Berner Waldmenschen droht Gefängnis

Keine Gnade für die Lebenskünstler vom Bremgartenwald: «Chrütli» und seine Kollegen sind wegen des illegalen Zeltcamps verurteilt worden.

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Camp-«Vater» Martin Wyss sitzt zusammen mit seinen Kumpanen Witold, Mättu und Ante am Lagerfeuer und hält den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft in der Hand. «Acht Tage Gefängnis! Kein Problem! Dann nehme ich gleich mein ganzes ‹Bagasch› und die Dreckwäsche ins Amtshaus mit und kann mich im Winter aufwärmen», sagt Wyss, der von seinen Kollegen liebevoll «Chrütli» genannt wird.

Der 45-Jährige lebt seit über zwei Jahren im selbst gebauten Zeltlager im Bremgartenwald. Später gesellten sich weitere Freigeister dazu. Die Bewohner der Wald-WG sind nun wegen Übertretung des Wald- und Baugesetzes zu einer Busse von 800 Franken oder acht Tagen Gefängnis verurteilt worden.

Dazu kommen 300 Franken Verfahrenskosten. Dies weil sie «ohne behördliche Bewilligung ein aus mehreren Zelten und einem überdachten Kochplatz bestehendes Waldcamp einrichteten und den Waldboden für nichtforstliche Kleinbauten beanspruchten», heisst es im Schreiben der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland.

Für die Lebenskünstler vom Bremgartenwald kommt es aber nicht infrage, die Strafe zu bezahlen. «Dann gehen wir halt alle zusammen in eine Zelle. Das wird sicher lustig», sagt Mättu und reicht die Hanf-Pfeife weiter, wie er sie auch in der Stadt verkauft, um so seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Räumung in weiter Ferne

Die Posse um die Waldbewohner geht in die nächste Runde. Das Amt für Wald des Kantons Bern hatte im April die Aussteiger angezeigt – dies auf Druck der Burgergemeinde Bern, der das Waldstück gehört: «Wir hatten zu keinem Zeitpunkt Zweifel, dass es sich um eine unzulässige Nutzung handelt», schreibt Oberförster Stefan Flückiger in einer Stellungnahme der Burgergemeinde. Mehr will er momentan nicht sagen.

«Immerhin grüsst uns Flückiger inzwischen», so Wyss. Die Waldbewohner überlegen sich, ob sie das Urteil anfechten sollen. Das zuständige Amt für Wald des Kantons Bern will sich derzeit nicht zum Fall äussern, weil die Beschwerdefrist noch läuft. «Je nachdem prüfen wir danach weitere rechtliche Schritte», so Niklaus Bernhard, Sprecher der Volkswirtschaftsdirektion.

«Ich nehme gleich meine ganze Dreckwäsche ins Gefängnis mit.»Martin «Chrütli» Wyss, Waldcamp-Gründer

Eine Räumung des Camps scheint so oder so in weiter Ferne. «Es gibt einen riesen Shitstorm, wenn sie uns aus dem Wald werfen. Das will niemand riskieren», sagt Martin «Chrütli» Wyss selbstbewusst. Die Mühlen der Justiz mahlen sowieso langsam. Alleine drei Wochen hat es gedauert, bis ein Gerichtsschreiber Wyss den Strafbefehl höchstpersönlich im Zeltlager überreicht hat. «Frühere Bewohner müssen den Strafbefehl im Fundbüro abholen, hätten die Beamten gesagt», erklärt der bärtige Witold und lacht.

Zoff im Waldcamp

In der Gemeinschaft der Waldbewohner hat es in den letzten Wochen rumort. Der 21-jährige Alain musste das Camp verlassen. «Wir haben ihn fortgeschickt, er hat sich einfach zu fest gehen lassen», sagt «Chrütli». Alain habe sich nun einige Wochen selbst durchschlagen müssen, das habe ihm gutgetan.

Man rechne damit, dass er bald wieder zurückkehren könne. Im Frühling haben Medien aus der ganzen Schweiz über die Lebenskünstler vom Bremgartenwald berichtet, nachdem der «Bund» die Geschichte publik gemacht hatte. Der Hype habe sich aber rasch wieder gelegt. Nur Ante aus Wohlen ist vor einem Monat neu zur Gruppe gestossen. «Meine Freundin würde auch gerne hier leben, nur kann sie leider derzeit nicht», sagt Mättu.

Die Lebenskünstler vom Bremgartenwald geniessen derzeit die sonnigen Augusttage. «Chrütli» hat in den letzten Tagen über drei Kilo Eierschwämme gesammelt. Die Erholung kommt nicht zu kurz. «Ich nehme gerne ein Bädli im Wohlensee. Den Fleischmärit wie in den Badis ertrage ich nicht mehr», sagt Wyss und lehnt sich zurück.

Vergangenes Wochenende besuchte er das Stadtfest in Bern-West. «Das war für mich ein Heimspiel», sagt «Chrütli», der in Bümpliz aufgewachsen ist. 2014 führte ihn eine Lebenskrise in den Wald: Zuerst verlor er Job und Wohnung, dann ging die Beziehung mit seiner Verlobten in die Brüche.

Für ihn ist nach zwei Jahren im Bremer klar: «Ich bleibe für immer im Wald. Nur hier habe ich meine ganze Freiheit.» Im Winter ist das Leben im Wald bei bis zu minus 16 Grad kein Zuckerschlecken. Die Bewohner denken darüber nach, das Camp wetterfester zu machen. «Ein Holzdach wäre nicht schlecht, um Wärme zu speichern», so Wyss.

Nächsten Frühling will «Chrütli» dann dem Camp für längere Zeit den Rücken kehren, er will auf den Jakobsweg. «Lourdes, Santiago und dann noch nach Biarritz – ich will endlich wieder einmal surfen!» (Der Bund)

Erstellt: 25.08.2016, 12:50 Uhr

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