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Vom Kurs abgekommen
Von Jan Knüsel, Fabienne Klenger. Aktualisiert am 15.01.2012
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Schwere Vorwürfe: Kapitän Francesco Schettino wird von der Polizei zum Verhör gebracht. (Bild: Reuters )
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Chaotische Evakuierung: Ein Amateurvideo zeigt die Momente nach dem Unglück auf der Costa Concordia. (Video: Reuters )
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Am Freitagabend gegen 21.45 Uhr rammte das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia unmittelbar vor der Ostküste der Insel Giglio einen Felsen. Beim Unglück riss der Rumpf des Schiffs auf, so dass Wasser eintrat. Daraufhin neigte sich das Schiff zur Seite. Heute, zwei Tage nach der Katastrophe, werden von den 4200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern noch immer rund 15 Menschen vermisst, bislang wurden fünf Todesfälle bestätigt.
Doch wie konnte es zu einem solchen Unfall kommen? Erst 2006 in Dienst gestellt, gilt die Costa Concordia als eines der modernsten Kreuzfahrtschiffe. Darüber hinaus ist die Unfallregion den Schiffsleuten bestens bekannt. Nach ersten Ermittlungen zur Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia hat die italienische Staatsanwaltschaft dem Kapitän Francesco Schettino massives Fehlverhalten vorgeworfen.
Schettino habe das Schiff lange vor dem Abschluss der grossen Evakuierungsaktion verlassen, sagte Staatsanwalt Francesco Verusio am Sonntag im Sender SkyTG24. Befragt zu möglichen Fehlern der Besatzung bei der Rettung der Passagiere sagte Verusio, es sei vor allem die Schiffsleitung, die nicht funktioniert habe. Ausser Schettino wurde auch der erste Offizier Ciro Ambrosio vorerst festgenommen. Es war offenkundig, dass der Kapitän die Evakuierung nicht abwartete. Nach einigen Berichten war Schettino schon fünf Stunden vorher an Land. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen fahrlässiger Tötung, Verursachung eines Schiffbruchs und wegen des Verlassens des Schiffs vor anderen. Schettino weist alle Vorwürfe zurück. «Wir waren die letzten, die das Schiff verlassen haben», sagte er.
Staatsanwalt: Schiff auf falschem Kurs
Kapitän Schettino macht derweil eine fehlerhafte Seekarte für das Unglück verantwortlich. «Wir navigierten etwa 300 Meter von den Felsen entfernt», sagte Kapitän Schettino der Sendergruppe Mediaset. «Ein solcher Felsen hätte dort gar nicht sein sollen.» Ein Bewohner von Giglio sagte dagegen, der Luxusliner sei viel zu nah am Ufer gefahren und habe einen Felsen gerammt, der der örtlichen Bevölkerung wohlbekannt war. Das bestätigt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet auch die Baslerin Petra Zschokke, die seit mehr als fünfzig Jahren Ferien auf der Insel macht: «Vom Giglio aus sehen wir jeweils die Kreuzfahrtschiffe vorbeiziehen, die sind aber in der Regel sehr weit weg in der Mitte des Kanals.» Der Kapitän müsse stark vom Kurs abgekommen sein, sie könne sich den Unfall nur so erklären. Der felsige Untergrund hätte den italienischen Offizieren bekannt sein müssen.
Experten spekulierten inzwischen darüber, warum der erfahrene Seemann in der gut kartografierten Region das Schiff so nah an die Insel Giglio heran manövriert hatte, anstatt diese in einem grossen Bogen westlich zu umfahren. Der 54-jährige Fährmann Italo Arienti sagte, ein inzwischen pensionierter Kapitän der Costa Concordia habe sich gelegentlich der Küste genähert und die Sirenen ertönen lassen, als Gruss an seine Heimatstadt. Das Schiff sei dabei aber immer fünf bis sechs Seemeilen vor den Riffs geblieben.
Der Kurs des Luxusliners sei eindeutig «nicht richtig» gewesen, sagte der leitende Staatsanwalt Francesco Verusio. Es sei sehr ungewöhnlich gewesen, so nah an die Insel heran zu steuern, zitierte die italienische Nachrichtenagentur ANSA den Staatsanwalt weiter. «Das Schiff rammte mit der linken Seite ein Riff, dadurch geriet es in Schräglage und innerhalb von zwei, drei Minuten trat sehr viel Wasser ein.» Der Kapitän habe die Kommandogewalt über das Schiff gehabt und er «hat nach unseren Informationen die Route festgelegt». Er habe sich bewusst für diese Route entschieden.
Spekulation über die Unfallursache
Cosimo Nicastro von der italienischen Küstenwache bestätigt gegenüber CNN, dass die Costa Concordia beim Unfall rund 2,5 Meilen vom Kurs abgekommen war. Zudem seien auf der Karte die Felsen ganz klar eingezeichnet. «Noch wissen wir nicht, weshalb das Schiff so nahe an die Felsen kam.»
Malcolm Latarche, Redaktor des Schifffahrtsmagazin IHS Fairplay, vermutet derweil einen technischen Defekt hinter der Havarie. Gemäss der «Huffington Post» nennt er einen Stromausfall als mögliche Ursache für das Unglück. Er bezieht sich dabei auf Aussagen von Passagieren, wonach es zu einem Stromausfall gekommen sei.
Dadurch könnte das Navigationssystem und Sicherheitssystem ausgefallen und das Schiff vom Kurs abgekommen sein, gibt Latarche als möglichen Grund an. In einem solchen Fall müsse das System neu gestartet werden, dies brauche jedoch Zeit. Latarche betont jedoch, dass nun eine gründliche Untersuchung des Unfallhergangs notwendig sei. Taucher hätten inzwischen auch die sogenannte «Black Box» des Schiffs geborgen, sagte ein Sprecher der Küstenwache dem italienischen Fernsehsender Sky Italia. Die darauf aufgezeichneten Navigationsinformationen sollen Antworten auf einige der offenen Fragen liefern.
Kapitän in Haft
Der Anwalt des Kapitäns, Bruno Leporatti sagte, sein Mandant wisse, warum er festgenommen worden sei. «Als sein Anwalt möchte ich jedoch festhalten, dass mehrere Hundert Menschen seiner Erfahrung während des Unglücks ihr Leben verdanken», sagte Leporatti.
Mittlerweile hat auch die Betreibergesellschaft Fehler des Kapitäns eingeräumt. Es habe den Anschein, als ob der Kapitän eine fehlerhafte Einschätzung vorgenommen habe, indem er zu nahe an die Küste gefahren sei und von den Evakuierungsprozeduren abgewichen sei, hiess es laut Medienberichten in einer Erklärung des in Genua ansässigen Unternehmens Costa Crociere am Sonntagabend.
Der Kapitän stammt aus Meta di Sorrento in der Nähe von Neapel, einer Region mit langer Seefahrertradition. Ihr Bruder habe seine Mutter am Samstagmorgen um 05.00 Uhr angerufen, zitierte ANSA die Schwester des Kapitäns. «Mama, es ist eine Tragödie geschehen. Aber bleibe ruhig. Ich habe versucht, die Passagiere zu retten. Ich werde dich für eine Weile nicht anrufen können», habe er am Telefon gesagt.
Mit Material von AFP und dapd. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.01.2012, 15:20 Uhr
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