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«Sei niemals der Letzte im Duschraum»

Von Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 24.03.2010

Im Skandal um die Odenwaldschule in Deutschland packen immer mehr ehemalige Schüler aus. Saufen, Drogen und Missbrauch gehörten zum «Kulturprogramm» an der Odenwaldschule, wie ein Opfer berichtet.

Schwere Vorwürfe gegen eine vermeintliche Vorzeigeschule: Odenwaldschule in Ober-Hambach bei Heppenheim (Hessen).

Schwere Vorwürfe gegen eine vermeintliche Vorzeigeschule: Odenwaldschule in Ober-Hambach bei Heppenheim (Hessen).
Bild: Keystone

Deutschland

Runder Tisch zum Missbrauch

Als Reaktion auf die Fälle sexuellen Missbrauchs hat die deutsche Regierung die Einsetzung eines Runden Tisches beschlossen. Das erfuhr die Nachrichtenagentur DAPD am Mittwoch aus Regierungskreisen. Das Gremium soll erstmals am 23. April tagen. Den gemeinsamen Vorsitz haben die Ministerinnen für Justiz, Familie und Bildung. Der Runde Tisch soll sich mit «sexuellem Missbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich» beschäftigen. (ddp)

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Die renommierte Schule für Reformpädagogik kommt nicht aus den Schlagzeilen, ganz im Gegenteil. Laufend berichten Medien über die teilweise traumatischen Erfahrungen von ehemaligen Absolventen der Odenwaldschule. Mit jedem Zeugnis ergibt sich ein genaueres Bild über die Verhältnisse an der vermeintlichen Vorzeigeschule in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Die Anschuldigungen gegen den damaligen Schulleiter Gerold Becker werden immer konkreter.

Die Zeitschrift «Focus» lässt einen ehemaligen Schüler zu Wort kommen, der über sein Missbrauchsmartyrium erzählt, an dessen Folgen er noch heute leidet. Das Becker-Opfer, dessen Identität nicht offen gelegt wird, erinnert sich nicht an einen grossen Pädagogen, sondern einen nach Weinbrand stinkenden Mann. Er sieht, wie der Lehrer auf ihn zukommt, ihn festhält, ihm seine Zunge in den Mund presst, seinen Intimbereich ertastet und schliesslich oral missbraucht. «Vergessen kann ich diese Bilder nicht», sagt der ehemalige Odenwaldschüler. Das Trommelfeuer auf seine Seele sei unerbittlich, die Qualen wollten einfach nicht aufhören.

«Ich war die Beute eines Psychopathen»

Der heute 40-jährige Mann, der laut «Focus» ausgezehrt und müde wirkt, war Anfang der Achtzigerjahre an die Odenwaldschule gekommen. Becker habe ihn eines Tages im Duschraum überrascht, sei wortlos auf ihn zugegangen und habe ihm seine Genitalien einshampooniert. «Ich liess es starr über mich ergehen», erinnert er sich. Für Becker sei es wohl der Test gewesen, ob er als Opfer tauge. Offenbar taugte er als Opfer. Es sei «täglich etwas passiert».

«Sei niemals der Letzte im Duschraum, nie der Letzte im Wohnzimmer des Internatsleiters», lautete die Überlebensstrategie. Trotzdem habe sich Gerold Becker «Hunderte Male» an ihm vergangen. Die Zeit an der Odenwaldschule schildert das Becker-Opfer als ein Überleben der Stärksten. Günstlinge des Schulleiters genossen Freiheiten, die anderen Schüler wurden gemobbt. «Saufen, Drogen und Missbrauch gehörten zum ‹Kulturprogramm› Beckers an der Odenwaldschule.» Das Fazit des Ex-Schülers: «Ich war die Beute eines Psychopathen.»

«Man musste sich als Anti-Spiesser profilieren»

In der gestrigen Ausgabe des Schweizer TV-Magazins «10 vor 10» kamen weitere Absolventen der Reformschule zu Wort. Es habe ein unglaublicher sozialer Druck geherrscht, sagte ein Ex-Schüler. «Man musste sich als Anti-Spiesser profilieren: Alkohol in sich reinschütten, Drogen konsumieren und sexuelle Ausschweifungen leben.» Ein Musiklehrer habe Freundschaft und Schutz nur vorgespielt, berichtete ein anderer Zeitzeuge. «In Wirklichkeit wurde ich ausgebeutet, ich musste ihn sexuell befriedigen.»

«Schüler-Lehrer-Verhältnisse waren an der Tagesordnung», erinnerte sich ein weiterer Ex-Schüler. Und unter Schülern kursierte folgender Kalauer: «Der Becker findet Jungens lecker.» Warum konnten solche Missbräuche an der Odenwaldschule passieren? «Das Problem ist immer, dass Autoritätspersonen geschützt werden», meint ein Ex-Schüler. «Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Das kann nicht sein, dass dieser tolle Reformpädagoge diese dunkle Seite hat.»

Rund 100 Missbrauchsfälle

Andere ehemalige Odenwaldschüler sagten in früheren Medienberichten, dass sie als «sexuelle Dienstleister» für ganze Wochenenden eingeteilt und zu Oralverkehr gezwungen wurden. Einzelne Pädagogen hätten ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen. In einem anderen Fall sollen sich zwei Lehrer ein Mädchen als sexuelle Gespielin «geteilt» haben.

Gemäss Medienberichten sollen zwischen 1970 bis 1985 bis zu 100 Schüler von dem Schulleiter und mindestens drei Lehrern missbraucht worden sein. Schon 1999 hatten zwei frühere Schüler den ehemaligen Schulleiter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Das Ermittlungsverfahren wurde aber wegen Verjährung eingestellt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.03.2010, 10:48 Uhr

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