Panorama
Terror mit Methode
Von Simon Eppenberger. Aktualisiert am 24.11.2011
Artikel zum Thema
- Das Doppelleben eines Schiedsrichters und Gewalttäters
- «Noch heute sind die Brandmale zu sehen»
- Die Gang als Vehikel für Machtfantasien
Serie zum Fall G-Level-Gang
Tagesanzeiger.ch/Newsnet deckt in einer Serie den Fall der G-Level-Gang auf. Im Zentrum steht ein 25-Jähriger, der die Gruppe gründete, um Minderjährige zu quälen. Der mutmassliche Haupttäter stammt aus einer bekannten Fussballerfamilie und arbeitete an einer Karriere als Fussballschiedsrichter und Trainer.
Obwohl er in der Untersuchungshaft diverse Straftaten gestand und Verfahren gegen ihn laufen, ist er nach wie vor als Schiedsrichter und Junioren-Trainer tätig. Seine Schützlinge haben dasselbe Alter wie viele seiner Opfer.
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Der Fall des Schiedsrichters, Junioren-Fussballtrainers und Freizeit-Gangleaders (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete, siehe Box links) Lucas B.* wirft Fragen auf: Wie war es ihm möglich, so viele Jugendliche zu Gewalttätern zu machen? Wieso ging es so lange, bis die Eltern ihren Kindern auf die Schliche kamen und die Polizei einschalteten? Vernehmungsprotokolle, welche Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegen, geben Auskunft.
Laut den Angaben des Hauptverdächtigen Lucas B. hatte er bereits vor fünf Jahren die Idee zur G-Level-Gang. Ursprünglich hiess sie BAZ, eine Abkürzung für die Wohnorte ihrer damaligen Mitglieder: Sie stammten aus den Kantonen Bern, Aargau und Zürich.
Chat, Facebook und Handy
Zentrale Rolle bei der Rekrutierung neuer Mitglieder spielten die beliebten Chatsysteme von MSN und Facebook sowie Handys – die wichtigsten Kommunikationsmittel der heutigen Jugend. Über diese Kanäle konnte Lucas B. den ständigen Kontakt zu neuen und bestehenden Mitgliedern aufrechterhalten. Neue Mitglieder rekrutierte er aus dem Umfeld der GC-Fans oder durch den Freundeskreis der bestehenden Gang-Mitglieder, die ihm die Chat-Namen und die Telefonnummern weitergaben. Auf Facebook verbrachte er unzählige Stunden. Heute hat er dort über 1600 «Freunde».
Ein entscheidender Faktor, um das System der Gang aufrechtzuerhalten, war die engmaschige «Begleitung». Der Aufwand an Zeit und Geld war erheblich. Stundenlang verbrachte Lucas B. im Chat und auf Facebook, für Tausende SMS und zahllose Anrufe gab er Unsummen aus. Alleine im Dezember 2010 hatte er eine Handyrechnung in der Höhe von 2500 Franken, im Monat davor waren es über 1500. Offenbar hatte er zu diesem Zeitpunkt bei der Swisscom offene Rechnungen von mehreren Tausend Franken.
Der intensive Kontakt des 25-Jährigen zu den Gang-Mitgliedern hatte zwei Ziele: erstens, das Bild eines mächtigen Gang-Bosses, der bereits Menschen auf dem Gewissen hatte, aufrechtzuerhalten. Er fragte beispielsweise Neumitglieder: «Wann, denkst du, habe ich meinen ersten Mord begangen?» Zweitens: Er bedrohte die Minderjährigen derart geschickt, dass sie ständig in Angst vor ihm und der angeblich 1000-köpfigen Gang lebten. «Er übte Tag und Nacht Psychoterror aus, bis sich unser ansonsten offener Junge nicht mehr getraute zu sagen, was los war», sagen Eltern eines Opfers gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.
Schlagring in die Kamera gehalten
Die Einschüchterungstaktik lief in einem Fall folgendermassen ab: Via MSN-Chat schickte Lucas B. dem 14-jährigen Sandro* eine Kontaktanfrage. Obwohl dieser ihn nicht kannte, bestätigte er ihn als «Freund». Schon beim zweiten Chat forderte er den Teenager auf, sich mit ihm an einem Bahnhof im Kanton Aargau zu treffen, ansonsten werde er mit einem Schlagring verprügelt. Zur Bestätigung hielt er die Waffe in die Webcam. Aus Angst ging Sandro wie befohlen zum Treffpunkt, wo M.C. bereits im Auto wartete.
Laut Aussagen fuhren sie in den nahen Wald, wo der Mann sein elf Jahre jüngeres Opfer zwang, sich vor ihm auf den Boden zu legen. Wörtlich heisst es im Polizeibericht: «Darauf kniete sich M.C. mit seinen Beinen auf die Arme des Knaben und nahm schwarze Handschuhe und ein braunes Klappmesser hervor. Dessen Klinge hielt er dem Opfer an den Hals und drohte ihm, dass er ihn ‹killen› werde, wenn er sich weiter in die Angelegenheiten seines Kollegen Armin* einmischen würde. Die Aktion dauerte etwa zehn Minuten. Anschliessend liess er von Sandro ab und fuhr ihn in die Nähe seines Wohnortes. Dabei fragte er ihn auch noch, ob er in seine G-Level-Gang eintreten wolle.»
Etwa zwei Wochen später fuhr M.C. mit Sandro und dessen Kollegen nach Aarau. Er beauftragte die Teenager, andere Leute zu bedrohen, während er einen Parkplatz suchte. Als er vom Auto aus via Handy nachfragte, ob sie den Auftrag erledigt hätten, bejahten sie – aus Angst vor Konsequenzen. Getan hatten sie jedoch nichts. Auf dem Rückweg kam das Trio in eine Verkehrskontrolle. Bei M.C. fanden die Beamten zwei Schlagringe und zwei Messer. Sie wurden beschlagnahmt, und der 25-Jährige wurde wegen illegalen Waffenbesitzes verzeigt.
In der darauf folgenden Zeit bedrohte der Gang-Boss Sandro via MSN-Chat erneut und drohte, ihn «umzubringen und ihm die Kehle durchzuschneiden». Laut Polizeibericht versetzten die Tätlichkeiten im Wald und die Drohungen Sandro derart in Angst, dass sich seine schulischen Leistungen über Monate dramatisch verschlechterten.
Filmreifer Loyalitätstest
Zum Angstregime von Lucas B. gehörte auch, die jungen Mitglieder auf ihre Loyalität hin zu testen und gleichzeitig zu verunsichern. Einem Chat-Protokoll ist zu entnehmen, wie Lucas B. unter dem Chat-Pseudonym «G-Level-Gang GCZ» Sandro vorwarf, dass er sich «wegen G-Level noch nie beweisen» musste.
Um das zu ändern, schickte er ihm die Kontaktangaben eines angeblichen G-Level-Feindes. Lucas B. verlangte von Sandro, dass er den Typ erst mal via Chat «voll fertigmache», ihm mit Schlägen drohe und Geld verlange. Dem nicht genug. M.C. schrieb weiter: «Du hast schon sehr viel versaut. Ich will, dass du ihm die Kehle durchschneidest.» Daraufhin fragte Sandro: «Meinst du ihn umbringen?» Lucas B.: «Jo. Machst dus?» Als Sandro antwortete, das sei ihm zu deftig, drohte M.C. damit, dass er von der Gang jahrelang fertiggemacht werde.
Schliesslich zählte er einen Countdown von zehn an rückwärts, während sich der 14-Jährige entscheiden musste. Schliesslich schrieb er: «Jo». Lucas B. nannte ihn daraufhin einen «geilen Siech», sagte aber gleichzeitig, dass er nicht in der Gang sei, solange er den Feind nicht fertiggemacht habe. «Du weisst, es geht um dein Leben. Wenn du es versaust, machen wir eine Leiche aus dir», chattete Lucas B. weiter.
Sandro schrieb daraufhin den Kontakt an, den er von Lucas B. erhalten hatte, und drohte ihm Schläge an. Er sei ein «scheiss Opfer» und müsse Geld rausrücken, ansonsten werde er verprügelt. Kurz darauf meldete sich Lucas B. bei Sandro: «Hey Bro, das *lautlach* ist nur ein Test gewesen, du hast es mir bewiesen, hehe.» Der «G-Level-Feind» war Lucas B. selbst, der den Kontakt angegeben hatte, um Sandro zu testen.
* Namen von der Redaktion geändert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.11.2011, 13:24 Uhr
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