Taucher stossen auf einen Krimi im Sempachersee
Von Erwin Haas. Aktualisiert am 23.01.2010
Umstritten: Sempacher Badehaus um 1900.
Hobby-Archäologietaucher haben das Wrack letzten Sommer in 31 Metern Tiefe gefunden und erstmals fotografiert. Dabei sind die Forscher, die sich Swiss Archeo Divers nennen, auf einen kleinen Krimi gestossen: Den Spuren nach zu schliessen, wurde der Nauen nämlich vor 150 Jahren samt der Fracht von 3000 bis 4000 Biberschwanzziegeln mutwillig versenkt.
Das Luzerner Städtchen Sempach plante 1857 den Bau einer hölzernen Badehütte am See. Dieses ganz und gar neuartige Unterfangen entsprach einem Volksbegehren. Doch bei konservativen Zeitgenossen stiess es wohl auf heftigen Widerstand. Puristen empfanden es damals als unsittlich, sich badend dem Müssiggang hinzugeben, und nackte Haut zu zeigen, schien unerhört - auch wenn die Badeanzüge damals noch nicht so knapp bemessen waren wie heute. Ein Protokoll des Stadtarchivs Sempach von 1857 lässt jedenfalls auf einen Sabotageakt schliessen.
«Von religiösen Fantasten»
«Es wurde nämlich ein grösserer, teilweise mit Dachziegeln zur Bedeckung der Badehütte gefüllter alter Jassen (Nauen) über Nacht an die Badehütte angebunden, und morgens war er samt den Ziegeln verschwunden, sehr wahrscheinlich aus Bosheit, weil vorher schon böswillige Äusserungen gegen diese zum allgemeinen Nutzen und Bequemlichkeit errichtete Anstalt stattgefunden haben. Denn selbst ein Sturm hätte unter gegebenen Umständen diesen Unfall nicht bewirken können.»
Die Unterwasserfotos des Hinwiler Tauchers Adelrich Uhr zeigen links im flachen Bug des Nauens ein zehn mal zehn Zentimeter grosses Loch. Jemand muss es mit einer Axt oder einem Hammer in den Rumpf geschlagen haben. Das Motiv für den Vandalenakt ist jedoch unklar. Es bleibe offen, ob der Nauen «von religiösen Fantasten oder vielleicht für einen Versicherungsbetrug versenkt wurde», sagt Uhr. Der Besitzer sei nämlich von der Sempacher Behörde für den Verlust seines Schiffes entschädigt worden.
Ihre Erkenntnisse gewannen die Taucher unter erschwerten Umständen. Sie fischten im wenig bewegten Sempachersee lange im Trüben und zahlten einen hohen Preis: Die Suche nach dem Wrack forderte ein Todesopfer. Beim ersten Versuch 2004 reichte die Luft jeweils nur für 25 Minuten. An der möglichen Fundstelle tasteten sich die Taucher mittels einer 20 Meter langen Suchleine um einen Pfahl herum voran.
Schatz im südchinesischen Meer
Beim letzten Tauchgang entfernte sich einer der Kollegen. Der 58-Jährige erlitt vermutlich einen Herzinfarkt und ertrank. Bei der Kamerasuche wurde unter dicken Schichten von Schlamm und Seekreide schliesslich auch das 13 Meter lange Nauenwrack geortet.
Die Schiffs- und Schatzsuche ist vor allem im tiefen Vierwaldstättersee verbreitet. Der Profischatzsucher Klaus F. Keppler, der 1997 im südchinesischen Meer den 1000 Jahre alten Intan-Schatz mit 11'000 Gold-, Silber- und Keramikstücken fand, hat Hobbytauchern dort schon Kurse gegeben und dabei zufällig den 1899 versunkenen Nauen Flora gefunden. Vor Brunnen hat eine Tauchschule 2007 als Trainingsattraktion sogar extra ein Lastschiff versenkt.
Der Traum jedes Taucharchäologen wäre es allerdings, endlich das Luxusauto der belgischen Königin Astrid zu finden - einen Packard. Ihr Gatte, König Leopold, hatte 1935 in den Inkognito-Ferien am Vierwaldstättersee bei Merlischachen einen Unfall gebaut - mit dem Chauffeur im Fond. Dabei kam Astrid ums Leben. Angewidert vom Medienrummel um die geborgene Karosse, liess Leopold das Auto schliesslich mitten im See versenken. Und seither ist es nicht mehr aufgetaucht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.01.2010, 14:08 Uhr

















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