Woran erkennt man einen Attentäter?

Das gängige Bild des bärtigen Jihadisten entspreche nicht der Realität, sagt ein deutscher Psychologe – und kritisiert die Sicherheitsbehörden.

Der Screenshot eines Videos zeigt einen Vermummten der Islamischen Jihad-Union. (Archivbild)

Der Screenshot eines Videos zeigt einen Vermummten der Islamischen Jihad-Union. (Archivbild) Bild: Intelcenter/Keystone

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Der Bremer Psychologe Dietmar Heubrock erforscht Verhalten und Auftreten von Attentätern und berät Sicherheitsbehörden. In einem Interview mit der «Welt am Sonntag» erzählt Heubrock, warum wir ein gefährlich falsches Bild vom Bösen haben.

Dietmar Heubrock hat auf dem Gang des Bremer Polizeipräsidiums eine Begegnung, die sein künftiges, berufliches Leben massgebend beeinflussen sollte. Heubrock unterstützte damals die Mordkommission bei der Aufklärung eines Falls. Ein Personenschützer, der Heubrock kannte und wusste, dass dieser zu Verhaltenserkennung forschte, fragt deshalb: «Herr Heubrock, man müsste doch einen Attentäter in einer Menge anhand seines Verhaltens erkennen können, oder?»

Aus Neugier beginnt Heubrock zu forschen. Heute berät und schult er als Direktor des Bremer Instituts für Rechtspsychologie Sicherheitsbehörden in ganz Norddeutschland bei der frühzeitigen Erkennung von islamistischen Attentätern.

Adynamisch und nervös

Ein Täter erkenne man nicht am Aussehen, sondern am Verhalten, sagte Heubrock der «Welt am Sonntag». Ein Attentäter versuche, sich aus seiner Sicht möglichst unsichtbar zu machen und verhalte sich nicht dynamisch: «Das gesamte Auftreten soll vermitteln: Ich bin gar nicht da», so Heubrock. «Wenn Polizisten eine Menschenmenge auf einem Überwachungsbildschirm sehen, vielleicht sogar im Zeitraffer, wirkt es so, als ob sich alle anderen Leute schnell bewegen – nur der Attentäter bewegt sich langsam und adynamisch.»

Bei einem Experiment entdeckte Neubrock, wie die Beobachteten unheimlich viel an sich oder an Objekten wie Wasserflaschen herumfingerten. «Einer hat in kurzer Zeit 34 Mal an seiner Flasche genippt, ohne wirklich zu trinken.»

Falsche Vorstellungen

Auf die Frage, wie der typische Attentäter aussehe, sprach Heubrock über falsche Vorstellungen: «Das Bild– jung, bärtig, arabisch, mit Gebetskette, vor sich hin murmelnd – hält sich hartnäckig, ist aber falsch. Tatsächlich steht ja im Koran, man solle frisch rasiert, gut riechend und in feinen Kleidern in den Tod übertreten.» Einen Rucksack trügen heute natürlich alle, das sei nichts Besonderes mehr, sagte Heubrock.

Gerade deswegen seien die Verhaltensweisen entscheidend. Die deutschen und die österreichischen Polizeien seien flächendeckend mit diesen Erkenntnissen geschult worden, erklärt Heubrock.

Sinnlose Polizeitaktik

Dass mehr bewaffnete Polizisten und Sicherheitspersonal an Bahnhöfen und Flughäfen etwas brächte, bestreitet Heubrock: «Wenn ein Attentäter an den Hauptbahnhof kommt und den Behörden davor nicht aufgefallen ist, dann taucht er in der Menschenmenge unter. Wenn er dann den Knopf seiner Sprengstoffweste drückt, dann ist es ja vorbei, da nützen Maschinenpistolen auch nichts mehr. Das offene Tragen der Waffe ist also polizeitaktisch sinnlos.»

Den Wunsch der Bevölkerung nach öffentlicher Präsenz von Sicherheitskräften zu erfüllen, nennt Heubrock eine «reine Showveranstaltung». Es brauche mehr Voraufklärung und verdeckte Ermittlungen, das Problem seien aber die Personalkosten. «Observationen sind sehr zeitintensiv, das läuft im Drei-Schicht-System. Da ist es einfacher, öffentlichkeitswirksam ein paar Polizisten vor den (Kölner, Anm. Red.) Dom zu stellen.»

Berichten ja, aber keine Zuständigkeit

Auch auf die Rolle der Medien ging der Rechtspsychologe ein. Sie spielten eine wichtige Rolle: Es gebe immer wieder konkrete Hinweise, wie zu Silvester in München. «Die Sicherheitsmassnahmen werden hochgefahren, dann sollte auch berichtet werden, aber auch nur dann – kein ständiges, abstraktes Grundrauschen. Das wäre fair und würde die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren.»

Heubrock monierte, dass den politischen Kräften ein Grundkonzept von Abwehr und Sicherheit fehle. Die Bevölkerung gewöhne sich langsam an Sicherheitskräfte mit entsprechender Ausrüstung und erkenne auch deren Nutzen. «Die Politik müsste eine ehrliche Grundbotschaft senden und sagen: Es ist zu erwarten, dass es Attentate mit Verletzten und Toten geben wird. Gleichzeitig müssen die Behörden klarmachen, dass sie verdeckt alles dafür tun, dass so wenig wie möglich passiert.

An den Erkenntnissen fehle es nicht, so Heubrock; da seien die Sicherheitskräfte gut aufgestellt, «personell aber leider nicht».

(Erstellt: 15.02.2016, 19:34 Uhr)

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