Panorama
Sitzen geblieben: Führerschein vor Sekabschluss
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 18.02.2009 5 Kommentare
Sitzengeblieben: Von den Aargauer Oberstufenabgängern 2008 feierten im vergangenen Kalenderjahr knapp 400 ihren 18. Geburtstag. (Bild: Keystone)
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Sind die Anforderungen in der Obwaldner Schule besonders tief? Oder die Kinder dort besonders clever? Fest steht: Pro Jahr müssen nur ein halbes Prozent der Primar- und Oberstufenschüler im Bergkanton repetieren. Dies sind schweizweit am wenigsten.
Die durchschnittliche Repetentenquote über alle Kantone hinweg lag 2007/08 bei 2,4 Prozent. Hochgerechnet auf die neun obligatorischen Schuljahre, bedeutet dies, dass gegen ein Viertel der Schweizer Schüler irgendwann einmal sitzen bleibt. Der Kanton Zürich ist in dieser meist unfreiwilligen Disziplin Schweizer Durchschnitt. Doch auch in der Zürcher Sek B und C sowie in den kantonalen Kleinklassen ist die Hälfte der Schüler deutlich älter als für die Stufe vorgesehen. Die Spitzenreiter im Wiederholen sind laut dem Bundesamt für Statistik die Waadtländer und Aargauer Kinder. Vergangenes Schuljahr repetierten in den beiden Kantonen sieben Mal mehr Schüler als in Obwalden.
Die Brüche in den Aargauer Schulkarrieren lassen sich seit gestern besser analysieren, weil sich der Kanton als Erster vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Eine Studie des kantonalen Bildungsdepartements zeigt, dass die Hälfte der Schülerinnen und Schülern zeitlich von der vorgesehenen Schullaufbahn abweicht. Nur ein Prozent aller Absolventen schafft das Kunststück, die Aargauer Volksschule in weniger als neun Jahren zu absolvieren. Vierzig Prozent verbringen zehn und mehr Jahre an Primarschule und Oberstufe. Einige kommen zuerst in die Einführungsklasse, in der für die erste Klasse zwei Jahre Zeit blieb. Die meisten jedoch müssen später ein Schuljahr wiederholen.
Eine Folge davon: Von den Aargauer Oberstufenabgängern 2008 feierten im vergangenen Kalenderjahr knapp 400 ihren 18. Geburtstag. Ein guter Teil von ihnen hätte die Möglichkeit gehabt, den Führerschein vor dem Schulabschluss in der Tasche zu haben. Vielerorts ist es jedoch Schülern verboten, mit dem Auto vorzufahren.
Repetieren auch als Aufstieg
Die Pädagogik ist sich weitgehend einig, dass Sitzenbleiben allein eine ineffiziente Massnahme darstellt: Für die betroffenen Kinder ist es oft nachteilig, für die Staatskasse meist teuer. Repetieren kann Schulversagen bedeuten, aber auch längerfristigen Aufstieg: An der Oberstufe kommt es häufig vor, dass Absolventen ein Schuljahr auf der nächsthöheren Stufe wiederholen: Sie wechseln beispielsweise nach der zweiten Realklasse statt in die dritten Real in die intellektuell anspruchsvollere zweite Sek. Im Aargau mit seiner frühen und vergleichsweise strengen Selektion schafft jeder achte Oberstufenschüler durch sitzenbleiben diesen Schritt aufwärts. Von ihrer Schulreform versprechen sich die Aargauer Behörden weniger «Ehrenrunden». Das Volk entscheidet am 17. Mai darüber.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.02.2009, 23:03 Uhr
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