«Wir werden für Lucie weiterkämpfen»

Das Bezirksgericht Baden hat den Mörder von Lucie zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Zudem soll er verwahrt werden. Weil es keine lebenslängliche Verwahrung ist, zeigte sich Lucies Mutter enttäuscht.

Erschüttert vom Prozess: Nicole Trezzini, die Mutter von Lucie.
Video: Jan Derrer

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«Sie sind gefährlich, eine Gefahr für die Öffentlichkeit», sagte Gerichtspräsident Peter Rüegg zu Daniel H. bei der Urteilseröffnung. Deshalb müsse neben der lebenslänglichen Freiheitsstrafe auch eine Massnahme angeordnet werden. Dabei sei das Gericht zum Schluss gekommen, dass eine lebenslange Verwahrung, wie dies die Anklage verlangt hatte, nicht angezeigt sei. Denn es könne gemäss den Aussagen der beiden Gutachter nicht definitiv gesagt werden, ob Daniel H. dauerhaft nicht therapierbar sei. Damit bleibe die normale Verwahrung, bei der die Massnahme regelmässig überprüft werden müsse. Eine stationäre Massnahme sei überhaupt kein Thema gewesen.

Nach Ansicht des Gerichts erfüllte die Tat von Daniel H. vollumfänglich den Tatbestand des Mordes. Daniel H. sei skrupellos und heimtückisch vorgegangen, als er Lucie Trezzini getötet habe. Ein schwerwiegenderes Verschulden sei nicht vorstellbar, sagte der Vorsitzende des Bezirksgerichts Baden. Die lebenslängliche Freiheitsstrafe begründete das Gericht unter anderem damit, dass der 28-jährige Schweizer bereits einmal wegen versuchter Tötung verurteilt worden war.

«Es gibt Hinweise auf sexuelles Geschehen nach der Tat»

Trotz des Prozesses gibt keine Klarheit über das Motiv des Mordes. Daniel H. hatte behauptet, dass er das Au-pair Lucie getötet habe, weil er wieder ins Gefängnis kommen wollte. «Sie sagen nicht die Wahrheit», sagte der Gerichtspräsident zu Daniel H. Vielmehr sei es um eine narzisstische Kränkung gegangen, nachdem Lucie gemerkt habe, dass er keinesfalls ein Modefotograf sei, wie er dies vorgetäuscht hatte. Weil er sein Gesicht verloren habe, sei Daniel H. mit brutalster Gewalt auf Lucie losgegangen.

Das Gericht geht auch davon aus, dass beim Motiv eine sexuelle Kompenente eine Rolle gespielt habe. «Es gibt Hinweise auf ein sexuelles Geschehen - allerdings erst nach der Tat», sagte Gerichtspräsident Rüegg. So waren an der Leiche Spermaspuren gefunden worden, für die der Täter unterschiedlichste Erklärungen präsentiert hatte.

120'000 Franken Genugtuung für Familie Trezzini

Schliesslich legte das Gericht die Genugtuungssummen für die Familie Trezzini fest: Die Eltern sollen je 45'000 Franken erhalten, die beiden Geschwister je 16'000 Franken. Zudem bekommt der Vater einen Schadenersatz von 8000 Franken.

Bei der Urteilseröffnung war die Anspannung im Gerichtssaal zu spüren und zu sehen. Vater Trezzini verfolgte die Erklärungen des Gerichtspräsidenten mit versteinerter Miene. Daniel H. wirkte zuerst sehr nervös, mit der Zeit aber gefasster. Er senkte wiederholt den Kopf, dann schaute er wieder mit leerem Blick zur Bank der Richter.

Staatsanwalt und Familie Trezzini nicht zufrieden

Kurz nach der Urteilseröffnung sagte der Verteidiger von Daniel H., dass das Gericht ein insgesamt nachvollziehbares und korrektes Urteil gefällt habe. Dagegen wird die Staatsanwaltschaft einen Weiterzug des Falls ernsthaft prüfen. Der Ankläger Dominik Aufdenblatten sagte, dass er sein Hauptziel zwar erreicht habe, nämlich den Täter für lange Zeit wegzusperren. Dies genüge ihm aber nicht. Denn ein extremer Fall erfordere extreme Sanktionen. Laut Aufdenblatten hätte nur die lebenslange Verwahrung die maximale Sicherheit gebracht.

Nicht zufrieden mit dem Urteil zeigte sich die Familie Trezzini. «Ich bin enttäuscht», sagte Nicole Trezzini, die Mutter der ermordeten Lucie. Sie und Roland Trezzini hatten vor dem Prozess die Hoffnung geäussert, dass Daniel H. lebenslänglich verwahrt wird. «Ich glaube, dass das Gericht nicht den Mut hatte, die Maximalstrafe auszusprechen», sagte Lucies Mutter. «Wir werden für Lucie weiter kämpfen.»

Verteidigung forderte 18 Jahre Haft und stationäre Therapie

Heute Vormittag hatte die Verteidigung von Daniel H. hat in ihrem Plädoyer 18 Jahre Gefängnis und eine stationäre Therapie für ihren Mandanten beantragt. Die Straftat sei «unverständlich, nicht entschuldbar und unter rationellen Gesichtspunkten nicht nachvollziehbar», sagte Pflichtverteidiger Matthias Fricker. Der Tatbestand des Mordes sei im Fall Lucie erfüllt. Daniel H. müsse wegen Mordes schuldig gesprochen werden. Er beantragte eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren. Der Strafvollzug sei zu Gunsten einer Therapie in einer geschlossenen Anstalt aufgeschoben werden.

Im Gegensatz zum Staatsanwalt Dominik Aufdenblatten argumentierte der Verteidiger, dass Daniel H. grundsätzlich therapierbar sei. Das hätten seiner Meinung nach auch die Gutachten gezeigt. Der Beschuldigte brauche eine intensive Therapie mit enger Betreuung. In der Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf (ZH) wären diese Möglichkeiten gegeben, sagte Fricker. Damit gebe es für Daniel H. «einen kleinen Hoffnungsschimmer». Bei einer Verwahrung würde er für immer weggeschlossen.

Nachträgliche Verwahrung möglich

Die vierjährige Therapie im Massnahmenzentrum Arxhof (BL) nach der ersten Verurteilung wegen versuchter Tötung habe nicht funktioniert, weil sie zu wenig lang und zu wenig intensiv gewesen sei, erklärte der Verteidiger weiter. Eine lebenslängliche Freiheitsstrafe mit anschliessender lebenslanger Verwahrung sei nicht angemessen. Beispielsweise müsse die mittlere Verminderung der Schuldfähigkeit bei der Tat – Daniel H. war im Alkohol- und Koksrausch – zwingend eine Strafreduktion bedingen. Schliesslich müsse berücksichtigt werden, dass der 28-jährige Schweizer eine schwere Kindheit gehabt habe. Der Angeklagte sei ausserdem im Alter von elf Jahren von einem Bekannten der Mutter sexuell missbraucht worden.

Die geforderte stationäre Therapie bedeute nicht, dass Daniel H. je wieder auf freien Fuss kommen werde, sagte der Pflichtverteidiger. Greife die Massnahme nicht, könne nachträglich immer noch eine Verwahrung angeordnet werden.

In seiner Replik bekräftigte Staatsanwaltschaft Dominik Aufdenblatten seine Forderung nach der Maximalstrafe für den Mörder von Lucie Trezzini. «Extreme Fälle erfordern extreme Sanktionen.» Es müsse dringend verhindert werden, dass Daniel H. ein weiteres Tötungsdelikt begehe. Deshalb gebe es in seinem Fall nur die lebenslange Verwahrung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.02.2012, 20:16 Uhr

Bildstrecke

Der Prozess gegen Daniel H.

Der Prozess gegen Daniel H. Knapp drei Jahre nach dem Tötungsdelikt am Au-pair-Mädchen Lucie wurde der Täter vor dem Bezirksgericht Baden zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Zudem wird er verwahrt.

Erschüttert vom ersten Prozesstag: Roland und Nicole Trezzini, die Eltern von Lucie. (Video: Jan Derrer)

Serge Flury, Anwalt von Lucies Eltern: Bilanz des ersten Prozesstages. (Video: Jan Derrer)

«Ich will ihm in die Augen schauen»: Mualla Müller, Au-pair-Gastmutter von Lucie, vor dem Prozess. (Video: Jan Derrer)

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