Panorama
Zuerst abgestempelt – und nun geehrt
Von Tina Uhlmann. Aktualisiert am 19.03.2010 1 Kommentar
Schweizer Volkskultur 2010: Die freie Jodlerin Christine Lauterburg und der Verbandsjodler Josef Schärli friedlich vereint. (Bild: zvg)
«Wir haben doch gar keinen Krach, gäu Chrige», habe die Präsidentin des Jodlerverbandes kürzlich zu ihr gesagt. Chrige Lauterburg lacht fröhlich in ihr Handy: «‹Nein, wirklich nicht›, hab ich geantwortet. Die Karin ist eine sehr nette Person.» Lauterburg ist gerade in Graubünden von einem Konzert zum nächsten unterwegs. Das vom «Blick» geschürte Skandälchen um die Sonderbriefmarke, die sie mit offenem Haar, Alphorn und Schweizer Fahnen zeigt, hat sie nicht weiter beachtet. Schliesslich ist es ja auch nur ein Strohfeuer im Vergleich zu den Stichflammen, die vor 25 Jahren im Lager der korrekten Vereinsjodler hochgingen. Damals war Lauterburg in Langenthal am Kantonalen Jodlerfest und dann in Brig am «Eidgenössischen» in Tracht und Leder aufgetreten – mit eigener Komposition, sich selbst begleitend. Alles reglementwidrig. In der Folge wurden ihre Konzerte des Öftern von militanten Traditionalisten gestört.
«Ich bin dann bald wieder aus dem Jodlerverband ausgetreten», erinnert sich die Stadtbernerin, «freiwillig und überzeugt, dass das nicht meine Welt ist.» «Echo der Zeit», jenes erfolgreiche Dancefloor-Album, das ihr 1994 den Stempel «Techno-Jodlerin» eintrug, sorgte noch einmal für Empörung, danach wurde es ruhiger um die Frau, die dem aktuellen Volksmusikboom zwei Jahrzehnte voraus war.
Inakzeptabel für Schützen
Karin Niederberger, die Präsidentin des Jodlerverbands, konnte sich in den letzten Tagen weniger gut entspannen als «Chrige» on tour. Sie musste den Medien wiederholt bestätigen, dass der Verband die von der Schweizer Post gestaltete Marke so abgesegnet hat. Gleichzeitig musste sie Verbandsmitglieder beruhigen, die gern jemanden aus den eigenen Reihen darauf gesehen hätten. Der Luzerner Jodler und Dirigent Franz Stadelmann klagte dem «Blick», Lauterburg habe einen seiner Liedtexte über die Kämpfe der alten Eidgenossen mit dem Ausruf «Immer nur übers Schiessen, übers Schiessen!» kommentiert. «Das ist wieder typisch, eine Schiessgegnerin auf unserer Briefmarke», doppelte Hans Kyburz im Blog der Zeitung nach, und jemand anders forderte: «Ab in die Wüste mir ihr.» Von dort, genauer aus Dubai, kam folgende Antwort: «Eine Revoluzzerin auf der Briefmarke! Klasse, diese Griesbappen-Vereine sollen sich mal anpassen.»
Christine Lauterburg selbst versteht sich als Künstlerin, nicht als Revoluzzerin. Was sie heute musikalisch macht, hat sich längst weit entfernt von jenem Technojodel, der die schiesswütigen Herren noch immer in den sensiblen Ohren schmerzt. Dabei haben sie ja ihre eigene Sondermarke bekommen: Zusammen mit der Jodelmarke und zwei weiteren Marken zur Schweizer Volkskultur ist eine vierte zum Eidgenössischen Schützenfest erschienen – alles A-Post-Marken, absolut gleichberechtigt.
Zu spät für Sophie Taeuber
Gleichberechtigt sind Frauen auf Schweizer Briefmarken auch mit Lauterburgs Präsenz noch nicht – gerade deshalb freut sie sich über diese Ehre: «Das ist schon richtig so!» Auch die bildende Künstlerin Sophie Taeuber, bisher einzige Frau auf einer Schweizer Banknote (50 Franken), hätte sich wohl gefreut, wäre sie noch zu Lebzeiten anerkannt worden. Doch dazumal stempelte man sie als Kunsthandwerkerin ab. Wie Lauterburg kombinierte Taeuber inhaltlich und technisch Dinge, die offiziell nicht zusammenpassten – auch sie ihrer Zeit eine Nasenlänge voraus.
«Kann ich denn jetzt einen Naturjutz singen und mich dazu auf der Geige begleiten?», fragte Chrige, als Karin sie zwecks Glättung der Wogen fragte, ob sie nicht wieder in den Verband eintreten wolle. Nein, das geht noch immer nicht. So bleiben die einen, wo sie sind, und die andere zieht weiter. Trotzdem sind sie jetzt vereint. Damit habe er keine Mühe, erklärte Josef Schärli der «Zentralschweiz am Sonntag». Auf besagter Briefmarke steht der Littauer Verbandsjodler neben Lauterburg ganz traditionell seinen Mann. (Berner Zeitung)
Erstellt: 19.03.2010, 10:05 Uhr



Hans Iseli
Das übliche, durchaus produktive Nebeneinander von Tradition und Veränderung. Ist doch gut so! Antworten