Panorama
Wutprobe auf dem Flughafen
Charles de Gaulle: Grund für Barlakovichs Wutanfall war eine verpasste Maschine.
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Er war einer der unauffälligsten in der österreichischen Regierung, zumindest bis zu Beginn dieser Woche: Nikolaus Berlakovich, Landwirtschafts- und Umweltminister, Mitglied der Österreichischen Volkspartei, Angehöriger der kroatischen Minderheit im Burgenland. In der Regierung seit 2008, fiel er zwar nicht positiv, aber auch nicht besonders negativ auf, was in dieser Grossen Koalition schon eine Leistung an sich ist. Dann aber kam sein grosser Auftritt.
Warten mit der Delegation
Es geschah in Paris, auf dem Flughafen Charles de Gaulle. Er war mit einer Delegation auf dem Weg zum Klimagipfel in Cancún, doch der Flug von Wien nach Paris war verspätet, und die Air-France-Maschine nach Mexiko wartete den Anschluss nicht ab. Das Flugzeug stand noch da, aber das Gate war geschlossen. Man habe dem Piloten noch zuwinken können, berichtete ein Mitglied der österreichischen Delegation.
Jeder Reisende kennt diese Situation: Anschlussflug weg, Warten am Schalter, endlose Diskussionen über Umbuchung oder Hotelzimmer. Unangenehm, aber am besten mit Geduld und Gleichmut zu meistern.
«Nie wieder Air France! (AF 3.435 1.00%) »
Berlakovich aber bekam einen Tobsuchtsanfall. Er brüllte «Nie wieder Air France!» und dass die österreichische Botschaft in Paris ein «Saustall» sei. Noch auf dem Flughafen verfügte der Minister, dass die Landwirtschaftsattachée in Paris sofort zu entlassen sei. Die österreichische Diplomatin hätte die Air-France-Maschine nach Mexiko aufhalten sollen, war aber nie am Flughafen erschienen. Auch der Botschafter wurde von ihr nicht informiert.
Und weil der Aussenminister gerade im Sudan weilte, konnte Berlakovich nur auf dessen Combox sprechen. So mussten der erzürnte Minister und seine Delegation wie gewöhnliche Passagiere eine Nacht im Flughafenhotel verbringen und bekamen zum Trost Essensgutscheine im Wert von 25 Euro.
Willkommen in der Realität
Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu sorgen. Ein Journalist der «Presse» berichtete quasi live von dem Vorfall, alle anderen Medien griffen die Beschreibung dankbar auf. Und mit seinen Erklärungen machte Berlakovich alles noch schlimmer: Er sei in wichtiger Mission unterwegs, und «mir graut davor, was einem Normalbürger auf Reisen passieren kann, wenn unsere Diplomaten schon Ministern so wenig helfen». So zeigte er nicht nur Taktlosigkeit, sondern vergraulte gleich seinen Parteikollegen im Aussenministerium, der etwas pikiert seine Diplomaten in Schutz nahm. Der Botschafter in Paris liess dem Landwirtschaftsminister ausrichten, er solle «nicht die Nerven wegschmeissen».
Einhellig sind auch die Hunderte Postings auf den Websites von Zeitungen und vom Österreichischen Rundfunk. Berlakovich wird in «der Realität» willkommen geheissen, es werden ihm Reisetipps gegeben und auch etwas mehr Bescheidenheit empfohlen. Weniger höfliche Briefschreiber heissen ihn hingegen einen Trottel und lassen die alte Tradition der Burgenländer Witze aufleben.
«The world in Vorarlberg is too small»
Nun, Nikolaus Berlakovich schaffte es am nächsten Tag doch nach Cancún und bekam sein Foto mit Ministerkollegen aus aller Welt. Die Episode vom Pariser Flughafen aber wird an ihm kleben bleiben wie alter Kaugummi. Selbst wenn er jetzt im Alleingang die Welt vor der Klimakatastrophe retten würde.
So wie sich die Österreicher an Martin Bartenstein nicht als Wirtschaftsminister erinnern, sondern als jenen Spitzenpolitiker, der beim Schuhkauf um einen Rabatt feilschte. Oder an Verkehrsminister Hubert Gorbach, weil er seine Jobsuche beim britischen Finanzminister mit «the world in Vorarlberg is too small» begründete. Österreich hat einen peinlichen Politiker mehr: einen Minister ohne Nerven. Einer, der Mitarbeiter feuert, bloss weil er den Flug verpasst. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.12.2010, 08:30 Uhr
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