um eine Lebensversicherung oder eine politische Meinung. Wir alle lassen uns tagtäglich manipulieren. Der erste Schritt zur Gegenwehr ist sich dessen bewusst zu sein. Antworten


Martin Holzherr

28.08.2010, 21:37 Uhr
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Freundlichkeit hinter der sich fast unverhohlen Erpressung und - verbal sogar Gewaltbereitschaft - verbirgt, das durften die glücklichen Gewinner einer "Erlebinis"-fahrt hier erfahren. Einige der Teilnehmer haben die latente Gewaltbereitschaft der Gastgeber sicher wahrgenommen und sich mit einem Magnetfeld-Unterbett "freigekauft". Eigentlich Stoff für einen Film. Antworten


Konrad Bolt

28.08.2010, 20:30 Uhr
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Das was hier gemacht wird mit den Rentnern finde ich schlicht eine Schweinerei. Solche Kaufverträge sollten als Ungültig erklärt werden, weil sie auf unlautere Art und Weise zustande kommen. Anderseits wird seit Jahren von solchen Kaffeefahrten gewarnt. Ich bin selber schon in die Jahre gekommen aber auf so eine Idee eine Gratis-Kaffeefahrt ins Elsass zu machen würde mir nie in den Sinn kommen. Antworten


Daniel Frei

28.08.2010, 20:28 Uhr
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Diesen dubiosen Abzockern muss endlich der Riegel geschoben werden. Sie offerieren Essen etc. und appellieren danach ans Gewissen der Rentner mit dem Versuch, ihre Matrazen etc. zu verkaufen. Diese Leute missbrauchen ihre Gäste emotional und hoffen auf vielen Cash. Diese Typen gehören in den Knast. Noch besser: in ein Arbeitslager. Dann lernen sie, was arbeiteten heisst. Antworten


Barbara Mayer

28.08.2010, 19:42 Uhr
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Dieses Jahr hätte ich allein schon über Fr. 12'000.-- "gewonnen" (7'000.-, 5'000.-, 2'500 etc)!! August 09 habe ich aus Interesse an einer Fahrt teilgenommen und nichts gekauft. Nichts war mit schönem Ausflug, Bargeldgewinn, tollen Geschenken wie Velo, Kamera, Früchtekorb! Stattgefunden hat ein sehr billiges Mittagessen und fast 8 Std. agressive Verkaufsberieselung. Antworten


Peter Imhof

28.08.2010, 18:47 Uhr
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Dies ist nicht der erste Bericht über diese Abzockerei. Seit Jahren bekomme ich Post, dass ich gewonnen habe und endliche meinen Gewinn abholen soll. Wenn eine Rückantwortskarte dabei ist, schreibe ich, dass der Gewinn in meinem Namen ans SRK überwiesen werden soll. Aber wer fällt immer wieder auf diesen Unsinn herein? Wer in der Welt schenkt jemanden einfach Geld? Dummheit ist nicht wegzukriegen! Antworten


Daniel Bosshard

28.08.2010, 18:37 Uhr
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Für Carfahrten und ähnliches müsste eine Gesetzesregelung Bargeldzahlungen verbieten und 30 Tage Rückgaberecht vorsehen. Es müssen mindestens die gleich strengen Regeln gelten wie bei Haustürgeschäften. Antworten


Priska Jermann

28.08.2010, 18:21 Uhr
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Aus reiner Neugierde haben eine Bekannte und ich Ende Februar an einer Kaffeefahrt teilgenommen, die aber nur nach Wettingen führte. Auch wir wurden stundenlang bearbeitet, mit Erfolg. Von 39 Teilnehmenden haben 14 eine überteuerte Matratze und Reisegutscheine gekauft; sie waren ausnahmslos glücklich über ihr Schnäppchen. Unsere Einwände und Bedenken haben sie entschieden von sich gewiesen. Antworten


Mario Risch

28.08.2010, 17:58 Uhr
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Seit Jahrzehnten wird vor diesen dubiosen Geschäftemachern gewarnt. Aber die Dummen sterben halt nie aus. Antworten



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