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Wie man einen Tsunami überlebt

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 07.10.2009 1 Kommentar

Bis er an Land kam, war der Tsunami nicht besonders beeindruckend: Er war nur eine etwas höhere Welle.

Gross aus der Ferne, tödlich aus der Nähe: Eine Tsunami-Welle reisst alles mit sich – hier auf Phuket im Dezember 2004.

Gross aus der Ferne, tödlich aus der Nähe: Eine Tsunami-Welle reisst alles mit sich – hier auf Phuket im Dezember 2004.
Bild: Keystone

Als die Welle an Land kam, lief sie einfach weiter: ein etwa ein Meter hoher Bulldozer aus Wasser. Innert Sekunden hatte sie die Hütte unterspült, wo er eben noch gewesen war.

Mike V. dachte kurz: «Verdammt, das ist gross!» und rannte, wie er nie gerannt war.

Alles zitterte

Geweckt hatte ihn ein starkes Zittern kurz vor sieben Uhr. Seine erste Vermutung war, dass seine Freundin fror. «Hey?», fragte er. Doch was zitterte, war die ganze Hütte. Mike V. hatte einige Erdbeben erlebt; aber die waren nur Gläserklirren im Schrank. Dieses kam von tief unten und hörte nicht auf. Vor der Hütte kreiste der Sand. Mike V. sah aufs Meer, aber dort änderte sich nichts. Er blieb, um noch zu lesen, sie ging Richtung Restaurant.

Das Riff fünfzig Meter vor der Küste machte Lalomanu, die schönste Bucht von Samoa, zur tödlichen Falle. Für die Leute am Strand unsichtbar zog sich das Wasser nur dahinter zurück. Davor blieb das Meer glatt wie ein Teich. Die einzige Warnung war ein nervöser weisser Schaum auf dem smaragdgrünen Wasser.

«RUN, RUN!»

Ein Hotelangestellter begriff zuerst. Er rief «RUN, RUN!» Worauf Mike V. die Hütte verliess und zögernd die Welle betrachtete. Bis er sah: «Verdammt, das ist gross!» Und rannte.

Von der nächsten Minute, in der er sein und zwei andere Leben rettete, hat Mike V. – lang, dünn, drahtig – nur Stille im Gedächtnis. Nichts vom Brodeln der Welle, dem Knacken von Hütten und Palmen, sondern nur das Rennen. Er rannte über den Strand, dann quer über eine Strasse, sprang über einen vor ihm gestürzten Körper, erkannte, dass es seine Freundin war, riss sie hoch, rannte hinter anderen Flüchtenden her, erreichte den steilen Hügelabhang, die Freundin geriet in Panik und blieb stehen, er zwang sie den Abhang hoch, packte ein fünfjähriges einheimisches Mädchen, warf es wie einen Ball über den Felsen, machte einen Klimmzug, während hinter ihm das Wasser an den Stein krachte.

Er blickte sich um und sah in flüssiges Braun. Er sah, wie Palmen knickten und ein Bus über die Schnauze gekippt wurde. Dann flohen sie durchs Gestrüpp des tropischen Waldes nach oben und sahen nichts mehr. Mike V. trug nichts als ein Tuch über den Hüften, zog das Mädchen hinter sich her, und als sie den halben Weg durch Felsen, Büsche, Schlingpflanzen nach oben geklettert waren, lachte er.

Dem Erdboden gleich

Oben trafen sie auf die Schotterstrasse und erstaunlich bald auf Hilfstrupps. Ein Samoaner namens Mika, der bei der Uno einen Kurs in Katastrophenhilfe besucht hatte, organisierte vom Hügel aus Sanität, Wasser, Transport. Gegen Mittag kehrte Mike V. zur Bucht zurück. Von den rund hundert Häusern stand nichts mehr. Überall war Morast und Müll: Blech, Holz, Metall, Beton. In den vom Meer zurückgelassenen Tümpeln schwammen noch Korallenfische.

Die Lehrerin, mit der sie am Vorabend Witze gemacht hatten, war tot. Der Junge vom Nebentisch auch. Ebenso die herzliche Hotelchefin. Die Toten waren vor allem ältere Leute und Kinder: allein in Lalomanu über 70 Menschen. In den Zeitungen las man Geschichten wie die von einer Mutter, die alle drei Kinder verlor: Das jüngste, ein Baby, wurde ihr vom Wasser aus den Armen gerissen. «Ich versuchte, mit ihr über Gott zu reden, aber sie hat nur geschrien», sagte ihr Vater, der sie im Spital besuchte.

Für die Touristen lief die Bergung rasch wie im Traum: Busse fuhren sie in ein Hotel, am nächsten Tag startete ein Jumbo Richtung Australien. Im Bord-TV sah Mike V. sich selbst in den Nachrichten, wie er in Lalomanu durch die Trümmer ging.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2009, 07:10 Uhr

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1 Kommentar

Markus Keller

07.10.2009, 09:00 Uhr
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Wirklich beklemmend zu erfahren, dass der wohl schönste Südseestrand - Lalomanu - nun völlig zerstört ist - ich habe Bilder gesehen ... unglaublich ! Die grosse Familie Taufua wird einige Angehörige verloren haben ... "meine" liebe Sieni hat es, diesem Bericht zufolge, wohl auch nicht geschafft ... ich bin sehr traurig ! Keine Möglichkeit bisher, etwas von all meinen Freunden in Samoa zu erfahren. Antworten



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