Panorama

Vernissage auf 2600 Metern

Der Schweizer Extremkletterer Ueli Steck stellte gestern sein neues Buch vor. In schwindelerregender Höhe, am Stollenloch der Jungfraubahn in der Eigernordwand.

Im Schlepptau: Ueli Steck und die an der Wand klebenden Medienleute.

Robert Bösch

Das Buch

Ueli Steck: Speed. Die drei grossen Nordwände der Alpen in Rekordzeit. Malik-Verlag. 22.90 Franken.

Der Moment war spektakulär. Man steht im unteren Teil des Eigers, der Blick über die Schulter fällt schwer, es geht einfach nur hinunter, oben erhebt sich die gewaltige Nordwand. Und oben, wo das Seil verankert ist, steht gerade auch Ueli Steck. Der Schweizer Solo-Kletterer hatte an diesen mythischen Ort geladen, um sein neues Buch vorzustellen.

Den Gipfel hoch gerannt

Die paar Meter zurück am Seil, über loses Geröll und weichen Schnee, machen Stecks Leistung endgültig unvorstellbar: In der Rekordzeit von 2:47 Stunden rannte der Langnauer zum Gipfel hoch, mittlerweile hält er auch an den beiden anderen grossen Nordwänden der Alpen den Temporekord: In 2:21 überwand er die Grandes-Jorasses bei Chamonix, in 1:56 die Matterhornnordwand. Das neue Buch heisst «Speed», er war jeweils allein und ungesichert unterwegs.

Momentan bereitet sich Steck auf das kommende Jahr vor, dann will er wieder im Himalaja einen 8000er bezwingen. Sein Training sieht wie folgt aus: An einem Tag dreimal den Niesen im Laufschritt hoch und mit der Bahn runter, das sind dreimal 1700 Höhenmeter, pro Aufstieg braucht er 1:40 Stunden. Darauf folgen zwei Tage mit «harter Kletterei», wie Steck sagt, dann geht es zurück an den Niesen.

Hoher Risikofaktor

Steck sieht sich als Spitzensportler. Allerdings mit hohem Risikofaktor, dafür genügt ein schneller Blick die Eigernordwand hinunter. Zum Massiv mit Eiger, Mönch und Jungfrau gehört ein anderer beeindruckender Berg, das Wetterhorn. Und dort erlebte Steck einen der schlimmsten Momente: Vor gut zwei Wochen stürzte seine Frau Nicole ab, auf dem Wanderweg von der Glecksteinhütte rutschte sie aus, stürzte 30 Meter tief, Steck konnte nur hinterherklettern. Es ging relativ glimpflich aus, das Sprunggelenk am rechten Fuss musste versteift werden, «mit Rennen siehts nicht gut aus», sagt Steck, «aber in die Berge wird Nicole sicher wieder gehen.»

Was löst ein solches Erlebnis aus? «Man erlebt hautnah, wie schnell etwas passieren kann», sagt Steck. Er denkt dabei auch an seinen spanischen Kollegen Inaki Ochoa, der an der Annapurna gestorben ist. Steck eilte ihm noch zu Hilfe, aber er konnte nur tatenlos danebensitzen.

Zeit nach den Rekordjagden

Das Buch, das Steck im Gegensatz zum Erstling «Solo» weitgehend selbst verfasste, ist für ihn ein Teil der Vorbereitung auf die Zeit nach seinen Rekordjagden. «Ich bin jetzt 34 Jahre alt», sagt er, «ich kann noch vier, fünf Jahre auf diesem Niveau klettern.» Und was dann? Gestern war auch der grosse französische Bergsteiger Christophe Profit dabei, er ist einer der Vorbilder für Steck. Profit stieg an der Kleinen Scheidegg barfuss in Sandalen aus dem Zug, er hatte sich eine Buchvernissage wohl anders vorgestellt und muss sich kurzerhand ein Paar Bergschuhe ausleihen. «Christophe war einer der Ersten, die sich mit schnellen, spektakulären Alleingängen einen Namen gemacht haben», sagt Steck. «Sein grösster Erfolg ist aber, dass er noch am Leben ist. Er hat gewusst, wann er aufhören muss.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2010, 23:14 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

4 Kommentare

Carlo Mengotti

09.09.2010, 10:44 Uhr
Melden

Super, Ueli. Durch deine Leistungen rücken Erde und Himmel immer näher zusammen. Aber, nicht zu schnell! Sonst landest du direkt in den Himmel. Und dann haben wir nichts mehr von dir. Viel Glück Antworten


Heinz Heer

09.09.2010, 00:06 Uhr
Melden

Lieber Ueli, ich kann es kaum erwarten, dein Buch "Speed" zu lesen. Schnell wie eine Gemse rennst du die steilsten Nordwände hinauf. Deine Leistungen erinnern an das Leichtigkeit des Lebens. Ich wünsche dir noch viele unbeschwerte Momente in den Bergen. Und deiner Frau eine vollständige Genesung.Mit Physiotherapie und auch Osteopathie erreicht man heutzutage eine sehr zufriedenstellende Heilung. Antworten


Dani Meier

07.09.2010, 12:06 Uhr
Melden

Vor solchen Leuten bin ich wenig beeindruckt! Nur immer alles schneller, schneller, schneller. Man muss doch zeigen, man ist ein Siebensiech! Genau wie die Typen mit ihrer Big Wall (Wer spricht noch davon?). Alles nur, weil sie ja sonst keine Sponsoren finden, weil zu wenig Aufmerksamkeit und sie einem normalen Beruf nachgehen müssten. Einfach nur lächerlich, diese Rekordtreiber! Antworten


Fred Büchi

07.09.2010, 10:48 Uhr
Melden

Steck bezeichnet sich als Spitzensportler, aha. Dabei betreibt er aktiv das Entweihen von Bergen, von Natur und die Presse hechelt ohne weitere Ueberlegung hinterher. Viel dümmer geht's wirklich nümmer. Folgen sind Turnschuh-Touristen in hochalpinen Regionen, wo Geist gefragt ist. Vorbilder sind anders. Antworten



Panorama

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokale Suche

Marktplatz