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«Was dann geschieht, konnte man in Paris bei der Concorde sehen»
Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 05.11.2010 6 Kommentare
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Zur Person: Tim van Beveren ist Journalist, Pilot, Buchautor und Filmemacher. Unter anderem hat er 1999 zusammen mit Simon Hubacher «Flug Swissair 111 / Die Katastrope von Halifax und ihre Folgen» veröffentlicht. Bekannt ist auch «Runter kommen sie immer / Die verschwiegenen Risiken des Flugverkehrs» (1995) sowie «Das Risiko fliegt mit / Die versteckten Risiken im Flugverkehr» (2005).
Wie kann man bei einem so jungen Flugzeug wieder starten, bevor das Problem bekannt ist?
Auch Airbus und Rolls-Royce reden von einem schwerwiegenden Vorfall und haben darum gestern sofort eine Wartungsanweisung herausgegeben. Die Triebwerke müssen vor dem Flug überprüft werden. Bis jetzt ist ja nicht klar, ob es sich hier um einen Materialfehler bei einem Triebwerksteil gehandelt hat. Oder ob es ein konstruktionsbedingtes Problem ist. Auch Sabotage könnte es gewesen sein. Das muss nun sehr schnell evaluiert werden.
Was sind die Konsequenzen?
Ist es ein einmaliges Materialereignis – was vorkommen kann, aber nicht sollte – dann wäre das noch der einfachere Fall. Und die Folgen wären nicht dermassen dramatisch. Sollte sich aber herausstellen, dass ein Konstruktionsfehler vorliegt, dann haben Airbus und Rolls-Royce ein grosses Problem. Es würde die Aufsichtsbehörde zwingen, die Flugzeuge so lange stillzulegen, bis das Problem behoben ist. Ein Triebwerk kann man nicht über Nacht ändern, von da her hat dieser Vorfall schon eine grosse Dimension.
Ist dieses Triebwerk schon bei anderen Flugzeugtypen eingesetzt worden?
Dieses Triebwerk ist speziell für den A380 entwickelt worden. Möglich, dass es dann auch noch für andere Flugzeugtypen eingesetzt wird.
Werden Probleme mit dem A380 besonders intensiv beobachtet?
Jedes neue Flugzeug hat Fehler, das ist normal. Auch was bisher beim A380 an Fehlern aufgetreten ist, gehört sozusagen zum Betriebsablauf. Bei anderen Flugzeugen würde das, was jetzt passierte, weniger auffallen. Triebwerksausfälle passieren immer wieder. Aber beim A380 hat man natürlich ein verstärktes Augenmerk auf alles, was vorfällt. Eben weil es ein Prestigeobjekt ist, weil es das grösste Passagierflugzeug der Welt ist und weil es noch jung ist.
Wissen Sie schon Genaueres von dem Vorfall?
Wie gesagt, ich habe noch keinen offiziellen Bericht gelesen. Offenbar ist ein Bauteil aus dem Triebwerk herauskatapultiert worden. Es hat die Tragfläche durchbohrt und dabei vermutlich die Hydraulik beschädigt. Ausserdem wurde wahrscheinlich die elektrische Steuerung für das daneben liegende Triebwerk ebenfalls beschädigt. Offenbar konnten die Piloten dieses nicht mehr abstellen. Es musste am Boden gestoppt werden, indem die Feuerwehr sehr viel Wasser reingespritzt hat.
Wie schlimm war es wirklich?
Das Sicherheitskonzept von Airbus ist aufgegangen. Das Flugzeug ist sicher gelandet. Das war keine Notlandung. Die Systeme sind redundant, sie sind mindestens doppelt da, das hat alles funktioniert. Das war gut.
Aber?
Aber dennoch gibt der Vorfall zu denken. Das war jetzt ein Triebwerk. Mann muss sich fragen: Kann das bei anderen auch passieren, oder sogar gleichzeitig? Dann sieht es natürlich anders aus. Mir kommt der Unfall von Sioux City in den USA mit einer DC-10 in Erinnerung. Das war 1989, als während des Fluges ein Triebwerk explodierte und Teile davon die Steuerhydraulik beschädigten. Die Maschine war danach praktisch nicht mehr zu steuern. Die Piloten schafften es jedoch noch einen Flughafen anzufliegen. Bei der Landung überschlug sich die Maschine und ging in Flamme auf. Trotzdem haben zwei Drittel der Passagiere überlebt.
Hat man aus dem Vorfall Konsequenzen gezogen?
Alle wichtigen Steuersysteme müssen immer mindestens zweifach vorhanden und voneinander getrennt sein. Wenn ein System ausfällt oder beschädigt wird, muss die Maschine auch mit dem anderen zu fliegen sein.
Hat das auch jetzt geholfen?
Der A380 hat zwei Hydrauliksysteme zur Steuerung. Bei dem Vorfall gestern war eines vermutlich betroffen. Trotzdem konnte man den Flieger noch lenken. Ältere Maschinen von Airbus haben allerdings drei Hydrauliksysteme.
Warum haben die A380 nicht auch drei?
Weil die Maschine mit dreien zu schwer wurde, hat man eines weggelassen. Natürlich kann man sich jetzt fragen, was passiert wäre, wenn sich zwei Triebwerkszwischenfälle – je eines auf einer Seite – auf einmal ereignet hätten. Es hätte zur Katastrophe kommen können.
Glauben Sie, gewisse Airlines warten bewusst die ersten Jahre einer Markteinführung eines neuen Flugzeugtyps ab, um nicht von Kinderkrankheiten betroffen zu sein?
Ja, klar gibt es Leute bei Airlines, die so handeln. Aber konkret: Fluggesellschaften, die jetzt den A380 bestellen und ihn erst in ein paar Jahren erhalten, werden das jetzt aufgetretene Problem hoffentlich nicht mehr haben.
Es heisst, die Ermittlungen könnten ein Jahr dauern. Warum so lange?
Das glaube ich nicht. Weder Airbus noch Rolls-Royce können sich das leisten. Die müssen jetzt so rasch wie möglich herausfinden, was los war. Sonst kriegen sie ein gewaltiges Problem. Es wäre nicht nur das Image der Firmen beschädigt, sondern auch die Akzeptanz der A380 in der Bevölkerung wäre gefährdet.
Die Verantwortlichen der Airlines sagen, sie hätten nach dem Zwischenfall Tests gemacht. Was kann man da sehen?
Die Triebwerke werden angeschaut. Beschädigungen, Risse oder sogar Haarrisse würde man so erkennen.
Haben Sie als Pilot auch schon einen Triebwerkausfall erlebt?
Als Pilot musste ich das oft trainieren. Für die Lizenzerneuerung ist es auch notwendig, dass man das kann. Selber musste ich auch schon in einer zweimotorigen Maschine ein Triebwerk wegen eines Problems abstellen. Das war über dem Wasser zwischen dem spanischen Festland und Palma de Mallorca und nicht gerade angenehm.
Was ist in so einem Fall zu tun?
Ich muss prüfen: Ist das Triebwerk kaputt? Wenn ja, schauen, ob das Triebwerk brennt. Wenn ja, Löschvorrichtung aktivieren. Spritzufuhr unterbinden. Triebwerk abstellen.
Haben Flugzeuge eine Löschvorrichtung für die Triebwerke?
Nicht alle, aber die meisten haben eins.
Wurde die im jetzigen Vorfall mit der A380 auch ausgelöst?
Ich habe noch keinen Bericht gelesen. Aber davon gehe ich aus. Wenn ein Triebwerk brennt, dann ist Alarmzustand. Es wird eine Feuerflasche mit Löschpulver abgeschossen, damit der Brand möglichst schnell eingedämmt wird. Man stelle sich vor, ein Trümmerteil hätte die Spritzufuhr durchschlagen und es hätte immer noch Feuer gegeben. Was dann geschieht, konnte man in Paris bei der Concorde sehen.
Kommt es zu einem Imageschaden für Airbus?
Airbus trifft erst einmal keine Schuld. Wenn, dann trifft es Rolls-Royce. Sollte sich herausstellen, dass das Problem beim Triebwerkshersteller liegt, dann haben die Briten hier natürlich ein ganz grosses Problem.
Wäre es theoretisch nicht möglich, dass doch der Flieger den Zwischenfall mitverursacht hat, dass er zum Beispiel zu schwer ist und die Triebwerke überfordert sind?
Nein, das halte ich nach jetzigem Wissensstand für nicht wahrscheinlich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.11.2010, 18:43 Uhr
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Hier eine LIste der letzten Triebwerksausfälle von B747 der Qantas welche zum Flugabbruch führten : 5.11.2010 Singapore 31.8.2010 San Francisco (uncontained engine failure) 28.7.2010 Hong Kong (engine surge) 4.6.2010 Bangkok (engine shut down in flight) 30.3.2010 Sydney (engine surge) 17.12.2002 Singapore Die Interpretation dieser Liste sei jedem freigestellt. Antworten
Der Flug von Zürich nach Singapur mit der A380 der Singapore Airlines um die Mittagszeit am 19. August 2010 wurde wegen technischen Problemen gecanneceld. Ungefähr 200 bis 300 Passagieren wurden mit 2-3 Stunden Verspätung auf andere Airlines umgebucht. Ich flog mit der Thai Air dann nach Bangkok und Phuket, anstatt nach Singapur - Phuket. Zum Glück hatten wir auf diesem Flug keine Probleme. Antworten
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